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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-17 · Heft 51 (17.12.1909) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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Bande von Heuchlern gebildet hätten. Wer die alte rabbinische und die jüdische mittelalterliche Literatur einigermaßen kennt, der ist vom Gegenteil überzeugt."^ Marie n Lbner-Llchenbach. Von Jakob Loewenberg. or einiger Zeit wies der Herausgeber dieser Zeitschrift darauf hin, wie vorurteilslos Marie v. Ebner-Eschenbach, die große Dichterin, in ihrer Novelle „Der Kreisphysikus" über Juden und Judentum urteile. Der Zug einer großen freien Weltanschauung, das Verstehen und Mitfühlen eineredlen, tiefen Seele geht aber durch alle ihre Dichtungen. Aus altadligem Geschlecht entsprossen, hebt sie sich mit leichter Kraft über die Vorurteile ihres Standes empor, dessen Vorzüge sie natürlich auch zu würdigen weiß. Die „Komtesse Muschi", die Sportskomtesse, findet ihre Ergänzung in der alten Generalin im „Muff", in der sich die Dichterin wohl selber gezeichnet hat. Mit scharfem Auge erkennt sie, die Gattin eines Feldmarschall-Leutnants, den sittlichen Widerspruch, der in der allgemeinen Wertschätzung des Militärischen, in der Begeisterung für Kriegstaten und Kriegsruhm und in der Erziehung zur wahren Humanität liegt. Ihr „Rittmeister Brand" scheitert an diesem Widerspruch, an den Schranken seines Standes. Als Oefterreicherin hat sie besser als sonst irgendwer Gelegenheit gehabt, kennen zu lernen, wohin es der vielgepriesene Nationalitätenstolz bringt, wenn er allein im Leben der Völker die Führung übernehmen will. Ihr erscheint jeder Rassenhaß wahrhaft gräßlich und dumm obendrein. „Ich werde einen Unterschied machen," heißt es im „Gemeindekind", ihrem bedeutendsten Werke, „ich werde sagen, am Wohlergehen dessen, der hüben am Bach zur Welt gekommen, liegt mir mehr als am Wohlergehen dessen, der drüben geboren worden ist? Es gibt eine Nation, ja eine, die leitet, die führt, die voranleuchtet: alle tüchtige Menschen — der anzugehören wäre ich stolz. Was jeden anderen Nationalitätenstolz betrifft, Narrheit, unwürdig des Jahrhunderts." Wie sie in sozialer Beziehung denkt, geht wohl am klarsten aus der kleinen erschütternden Geschichte hervor: „Er läßt die Hand küssen." Als die junge Gutsherrin auf den Gesichtern der dienenden Menge den Ausdruck eines geheimnisvollen ererbten Leides erblickt, erwacht in ihr der Gedanke: „Was dich da anruft mit stummer und unbewußter Klage, das ist die nach Erlösung ringende ewige Dienstbarkeit. Wir die Herren, sie die Knechte! Darbend an Leib und Seele verdienen sie — unser Brot, mühen sich, zur Erde gebeugt, jahrein jahraus, damit unser Geist frei und unbehindert auffliegen könne bis an die Grenzen h Dem an den greisen Gelehrten gerichteten Glückwunsch, der in diesem Artikel ausgesprochen wird, schließe ich mich bewegten Herzens an. Mein Vater sprach von Chwolson stets mit Liebe und hoher Achtung. Das Bild, das diesem Artikel beigegeben wird, ist dem Album entnommen, das meinem Vater zum 60. Geburtstage gestiftet wurde; unter den Freunden, deren Photographien hier vereint waren, durfte er nicht fehlen. Chwolson bewahrte seinem Wohltäter eine rührende Pietät über das Grab hinaus. In den achtziger Jahren besuchte Chwolson Berlin und war Gast in meinem Hause. Die Herzlichkeit, mit der er mir und den Meinen entgegeKam, ist mir unvergeßlich; die Erinnerung an den werten Mann, der trotz allem in Hreuex hlieb, ist mir ein unvergänglicher Lebensschatz. h- Gr. des Erbarmens. Ohne ihre harte Arbeit keine Ruhe für uns, kein Genuß, nicht Kunst, nicht Wissenschaft —-" Aus den Kämpfen und Zweifeln, die der ererbte Glaube jeder strebenden Seele bringt, ringt sich ihr Kooperator in „Glaubenslos" zu der Erkenntnis und zu dem Bekenntnis empor, daß das wahrhaft Erhebende des Priesteramtes darin bestehe, zu trösten, zu helfen, zu bessern. „Ein stiller Hüter an einer der unzähligen Quellen zu sein, aus denen Heil und Unheil in die Welt fließt." Und wie in der Dichtung, so zeigt sich Marie v. Ebner- Eschenbach, die am 13. September n. I. ihren 80. Geburtstag begeht, auch im Leben. Zur Charakteristik ihrer edlen, freien Seele, wie auch im Interesse der Sache darf ich hier wohl auszugsweise einige Stellen aus einem Briefe anführen, den sie mir vor sieben Jahren geschrieben, als ich ihr meine Gedichte „Aus jüdischer Seele", die zum Teil aus dem Kampf gegen die antisemitische Bewegung entstanden sind, übersandt hatte. „In tiefer Ergriffenheit legte ich das Buch aus der Hand, um es immer wieder zur Hand zu nehmen. Ich kann mir auch nicht denken, daß es anderen Lesern anders gehen kann, wenn sie das Herz nur halbwegs am rechten Fleck haben, nicht völlig versunken sind im Pfuhl des Vorurteils. So haben Sie uns nicht nur ein schönes Werk geschenkt, sondern auch zum Sieg einer guten Sache, der ja endlich kommen muß. . . . beigetragen." Wer so fühlt und denkt, der gehört zu den wahrhaft Berufenen, die den Fortschritt der Menschheit fördern, der lebt den Glauben vor, von dem sie einmal sagt: „Der Glaube an das Gute ist es, der das Gute lebendig macht." mzm Lmdrücke aus Galicien. Von Dr. Theodor Lessing Privatdozent der Philosophie undPädagogikan derHochschuleHannover. HI. dj) wußte, daß in einem entsetzlich baufälligen, düstern kleinen Hause in der Nähe der orthodoxen „alten Schul" ein kleiner Verein' der „Allerfrömmsten" Mischne abhielt. Ein Verein, der sich von den orthodoxen Juden (die schon ihrerseits von den Bewuchern der „modern eingerichteten", die deutsche Sprache bevorzugenden neuen Synagoge als „Altgläubige" erachtet wurden) absichtlich abgesondert hatte, weil dieser Gebetssekte die Allersrömmsten doch noch immer nicht fromm genug erschienen. Die Zusammenkunft dieser kleinen Schar religiöser Fanatiker wurde streng geheim abgehalten. Man gebrauchte untereinander nur hebräische Sprache. Die meisten dieser Frommen verstanden außer dem Hebräischen nichts als ihren gewohnten polnischjüdischen Jargon. Es war mein dringender Wunsch, einen Freitag abend bei diesen strengsten, fest am Ritual haltenden Separierten mitzumachen. Eigentümlich berührte mich, wie die Bitte, an diesem Gottesdienst teilnehmen zu dürfen, als ich sie vortrug, nach Art, der polnischen Juden weder abgeschlagen noch zugebilligt wurde. Ich stand schließlich vordem entsetzlich baufälligen düsteren Hause. „Sie entschuldigen, kann ich mit Ihnen hinausgehen,", redete ich den ersten besten der .erscheinenden Kaftanträger an. „Sie haben Beine, warum sollen Se nicht hinaufgehen."

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