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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-17 · Heft 51 (17.12.1909) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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wird uns geschrieben: Am 5. Dezember fuhr ich nach dem lieblichen' Villenvorort Groß-Lichterselde. Dicht am Bahnhof West, in der" Carlstraße 112o, befindet sich das im Villenstil erbaute Heim. Dergroße Speisesaal, durch Lorbeer» und Palmenbäume in einen imposanten Festsaal verwandelt, war überfüllt. Viele mußten im Türrahmen stehend der Feier anwohnen. Ein gutgeschulter Chor" unter Leitung des Herrn Weinbaum eröffnete die Feier mit dem" 19. Psalm: „Die Himmel rühmen die Ehre Gottes." Hierauf richtete^ der Präsident des Vereins, Herr Dr. Oliven, warme Worte der Begrüßung an die Gäste. Er rühmte den von Liebe getragenen Geist, der gleicherweise die Mitarbeiter wie die in der Anstalt Befindlichen" beseele. Diese Liebe und Werktätigkeit haben das erstaunliche Resultat' gezeitigt, daß nach nur zehnjährigem Bestehen bereits zum Bau eines" zweiten Hauses geschritten werden, muß. Die Räume sind gefüllt,- über 20 Damen, haben darin Aufnahme gefunden und sehen einemvöllig sorgenfreien Lebensabend entgegen. In beweglichen Worten^ schilderte und pries der zweite Redner, Herr Rabbiner Dr. Weiße, das Wirken der jüdischen Frau vom grauesten Altertum bis auf die' Gegenwart. Dann bestieg die älteste Insassin des Heims das Podium? um in rührender Weise einen Hymnus auf die werktätige Nächstenliebe und Güte der Menschen anzustimmen. Die Begründerin der- Anstalt, welche im Verein mit Gleichgesinnten so Erstaunliches ge»' schaffen — der Verein umfaßt bereits 17 Ortsgruppen, neue sind in der Bildung begriffen — dankte den Erschienenen und hob hervor, daß nur zwei Damen aus Berlin seien, die übrigen Insassinnen sich aber aus dem ganzen Deutschen Reich rekrutieren. Ein Schlußworb des ersten Vorsitzenden, Chor- und Sologesang beschlossen die erhebende Feier. Eine namhafte Summe, von den Anwesenden zum Baufonds' gezeichnet, war nebenbei das Ergebnis dieses Jubiläums, dessen weihevolle Stimmung den Teilnehmern noch lange in Erinnerung bleiben wird. II. W. Aus der Provinz Posen, im Dezember. Posen. In der letzten Stadtverordnetensitzung machte der Vorsitzende, Justizrat Placzeck, die Mitteilung, daß die in Berlin verstorbene Frau Fanny Leipziger der Stadt Posen eine Schenkung von 3000 Mark testiert habe, die zur Verstärkung der Samuel Auerbachschen Stiftung verwendet werden solle. Die Versammlung nimmt' hiervon mit Dank Kenntnis. — Pieschen. Die hiesige israelitische Gemeinde hat ein bedeutendes Mitglied verloren. Im Alter von 70 Jahren verstarb hier der Kaufmann Moritz Lasker, der Begründer und Vorsitzende des vor 36 Jahren ins Leben gerufenen Brüderkrankenverpflegungsvereins. — H ohensalza. Bei der hiesigen Stadtverordnetenwahl wurden gewählt die Herren: Philipp Rosenberg, Ignatz Schwersenz, Dr. L. Levy und Rechtsanwalt" Grünberg. — Posen. In der letzten Stadtverordnetenversammlung wurde das Naturalisationsgesuch eines Tischlers aus Posen besprochen. Derselbe ist russischer Staatsangehöriger evangelischer- Religion und in Lodz geboren. Der Polizeipräsident hatte sein Gesuch warm empfohlen, und der Referent, Stadtverordneter Dr. Ludwig Kantorowicz. beantragte aus formalen Gründen dieses zu genehmigen. Bei dieser Gelegenheit brachte er zur Sprache, daß in den letzten Jahren wiederholt Personen jüdischen Glaubens, die fremde Staatsangehörigkeit erworben hatten, aber seit Jahren in Posen ansässig waren, oder deren Kindern, die in Deutschland geboren waren und deutsche Schulbildung genossen hatten, die Naturalisation von den Königlichen Behörden verweigert wurde, ja in vielen Fällen deren Ausweisung erfolgte. ' Er richtete daher von dieser Stelle aus an den Gerechtigkeitssinn des Herrn Polizeipräsidenten und der Königlichen Regierung' einen Appell, in Zukunft gegen die Angehörigen der jüdischen Religion ' ebenso wohlwollend wie in diesem Falle zu verfahren und nur des Glaubens wegen diesen Personen die Naturalisation nicht zu verweigern und von einer Ausweisung Abstand zu nehmen. — Zirke. Im Alter von 45 Jahren starb hier Herr Halzhändler Moritz Simonsohn. Hier geboren, war er lange als Stadtverordneter' tätig. Unermüdlich war er, selbst wenn die Arbeit seines Berufes ihn noch so sehr in Anspruch nahm, sein Wissen und Können in den Dienst seiner Vaterstadt und des Gemeinwohls zu stellen. Für seine Mitmenschen hatte er ein warmes Herz und eine offene Hand.' Sein allzeit freundliches Wesen, seine Herzensgüte und