Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-17 · Heft 51 (17.12.1909) · p. Seite 611

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228904--66092-3278254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Ich meine, ob ich Mario mitmachen kann, obwohl ich fremd bin." Die Antwort lautete: „Js 'ne Frag'! Wer soll Se Herausweisen!" „Nun, ich meine, ob ich als Fremder nicht etwa -stören würde?" Antwort in höflichen und demütigen Lauten: „Was haißt stören? was haißt Fremder? Kann ich wissen, ob Se sind e „Fremder? Kann ich's Ihnen anseherh daß Se sind Fremder?" (Dabei war ich dem Mann offenbar ein Gegenstand unerschöpflicher Neugier. Er würde etwas darum gegeben haben, zu erfahren, woher ich kam, wer ich sei, und was ich wolle.) Es kam in diesem Augenblick ein uralter Greis in das fürchterliche Haus gehinkt. Ein wundervoller Kopf. Ein völlig blinder alter Mann mit langem, weißem Patriarchenbart; die blinden Augen namenlos mißtrauisch ins Leere gerichtet. Es führte ihn ein ganz kleiner Knabe, offenbar Enkel oder Urenkel; ein ganz kleines, blasses Judenjüngelchen, in seinem Kaftan und mit seinen Stirnlöckchen unendlich komisch und rührend anzusehen. Das Kind hatte, wie zahllose jüdische Kinder, die ich in Galizien sah, ganz große, stahlblaue Augen und dazu Haare, schwarz wie Jett, die in merkwürdiger Art, in dem Schnitt, den die Friseure „Polkaschnitt" nennen, hinten abgerundet waren. Der Alte trug einen langen seidenen Kaftan mit Pelzbesatz und dazu eine hohe Pelzmütze. Er sah schön und tief ehrwürdig aus. Das Kind sagte jedesmal, sowie eine neue Stufe der wurmstichigen jammervollen Treppe kam, die unmittelbar von der Tür in das einzige Stockwerk des hinfälligen alten Hauses führte, mit jüdisch-deutschem Ausdruck: „Staigeu" und nannte dazu einen hebräisch klingenden Namen, den ich nicht verstand. Ich sprang augenblicklich hinzu, nahm den blinden Greis unter den Arm und bugsierte ihn, während er sich ganz arglos aus meinen Arm stützte, die Treppe hinauf, wobei die Umstehenden die Kappen abnahmen, offenbar sich freundlich berührt und wohlwollend gesinnt fühlten und mich ruhig in ihre Versammlung eintreten ließen. Freilich hatte ich wieder das Gefühl, von jedem einzelner: beobachtet, beargwöhnt und belauert zu sein. In dem kleinen, engen, halbdunklen Raum stand nichts, als ein paar wurmstichige Bänke und Tische, worauf ungeheure, hebräische Folianten lagen, schmutzig, zerlesen, in einer uralt schwerfälligen Schrift. Alles sang, schrie oder las bereits aus Gebeten. In dem Raum brannte neben der Türe ein eisernes Oefchen. Es gab gräßliche Glut. Ihre Pelze und oberen Kaftane warfen die Eintretenden in < der Mitte auf einen einzigen Haufen. Dieser ward so groß, daß er fast bis an die Decke reichte. Ich - wunderte mich, wie wohl nachher jeder seinen Pelz und' seinen Kaftan wieder herausfinden möge. Bei dieser Gelegenheit lebte ich in einer beständigen Angst. Es herrschte nämlich an jenem Tage ein so furchtbares Wetter, daß ich mich nicht ohne Schirm auf die Straßen getraut hätte. In dieser Gemeinschaft aber am Schabbes einen Schirm tragen, das hätte die Menschen aufs tiefste verletzt und gekränkt. Es hätte mich als Ketzer und Abtrünnigen entlarvt und diskreditiert. Ich hatte daher meinen Schirm unter meinem Pelz fest eingeknöpft, lebte aber bei dem beständigen Gedränge in der Angst, der Schirm könne etwa entgleiten und zu Boden fallen, eine Szene, deren Verlegenheiten ich mir kaum auszumalen wagte. Gegenüber ' dem ' kleinen' Betraum befand sich eine Art Waschkabinett: ein entsetzlich enges, fürchterliches