Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228904--66096-3278258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
zum Bunde" vor, worauf die Hülle des Banners fiel, und den Ehrengästen das Wort zur Ansprache erteilt wurde. Die Delegierten der auswärtigen Vereine überreichten Fahnenbänder und Fahnennägel. Die eigentlichen Kongreßverhandlungen fanden - am nächsten Tage unter Vorsitz des Herrn Löwen st ein» Berlin statt. Es wurde beschlossen, einen Zentralverband jüdischer Handwerkervereine mit dem Sitz in Berlin ins Leben zu rufen. Ferner wurden Beschlüsse gefaßt, welche eine Regelung der Lehrlingsfrage anstreben. Auch soll eine eifrige Agitation entfaltet werden, um die sämtlichen Handwerkervereine deni Zentralverbänd anzuschließen. Eine weitere Resolution wurde angenommen, dafür zu propagieren, daß die Handwerker und Gewerbetreibenden Sitz und Stinnne in den Gemeindekollegien erhalten. Zum Vorsitzenden des Zentralverbandes wurde Herr I. Löwenstein-Berlin gewählt. Der hiesige Handwerkerverein hat bereits einendedeutenden Erfolg zu verzeichnen. Bei den vorgenommenen Minoritätswahlen zum Repräsentantenkollegium der Gemeinde wurde der Vereinsvorsitzende Herr Eduard-Berlin (Steinmetzmeister) gewählt. — Herr S. M. Nathan, der langjährige Vorsitzende der Armenverwaltung der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, ist nach kurzer schwerer Krankheit im Freimaurerkrankenhaus gestorben. Der Verblichene, der ein Alter von 69 Jahren erreichte, gehörte auch viele Jahre dem Repräsentantenkollegium, dem Vorstand des Synagogenverbandes und vielen anderen gemeinnützigen Institutionen an. Trotz seiner geschäftlichen Tätigkeit bekleidete er alle seine Ehrenämter mit voller Hingabe. Die Bestattung fand unter großer Beteiligung statt. Der Gemeindepräfes Herr Levin Lion, die sämtlichen Gemeindevorsteher und Abordnungen der meisten Gemeinde-Institutionen waren anwesend. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner N. A. Nobel, der, anknüpfend an einen Psalmvers, den Lebensgang des Verblichenen schilderte. Für das Freimaurerkrankenhaus. in dessen Verwaltung der Verstorbene 32 Jahre tätig war sprach Herr Otto Heise ein tiefempfundenes Abfchiedswort. Herr Uri as hielt im Namen, der Armenkommission dem treuen Mitarbeiter einen herzlichen Nachruf. Zum Schluß gedachte Herr Dr. Fürst des schweren Verlustes, den die Verwandten durch das Hinscheiden ihres Oberhauptes erlitten hüben. Die Bestattung fand auf dem Ohlsdorfer Friedhof statt. MB. Kreuznach, 9. Dezember. Eine erhebende Feier veranstaltete am Sonntag, 28. November, der hiesige Wehr- und Kriegerverein anläßlich seines 40jährigen Bestehens. Die Einleitung der Feier bildete die Ehrung der verstorbenen Krieger an ihren Gräbern. Nachdem auf dem christlichen Friedhofe durch Niederlegen von Kränzen und durch Ansprachen dieser Akt der Pietät vollzogen war, setzte sich der imposante Festzug unter Vorantritt einer Kapelle wieder in Bewegung, um auch, den verstorbenen jüdischen Kameraden diese Ehrung zuteil werden zu lassen. Die Führung des Zuges leiteten der Vorsitzende des Wehr- und Kriegervereins, Landtagsabgeordneter I. B. Engelsmann, sowie der Vorsitzende des linksrheinischen Kriegerverbandes, vr. meä. Kühler. Am Portale des israelitischen Friedhofes angelangt, empfing der gesamte Vorstand der jüdischen Gemeinde: die Herren I Woog, K. Brück, E. Wolfs I. und D. Rotenberg, den Festzug und geleitete ihn in die geräumige Friedhofshalle, die jedoch die zahlreich Erschienenen nicht zu fassen, vermochte. Nachdem die Ehrung der verstorbenen Kameraden durch Niederlegen eines Kranzes erfolgt war, ergriff Rabbiner Dr. Tawrogi das Wort zu einer von patriotischem Geiste durchglühten Ansprache, in welcher er hervorhob, daß der soeben vollzogene Akt der Pietät ein Zeugnis echter Kameradschaft sei und dem Verein selbst zur Ehre gereiche. Er gab dem Wunsche Ausdruck, daß sich die Mitglieder noch langein geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit um die Vereinsfahne scharen und sich noch lange der Segnungen des Vaterlandes erfreuen möchten, dessen Einheit sie mit erkämpft hätten. Hierauf intonierte die Kapelle noch einen Choral, womit die würdige Feier ihren Abschluß fand. — Hannover, 10. Dezember. Am 28. November hat die diesjährige Kuratoriumssitzung der Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem in den Räumen der Zion-Loge stattgefunden. Aus dem Bericht des Vorstandes ist insbesondere zu erwähnen, daß in dem