di» Lauterkeit seines Charakters sichern ihm ein bleibendes, ehrenvolles Andenken. V. Neustettin, 27. November. Die hiesige Strafkammer beschäftigte sich gestern als Berufungsinstanz mit der Privatbeleidigungsklage des Rittergutsbesitzers Caminer zu Raddatz, als Vertreter seines Sohnes, eines ehemaligen Unterprimaners des hiesigen Gymnasiums, gegen den Professor Dr. Tuempel, Lehrer an der genannten Anstalt, wegen Beleidigung. Das Schöffengericht hatte den Beklagten, dem der Schutz des § 193 zugebilligt wurde, freigesprochen; die Strafkammer kam nach Vernehmung einer großen Zahl von Zeugen zu demselben Erkenntnis. Interessant war in diesem Prozeß die Beleuchtung der antisemitischen Gesinnung des Beklagten. So wurde unter anderem bekundet, daß der Beklagte seinen Schülern erklärt habe, die Juden bezeichneten alle Nichtjuden als Gojim, was soviel wie Schweine bedeute; ein Jude könne nicht für einen anderen zeugen; unter der jüdischen Bevölkerung vermisse man die landesübliche'Bescheidenheit, und anderes. — Man redet und schreibt häufig über Antisemitismus an unseren Universitäten — hier hat man eine der Quellen, aus der das Gift des Rassenhasses in die Gemüter der zukünftigen Akademiker sich ergießt.- Können derartige Giftqnellen nicht verstopft werden? Oder hat Herr Professor Tuempel nach seinem Freispruch jetzt das Privileg, seinen Schülern weiter zu lehren: Alle Nichtjuden würden von den Juden als Schw . . . betrachtet? y. Kiel, 12. Dezember. Nach „bewährter" antisemitischer Methode hat es natürlich nicht an Versuchen gefehlt, aus dem Umstand, daß in dem hier verhandelten sogenannten „Kieler Werftprozeß" neben nichtjüdischen Beamten auch jüdische Althändler auf der Anklagebank saßen, Agitationsstoff gegen die Juden überhaupt und im allgemeinen zu gewinnen. Sämtliche Angeklagte sind bekanntlich freigesprochen, also als nichtschuldig der Vergehen, deren sie bezichtigt waren, vom Schwurgericht befunden-worden. Da, wie jetzt bekannt wird, die Staatsanwaltschaft von einer Anfechtung des freisprechenden Urteils abgesehen hat, es also als rechtskräftig betrachtet werden kann, ist den antisemitischen „Weisen" ein wenig das Konzept verdorben worden. Daß wir Juden gewisse Geschäftsgepflogenheiten, wie sie in dem Prozeß aufgedeckt wurden, nur um so schärfer verurteilen, wenn sie auch von Juden geübt werden, ist allgemein bekannt. Denn wir wissen, daß die antisemitische Verlogenheit von jeher jede tadelnswerte Handlungsweise eines einzelnen Juden der Gesamtheit zur Last legt, lobenswerte Taten einzelner Juden aber als „Ausnahmefälle" bezeichnet. Indes dies nur nebenbei. Worauf 'aber hingewiesen zu werden verdient, ist die Tatsache, daß in erfreulichem Gegensatz zu der Behandlung der Angelegenheit, die sie von dem ostelbischen Abgeordneten Kreth im Reichstage gefunden hat, in der ganzen langen Dauer des Prozesses sämtliche Kieler Gerichtsbehörden in allen Stadien sich absolut freihielten von allem, was irgendeine antisemitische Deutung zugelassen hätte. Daran hätte sich ein Volksvertreter vornehmer Gesinnung ein Beispiel nehmen, die Bekundung des „überwältigenden" Geistreichtums ruhig seinen entfernteren Freunden, denen um Schack und Bruhn, zuwenden können. M. Hamburg, 10. Dezember. Zur Einleitung der Kongreßverhandlungen beging der hiesige jüdische Handwerkerverein sein Stiftungsfest, verbunden mit Bannerweihe. Von den jüdischen Handwerkervereinen in Berlin, Köln usw. waren Delegierte anwesend. Die Festrede hielt Herr Salomon Goldschmidt, der die Betätigung der Juden im Handwerk vom biblischen. Zeitalter an nachwies. An der Hand eines außerordentlich reichhaltigen Materials führte der Redner aus, wie sich gerade bei den Juden die Arbeit und das Handwerk zu allen Zeiten der größten Wertschätzung erfreuten, und wie die größten jüdischen Gelehrten und namhaftesten Denker sich mit dem Handwerk beschäftigten. Darin leisteten die Juden auf allen Gebieten Hervorragendes, bis sie im Mittelalter, von allen Zünften ausgeschlossen, sich dem Handel zuwenden mußten, um ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als die Ghettoinauern fielen, wandten sich die Juden in Deutschland in verhältnismäßig größerer Anzahl wieder dem Handwerk zu. Am Schluffe seiner Ausführungen forderte der Redner die Mitglieder des Vereins auf, treu zu ihrer Fahne zu hallen und dem jüdischen Handwerkerstand das Vertrauen zu erringen, das ihm nach seinen Fähigkeiten und Leistungen zukomme. Ein Knabenchor trug die Lieder „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" und „Brüder, reicht die Hand -4- ■

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