Loch! Dahin gingen alle zuerst. Dann kamen sie in das Zimmer, - berührten die Mesusoth, holten Tefillim und Zizzith, küßten ihre Finger. Dann gingen sie nochmals an ein Waschgefäß und taten so, als ob sie sich wüschen; aber sie trockneten nachher die Finger allesamt an einem einzigen unbeschreiblichen Handtuch. Alles schrie, sang gestikulierte und musterte dabei offenbar fortwährend mit Neugier meine Gesten und Mienen, während ich mich in dem Winkel neben dem heißen Ofen möglichst unsichtbar zu machen suchte. Die meisten dieser Allerfrömmsten waren Greise; einige aber Knaben aus dem Cheder. Die meisten gehörten zu den „Chassidim", doch waren auch Anhänger anderer Sekten in dieser „Claus", fast alles kranke, verhungerte, versehnte Gesichter; krumme, schiefe Gestalten, bleiche Wangen, krumme Rücken. Einige Gesichter ' ungemein schön, besonders unter den Kindern, aber durchweg leidend, krank, degeneriert. Unter den Alten einige Charakterköpfe, mit Augen, die wie ein verprügeltes Tier in die Welt blickten, aber ein Tier von ursprünglich edler und schöner Art. Der Zustrom neuer Ankömmlinge hörte nicht auf. Das kleine enge Zimmerchen faßte soviel Menschen, daß ich kaum noch den Arm bewegen konnte. Ein ohrenzerreißendes Singen, wie ein einziger Klageschrei, hallte hin in den Raum. Man mußte das Geschrei aus dem schrecklichen Hause weithin ver- ' nehmen. Immer wahnsinniger, verzückter wurde die allgemeine Ekstase. Schreiende, näselnde Laute, konvulsivische Zuckungen, allgemeine Erregung und Bewegung, die sich bei einigen in Schluchzen und Weinen entlud. Ich sah Menschen um mich, die wie Maniakalen gestikulierten, tobten und weinten. Mich schüttelte vor dieser Art Gebets beinahe Grauen. Mir wurde schlecht. Unwillkürlich geriet ich mit in die allgemeine Er- , regung hinein. Diesen Haufen hatte religiöser Fanatismus ergriffen, demgegenüber der einzelne machtlos war. Am Anfang glaubte ich, daß meine Gegenwart .die mir zunächst Stehenden dazu befeuere, nur noch toller, unsinniger eine Art Schaubeten zu Produzieren. Schließlich aber schien doch jeder nur mit sich selbst beschäftigt und seine Umgebung vergessen zu haben. Der eine überschrie den anderen, schlug sich die Brust, raufte Bart und Haar, schleuderte den Oberkörper auf und nieder, bebte, zitterte in jedem Nerv. Ich . hatte das Gefühl, unter Wahnsinnigen zu sein. Noch einen Augenblick länger, und der Wahnsinn steckte mich an, so fühlte ich. Ich drängte gewaltsam zum Ausgang. Zum Glück war ich unmittelbar neben der Türe, ich riß sie auf, lief ins Freie, während hinter mir die klagenden, fürchterlichen Stimmen zusammenschlugen. Ich stürzte die Treppe hinunter; ich hatte ein Gefühl des Dankes und der Erleichterung, als ich draußen den klaren, blauen Nachthimmel und die großen, gesunden Sterne sah . . . (Fortsetzung folgt.) Mersrilchr Aundlchsu. Gedanken eines Laien über das Judentum. Veröffentlicht von Dr. I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Berlin 1909, Rudolf Mosse. Es ist eine Freude, diese gedankenreiche, durch ihre Offenheit, ihre Entschiedenheit herzstärkende Arbeit, die zuerst in diesen Blättern er- . schien, in einem sauberen Sonderdruck veröffentlicht zu sehen. Die „Gedanken eines Laien" haben, wie ich von verschiedenen Seiten höre, schon bei ihrer ersten Veröf^itlichuug einen mächtigen Eindruck hervorgerufen; möchten sie mm* da sie als Ganzes vor den Leser treten, doppelte Wirkung tun. Es schadet nichts, wenn sie bekämpft, vielleicht auch im einzelnen widerlegt werden; wenn sie nur gelesen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.