abgelanfenen Jahre 13 Gärtner, 2 Bäcker und 1 Schuhmacher als ausgebildete Gehilfen entlassen sind und bis auf zwei, die nach Amerika anszuwandern beabsichtigen, sämtlich Stellung gefunden haben. Der vorgelegte Etat für 1910 schließt in Einnahme und Ausgabe mit 119500 Mark ab. Wesentliche, die Allgemeinheit interessierende Posten darin sind ein Beitrag der Alexander und Fanny Simonschen Stiftung von '10000 Mark und jährliche Spenden, die mit 45000 Mark veranschlagt werden mußten, um das Gleichgewicht in der Rechnung herzustellen. Zur Erreichung dieser Summe wird es andauernder Tätigkeit der Freunde der Anstalt bedürfen; erfreulicherweise baben sich verschiedene auswärtige Mitglieder des Kuratoriums teils mündlich, teils schriftlich bereit erklärt, im nächsten Jahre mehr noch als bisher für die Anstalt zu wirken, damit sie ihren edlen sozialen Zweck erfüllen kann. Die größeren einmaligen Spenden im. Jahre 1909 haben rund 10 000 Mark betragen, wozu noch das kürzlich bekanntgegebene Legat des in Meran verstorbenen Ingenieurs Lenoir aus Kassel in Höhe von 2000 österreichischen Kronen kommt. Die Gesamtzahl der Zöglinge beträgt gegenwärtig 42 Lehrlinge und 58 Schüler im Knabenbause, 21 Schülerinnen, 14 Haushaltungs- Zöglinge und 6 Teilnehmerinnen am einjährigen Haushaltungskursus im Mädchenhause, zusammen 141. Der letzterwähnte Kursus ist erst feit dreiviertel Jahren eingerichtet und für junge Mädchen aus gutbürgerlichen Familien bestimmt. .Wir machen die beteiligten Kreise wiederholt auf diese Abteilung der Anstalt, in welcher ein neuer Kursus im April beginnt, aufmerksam. Kassel, 1. Dezember. Vor kurzem brachten die Tagesbätter ausführliche Berichte über den Lebensgang unseres Ehrenbürgers George Andre Lenoir, über seine Beisetzung und über seine hochherzigen Stiftungen. Wir freuen uns, heute Gelegenheit zu haben, noch einmal auf seine große Toleranz Hinweisen und ein neues Beispiel dafür bekanntgeben zu können, daß er — Herr Lenoir war protestantischer Konfession und hat der Stadt Kassel mehrere Millionen zur Errichtung eines interkonfessionellen Waisenhauses hinterlassen — keinen Unterschied zwischen den Konfessionen machte. Herr Lenoir lernte vor einem Dezennium die israelitische Erziehungsanstalt in Ahlem kennen. Sein Interesse für dieses Institut war seit diesem Tage so groß, daß er bat, auch fernerhin von der Fortentwicklung desselben unterrichtet zu werden. Ja, er lenkte die Aufmerksamkeit des Magistrats unserer Stadt auf diese Anstalt hin und ersuchte ihn, dieselbe zu besuchen und in Augenschein zu nehmen. Die Herren Oberbürgermeister Müller, Stadtsyndikus Brunner und Stadtbaurat Höpsner haben dann diesen Wunsch zur Ausführung gebracht. Der Heimgegangene hat betont, daß er die Ahlemer Prinzipien, die Art der dortigen Einrichtung Und Erziehung auch in seinen Anstalten eingeführt sehen wollte. Seine Sympathie für Ahlem kam auch, in dem Testament dadurch zum Ausdruck, daß er der Anstalt ein Legat von 2000 Kronen vermachte und ferner verfügt wurde, daß der Erziehungsanstalt Ahlem von seinem Ableben telegraphisch Mitteilung gemacht werden sollte. So konnte man bei der Beisetzung des Herrn Lenoir den Direktor der Anstalt, Herrn Silberberg, mit zwei frischen, gefunden Ahlemer Knaben sehen, die dem edlen Menschenfreunde das letzte Geleite gaben und ihm Heidekränze aufs Grab legten aus Dankbarkeit für seine wahre Menschenliebe. Gesterreich-Ansaw. — Meran, 5. D ezember. Hier verschied plötzlich am 30. November Herr Dr. Wilhelm Horsch, Ehrenmitglied und geschäftsführender Vizepräsident der Vereins „Asyl für mittollose kranke Israeliten in Meran". Der Verblichene, der in früheren Jahren als Advokat in Reichenberg und Prag tätig war, erfreute sich wegen feiner vorzüglichen Charaktereigenschaften hervorragender Achtung und Wertschätzung. Das Hauptwerk seines Lebens war der Wohltätigkeit gewidmet. Er hat nämlich das herrliche Genesungsheim -in Meran in seiner jetzigen Größe und Ausgestaltung ins Leben gerufen. Er hat unermüdlich gearbeitet und .in kürzester Zeit durch persönliches Sammeln die Mittel aufgebracht, um das große schöne Genesungsheim aufzubauen und mit allen Einrichtungen der modernsten Hygiene auszustatten. In den Traditionen des Judentums aufgezogen, brachte er auch der Entwicklung des Kultus in Meran das größte Interesse entgegen. Das Leichenbegängnis fand am 2. Dezember unter großer Beteiligung statt. Am Grabe sprachen Herr Rabbiner Dr. Kurrein und der Präsident Herr Dr. Koref.