Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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In dem Verein „Asyl für mittellose, kranke Israeliten" wird der Name Tr. Wilhelm Hör sch stets in Ehren genannt werden. Schweden. T. K. Stockholm, 10. Dezember. In unserer Hauptstadt ist dieser Tage die neue Universität eingeweiht worden. Unter den Abbildungen der verschiedensten Momente der großartigen Feierlichkeiten sahen wir in unseren Tageszeitungen auch den charakteristischen Kopf mit den energischen Zügen, dem klugen und guten Blicke eines unserer Gemeindemitglieder: das Porträt des Bankdirektors Eduard Heckscher mit folgendem Texte, den ich mir erlaube, den Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judentumszu übersetzen:,,Einer der bemerkenswertesten Augenblicke bei den Einweihungsfestlichkeiten der Hochschule war der. als bei dem Akte in der Aula der Universitätskanzler Graf Wachtmeister in seiner Einleitungsrede den Schleier lüstete, der bis jetzt für die Oeffentlichkeit den Namen des Mannes verbarg, dessen Freigebigkeit die Hochschule instand setzte, den Bau in Angriff zu nehmen. Es war eine bekannte Tatsache, und Graf Wachtmeister brachte sie wieder in Erinnerung, daß der Hochschule die Summe von 358000 Kronen zu der für den Bau berechneten Summe fehlte, und daß ein einziger Donator die kritische Situation rettete. Derselbe Mann hatte vorher, ohne mit seinem Namen hervorzutreten, mit 150000 Kronen die Hochschule in den Stand gesetzt, ihre juristische Fakultät zu gründen. Auch jetzt wäre es der Universität nicht erlaubt gewesen, bei dem feierlichsten Moment der Einweihung ihrem generösen Mäzen öffentlich ihre Dankbarkeit auszudrücken, wenn er nicht durch die inständigsten Bitten endlich seine Erlaubnis dazu gegeben hätte. Es herrschte atemlose Stille in der Aula, als der Redner, zu diesem Punkte angelangt, fortfuhr: Durch diese schöne Gabe hat er, Bankdirektor Eduard Heckscher, seinen Namen unauslöschbar in die Geschichte der Hochschule eingegraben. Auch bei dem Bankett waren Bankdireklor Heckscher und seine Gattin geb. Rubenson der Gegenstand besonderer Danksagungen. Eduard Heckscher ist ein gut klingender, bekannter Name in den Geschäftskreisen der Hauptstadt. Geboren in Kopenhagen im Jahre 1831, wurde er 1865 Direktor der Jndustriebank usw. Außer seinem warmen Interesse für die Wissenschaft hat, um wieder Graf Wachtmeisters Worte zu zitieren, Bankdirektor Heckscher bewiesen, daß er klar die Bedeutung einer Hochschule für die Hauptstadt erfaßt hat. Sein bester Lohn ist das Bewußtsein, daß er für die Hochschule die Erfüllung dieser hohen Aufgabe bedeutend erleichtert hat." So weit die Zeitung „Svenska Dagblad". Hinzufügen will ich noch, daß Herr Heckscher stets warmes Interesse für jüdische Angelegenheit bewiesen und mit offener Hand Bestrebungen für das Wohl unserer Glaubensgenossen unterstützt hat. Er ist auch in Stockholm Komiteemitglied der AHianc6 Israelite Universelle. LranRrrtch. 2. Paris, 6. Dezember. Zum Dekan der juristischen Fakultät ist Professor Lyon-Caen für die Dauer von drei Jahren wiedergewählt worden. Leider aber ist uns, wie so häufig, keine reine Freude über den Erfolg eines Glaubensgenossen vergönnt, denn eine Schar royalistisch gesinnter Studenten hat es nicht unterlassen können, eine antisemitische Demonstration gegen die Wahl dieses bedeutenden Rechtslehrers zu veranstalten. Diese Handlungsweise unreifer Bürschchen würde uns nicht weiter aufregen, wenn sie nicht der Ausfluß ihrer antisemitischen, ultramontanen Lehrer wäre, an denen die juristische Pariser Fakultät durchaus keinen Mangel hat. — Am vergangenen Freitag wurde der weit über die Grenzen seines. Vaterlandes bekannte Diamantenhändler Herr Adolphe Oppenheimer durch einen Automobilunfall getötet. — Am 22. November feierte die jüdische Gemeinde in Besanyon den 40. Jahrestag des Bestehens ihrer Synagoge. Herr Großrabbiner Hagen au er hielt die Festrede, in der er hervorhob, daß Besannen eine der ältesten jüdischen Gemeinden Frankreichs sei, denn schon von 1393 bis 1404 haben dort Juden gelebt. Zu ihrer jetzigen Größe hat sich die Gemeinde erst nach der Revolution entwickelt. Noch jetzt versehen die beiden, seit der Begründung der Synagoge dort amtierenden Rabbiner Weinberg und Mr. S. F l e u r nie Kultusverrichtungen. — Nach. zuverlässigen Mitteilungen . wird jetzt ein neues Reglement über die Rechte und Pflichten der Rabbiner in Frankreich vorbereitet. Danach kann nur ein volljähriger Franzose, der das hiesige Rabbinerseminar absolviert hat, Rabbiner werden. Jede Kultusgemeinschaft von mehr als hundert Mitgliedern soll einen Rabbiner haben. Das Zentralkonsistorium bestimmt die Rabbinersitze. Die Verleihung des Oberrabbinertitels ist zum Teil von der Zahl der Gemeindemitglieder abhängig. In dieser Hinsicht enthält der neue Entwurf eine wesentliche und nicht gerade sehr zweckmäßige Neuerung. Nach den bisherigen Bestimmungen mußte der Erlangung eines solchen Titels eine besondere Prüfung vorausgehen. Die Rechte der Rabbiner sind sehr knapp bemessen. Sie beschränken sich auf das Predigen und Vorbeten in den Synagogen, auf die Beanspruchung einer vierwöchentlichen Ferienzeit in jedem Jahre und auf die Erteilung und Beaufsichtigung des Religionsunterrichts. Andere Funktionen dürfen die Rabbiner ohne besondere Erlaubnis des Zentralkonsistoriums nicht ausüben. Im ganzen stellt das neue Reglement eine nicht unerhebliche Verschlechterung der Lage der Rabbiner in Frankreich dar, und es dürfte wohl noch auf große Widerstände stoßen. England. Z. London, 10. Dezember. Am 26., 27. und 28. Dezember wird hier eine Konferenz englischer Rabbiner tagen. Das Präsidium der Versammlung werden folgende Herren Rabbiner führen: G. J. Emanuel, A. A. Green als Vorsitzende; Michael Adler und I. F. S ter n als Schriftführer. Zur Besprechung gelangen folgende Punkte: Jugendgottesdienst, Mischehen, Pensionierung der Kultusbeamten, Sabbatheiligung und Gründung von Distriktsverbänden der Provinzialbeamten. —Laut offiziellen Mitteilungen kamen nach England in den ersten neun Monaten dieses Jahres 337 771 Schiffspassagiere, darunter 88 232 Durchreisende gegen 330 545 Personen (davon 47 560 Durchreisende) im gleichen Zeiträume des Vorjahres. Die Zunahme in der Zahl der Durchreisenden beweist eine Verstärkung der Emigration nach Amerika. Die Einwanderungsgesetze werden jetzt in England viel strenger als bisher angewendet. So wurden in den neun Monaten dieses Jahres 954 Einwanderer wegen Krankheit oder Geldmangel zurückgeschickt — gegen 514 Personen im gleichen Zeitabschnitt des Jahres 1908. 378 Fremde (gegen 266 im Vorjahre) wurden von England zurückgeschickt, nachdem sie sich daselbst bereits niedergelassen hatten. Gesuche von angehaltenen Einwanderern werden immer weniger berücksichtigt. — Vorige Woche fand im Rathause von Kensington eine Versammlung der Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden statt. Als Lord Swaythling von der Ueberlassung des Rathauses für diesen Zweck erfuhr, richtete er, in Gemeinschaft mit den Herren Oswald I. Simon und I. L. Emanuel, an den Bürgermeister und den Gemeinderat von Kensington ein Protestschreiben, das wegen seines selbstbewußten, scharfen Tones allgemeines Aufsehen erregr hat. Bloß wegen der Kürze der Zeit, schreibt Lord Swaythling, war es uns unmöglich, Hunderte von Unterschriften unserer Glaubensgenossen zu erhalten, die gleich uns Steuerzahler von Kensington sind und wie ein Mann sich unserem Proteste angeschlossen hätten. Die.Tätigkeit dieser Missionsgesellschaften widerstrebt den verständnisvollen Christen ebenso wie den Juden. Sie wissen es gut, daß diese Bewegung ein gewaltiger Faktor ist, jene religiöse Animosität wach zu halten, deren Beseitigung so wichtig wäre. Die Barbareien, die jetzt in Rußland und dem belgischen Kongo verübt werden, sind von christlichen Negierungen erzeugt worden, und in diesen Gebieten wäre für die Gesellschaft Raum genug, die Christen zu wahren Christen zu bekehren, vorausgesetzt, daß sie vor ihrer eigenen Türe schon alles in Ordnyng gebracht haben. Und zum Schlüsse heißt es: Wir fordern, daß Sie die Jmportierung dieser Skandale, die in East End schon soviel Unheil gestiftet haben, von Kensington, soweit es in ihrer Macht steht, äbwehren. Viele Zehntausende von Pfund werden jährlich darauf verschwendet, um aus einer Handvoll schlechter Juden noch schlechtere Christen zu machen. Würde der Bischof von London, der in der Versammlung sprechen soll, die Spelunken von Kensington aufsuchen, so würde er dort unter seinen Glaubensgenossen ein breites Feld für seine Bekehrungsarbeit finden, die niemanden verletzen und von jedem mit Freude begrüßt werden würde.