Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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73. Jahrgang. Nr. 51. Berlin, 17. Dezember 1009. Der GemetndeVote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". lkorrklpondkn?en und Nachrichten. Deutschland. *** Berlin, 14. Dezember. Von der „WissenschaftlichenVereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" erhalten wir nachfolgende Mitteilung: In zwei Sitzungen, am 13. März und 1. Mai d. I., sprach Kollege Auerbach über „Die religiöse Erziehung der jüdischen Kinder in den Berliner Gemeindeschulen". Seine Ausführungen gipfelten in der Forderung der Gründung jüdischer Gemeindeschulen zu Berlin. Nach eingehender Diskussion nahm die Versammlung nachstehende Resolution an: Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" steht grundsätzlich auf dem Standpunkt der paritätischen Schule, in der bei voller Gleichberechtigung aller Konfessionen die religiöse Erziehung aller Kinder durch Lehrer ihres Bekenntnisses gewährleistet wird. Da aber die Berliner Volksschulen laut Ansicht der maßgebenden Instanzen christlich-konfessionellen Charakter haben, und nach den Erfahrungen besonders der letzten Zeit der jüdische Religionsunterricht immer mehr ausgeschaltet wird, außerdem die weitere Anstellung jüdischer Lehrkräfte durch dieses Verfahren nach den dafür geltenden Bestimmungen fast ausgeschlossen erscheint, tritt oie ».Wissenschaftliche Vereinigung" notgedrungen im Interesse der jüdischen Schüler und der Zukunft des jüdischen Lehrerstandes für die Begründung städtischer jüdischer Schulen ein. Indem wir diese Resolution unter Beifügung einer eingehenderen Begründung dem geehrten Vorstand überreichen, bitten wir ergebenst, der Vorstand möge die Einrichtung jüdischer Schulen bei den städtischen Behörden beantragen. Diese Resolution und eine ausführliche Begründung wurden dem Vorstande der jüdischen. Gemeinde unterbreitet. — Am 4. September leitete Kollege Hirschfeld durch ein Referat eine „Beratung über Wünsche betreffend die Neuregelung der Gehälter der Religionslehrer" ein. Da die Diskussion nur allgemeiner Natur war, so wurde eine Kommissiou zur Vorberatung der vom Referenten aufgestellten Forderungen eingesetzt, diese selbst aber in der Sitzung vom 9. Oktober in folgender Fassung angenommen: 1. Feste Anstellung von Religionslehrern im Hauptamt. 2. Eine neue Skala: Das Gehalt beträgt in den ersten drei Jahren 100 Mark pro Wochenstunde und steigt dann von fünf zu fünf Jahren um je 20 Mark bis zum Höchstgehalt von 200 Mark. 3. Anrechnung der auswärtigen Dienstzeit bis zu drei Jahren. 4. Gleichstellung der Lehrer und Lehrerinnen. Diese Wünsche sind gleichfalls dem Gemeindevorstand übermittelt worden. *** Berlin- 14. Dezember. Zu dem in der vorigen Nummer abgedruckten Bericht, betreffend die am 5. Dezember abgehaltene Kon" ferenz über die Frage der Wanderbettelei, wird uns ergänzend mitgeteilt, daß die Versammlung auf Einladung des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes zusammengetreten ist und von dessen, geschästsführendem Vorsitzenden geleitet wurde. — In der am 0. d. M. unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Alb. Lewy abgehaltenen Versammlung der Zentrale für private Fürsorge wurde unter anderem über die Zentralisierung der Wohlfahrtsbestrebungen innerhalb Berlins nach Hamburger Muster gesprochen. Herr Stadtrat Dr. Münsterberg, der Vorsitzende der Berliner Armendirektion, hob hierbei die Tätigkeit der Zentrale für die Wohltätigkeitsanstalten innerhalb der Jüdischen Gemeinde besonders anerkennend hervor. *** Berlin, 12. Dezember. Am 8 d. M. fand in der mit Palmen und Blumen ausgestatteten Turnhalle des Reichenheimschen Waisenhauses die Trauerfeier für den hochverdienten einstigen Direktor der Anstalt, Professor Dr. Moritz Jutrosinski statt. Zahllose Kränze von Behörden, Korporationen und einstigen Schülern des Waisenhauses bedeckten den vor dem Altar aufgebahrten Sarg. Rabbiner Dr. Bäck, ein Verwandter des Heimgegangenen, war aus Düsseldorf gekommen, um die Trauerrede zu halten, in der - er den großen Verdiensten Dr. Iutrosinskis gerecht wurde. Am Sarge sprachen ferner der Direktor des Waisenhauses Dr. Feist, der Vorsitzende des Reichenheim-Vereins Di*, med. Rosenberg un^ vom Verein ehemaliger Erzieher des Hauses Oberlehrer Professor Dr. Türk. Kindergesang begann und schloß die eindrucksvolle Trauerfeier, an die sich die Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee anschloß. Draußen am offenen Grabe sprach nach abermaligem Chorgesang Rabbiner Dr. Blumenthal die üblichen Gebete. — Professor Dr. Jutrosinski stammte aus Sandberg in Posen. Er besuchte das Gymnasium in Lissa und studierte dann in Breslau Philosophie und Geschichte. Als Mitglied der Burschenschaft der Raczeks nahm er regen Anteil an der freiheitlichen Bewegung im Jahre 1848. Nach dem Abgang von der Universität war er mehrere Jahre lang in Wien als Hauslehrer tätig. Im Jahre 1862 wurde er als ordentlicher Lehrer in Posen angestellt, doch mußte er lange Jahre auf die Bestätigung durch das preußische Ministerium warten. Erst im Jahre 1868 erfolgte dann die staatliche Anerkennung als Lehrer an der Realschule in Posen. Sein Kampf um das Recht, der mehrfach zu Debatten im Abgeordnetenhause führte, hatte die Aufmerksamkeit des Menschenfreundes Moritz Reichen heim auf ihn gelenkt, der seine Ernennung zum Direktor des von ihm im Jahre 1872 zu Berlin gestifteten Waisenhauses bewirkte. Hier fand Professor Dr. Jntrosinski neben seiner literarischen Tätigkeit seinen eigentlichen Lebensberuf. Abgesehen von der praktischen Tätigkeit in der Waisenpflege hat er in den Kuratorien mehrerer Wohltätigkeitsanstalten lange Jahre segensreich gewirkt. *** Berlin, 14. Dezember. Im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" fand am 7. d. M. der erste populärwissenschaftliche Unterhaltungsabend statt. Den Vortrag hielt Herr Rabbiner Dr. Emil Levy, der in fesselnder Weise über seinen Streifzug durch den Orient berichtete und vorzügliche Lichtbilder eigener Aufnahme vorführte. Das zahlreich erschienene Publikum spendete dem Redner für seine interessanten Ausführungen reichen Beifall. — Aus den auswärtigen Vereinen: In Hamburg sprach Dr. L. Hirschberg über die Musik in der Bibel; in Neustettin Dr. Poritzky über Maxim Gorki und seine Beziehungen zum Judentum; in Osterode Prediger Sturmann über die Gegensätze im Judentuni unserer Zeit; in Gelsenkirchen Lehrer Stein Hardt-Magdeburg über „Der hohe Rabbi Löw in Geschichte und Sage"; in Köln Dr. M. Wittenberg-Hamburg über die jüdische Auswanderung; in Schlochau Kantor Ehrenberg über Spinoza und seine Stellung zum Judentum; in Lissa i.P. Kantor Davidsohn-Gleiwitz üler die bedeutendsten jüdischen Komponisten des 19. Jahrhuncn»t§; in Essen Lehrer Steinhardt-Magdeburg über das Leben und Birken Moses Mendelssohns; in Mannheim Architekt Lehmann übn alte und moderne Synagogenbauten; in Kottbus Herr Oscar *!ern über Gustav Karpeles; in Rakel Herr Philippsborn aus Pci.^am über „Israelitisches Prophetentum"; in Memel Rabbiner Dr. B ^ermann -Insterburg: 1. Gedächtnisrede auf Gustav Karpeles, 2. Gortesglaube und Naturwissenschaft; in Bonn a. Rh. Rabbiner Dr. Jacob- Göttingen über „Der christliche Staat". *** Berlin, 12. Dezember. Der Verein für Arbeitsnachweis (begründet von den Berliner Logen U. O. B. B.), Monbijouplatz 10, hat im Monat November durch seine Vermittlung, die für Arbeitgeber und Arbeitnehmer kostenlos erfolgt, 207 Personen in feste Stellungen gebracht und außerdem noch 111 Aushilfsstellen vermittelt. Die Schreibstube war durch umfangreiche Aufträge gut beschäftigt und konnte hierdurch eine größere Anzahl Stellungsloser und vor allen Dingen ältere Käufleute beschäftigen. Die Schreibstube übernimmt die Anfertigung von Vervielfältigungen aller Art sowie den Versand von Offert- und Reklamebriefen, Drucksachen usw. Bei sämtlichen Arbeiten werden nur Selbstkostenpreise in Anrechnung gebracht bei promptester Erledigung der Aufträge. *** Berlin, 8. Dezember. Von einer Teilnehmerin an dem zehnjährigen Stistnngsseste des Lehrerinnenheims in Groß-Lichterselde