Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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sich Chwolson veranlaßt, für seine angegriffene Raffe einzutreten. Er bekennt sich darin stolz als Semiten, was um so bemerkenswerter ist, als er die Schrift, wenn auch nur bruchstückweise in einer öffentlichen Sitzung der Petersburger Universität verlesen hatte. Nöldeke wurde durch dieselbe angeregt zu seinem Aufsatze „Zur Charakteristik der Semiten"*) und rühmt darin die „sehr gut geschriebene und geistvolle Schrift des gelehrten Orientalisten Chwolson", wenngleich er in vielen Punkten ihm widerspricht. Im Jahre 1901 veröffentlichte Chwolson eine deutsche Übersetzung seines obenerwähnten Werkes unter dem Titel „Die Blutanklage und sonstige mittelalterliche Beschuldigungen der Juden". In der Vorrede (XILI ff.) gibt er seinem schmerzlichen Erstaunen darüber Ausdruck, daß seine für „halbzivilisierte Länder" berechnete Schrift auch noch in Deutschland nötig sei, und macht dabei treffende Bemerkungen über das, was heute „Bildung" heißt. Am Schluffe spricht er im Hinblick auf die unerhörten Lügen und Verleumdungen, die damals in Deutschland ungestraft gegen die Juden erhoben werden durften, die denkwürdigen Worte aus: „Die Gerichte schützen einen einzelnen, selten aber ein beleidigtes und verleumdetes Volk als solches." Die deutsche Ausgabe ist indes auch sonst nicht eine wörtliche Uebersetzung der russischen Schrift, sondern enthält viele Zusätze und Verbesserungen, namentlich S. 35 ff., wo die Resultate des „Letzten Paffahmahls Christi" für die jüdische Religionsgeschichte in etwas veränderter Form mitgeteilt werden. Vor allem ist hier derschon von Kuenen unternommene und von Chwolson vertiefte Nachweis zu nennen, daß bis kurz vor dem Aufstand der Juden gegen Rom die Sadduzäer und nicht die Pharisäer die Majorität im Synedrium hatten, was für die Beurteilung der Berichte der Evangelien über den Prozeß Christi von entscheidender Bedeutung ist. Das Werk als Ganzes stellt nicht nur einen wertvollen Beitrag zur jüdischen Religion?-, Kultur- und Literaturgeschichte dar, sondern gibt auch eine eindringliche Darstellung der Beurteilung und Behandlung, die das Judentum während des Mittelalters in den christlichen Ländern erfahren hat, und muß in seinem ruhig referierenden Tone durch die Wucht der Tatsachen auf jeden eine tiefe Wirkung ausüben, der überhaupt noch Sin^ für geschichtliche Gerechtigkeit hat. Außer den erwähnten Werken hat Chwolson eine große Reihe von wichtigen Veröffentlichungen in russischer und deutscher Sprache erscheinen lassen/ die sich nicht mit dem Judentum beschäftigen und das .gesamte Gebiet der orientalischen Sprach- und Altertumskunde umspannen. Für uns kommen auch noch seine zahlreichen hebräischen, russischen und deutschen Artikel in jüdischen Zeitschriften in Betracht, die nicht nur wissenschaftliche Fragen behandeln, sondern teilweise auch an das große Publikum sich wenden. So sei hier nur auf den schönen Aufsatz „Selbstbewußtsein" verwiesen, der in Uebersetzung aus dem Russischen in diesen Blättern erschien?) Derselbe sagt den heutigen Juden vieles, was zu wissen und zu beherzigen ihnen sehr not täte; z. B. konstatiert er: „Mau darf wohl behaupten, daß unter hundert Inden 99 die jüdische Geschichte nicht kennen . . . vor allem fehlt uns die Vertiefung in die Geschichte und Literatur unseres Volkes, um fruchtbare Beispiele für die Zukunft und für die Gegenwart zu gewinnen." Chwolson besitzt auch eine der erlesensten jüdischen Büchersammlungen, deren Katalog er in hebräischer Sprache h Im neuen Reich II (1872). S, 881 ff. — Orientalische Skizzen 1 ff. -) „Zeit. d. Indent." 1904, Nr. 9. S. 101 bis 103. veröffentlicht hat. Dieselbe setzte ihn in Stand, eine wichtige Abhandlung über die Anfänge des hebräischen Buchdrucks russisch und hebräisch herauszugeben. So beglückwünschen wir Chwolson als einen der Letzten, der aus der großen Zeit der jüdischen Wissenschaft in unsere Tage hineinragt, und der auch im höchsten äußeren Glanze — er ist Mitglied der Petersburger Akademie und Wirklicher Staatsrat mit dem Titel Exzellenz — seinen leidenden Brüdern als Bruder beisteht und seiner Väter gern gedenkt. Den schönsten Beleg dafür bilden die nachstehenden Stellen, mit denen wir unseren Aufsatz schließen?) „Ich selbst bin geboren und erzogen worden in einem Kreise, wo der Gegensatz zwischen Chaber, jetzt Lamdan genannt, und Amhaarez noch recht lebendig war, wenn auch nicht in der Schärfe wie in der alten Zeit. Eine andere Bildung als rabbinische Gelehrsamkeit gab es damals unter den russisch-polnischen Juden nicht. Der Lamdan war in seiner Art ein gebildeter Mann; was aber die Hauptsache ist, er war in der Regel ein durch und durch moralischer und gesitteter Mensch. Er war ernst, religiös, wahrhaft fromm, sprach niemandem etwas Böses nach dann DttF weshalb er Kartentisch und Trinkgelage mied, und war voller Pietät und Rücksicht gegen andere. Er gebrauchte auch niemals einen unanständigen Ausdruck oder irgendeine Zweideutigkeit rvttr’S HS „Besudelung des Mundes", hielt viel auf äußeren Anstand und anständiges Betragen, "*18 und zwar nicht nur in Gesellschaft, sondern auch in seinem stillen Kämmerlein; er behandelte auch seine Kinder sanft, seine Frau mit Achtung und Liebe, und war keusch und ehrenhaft in Handel und Wandel. So war mein seliger Barer, und so waren alle meine männlichen Verwandten, die ich kannte, und die alle Lamdanim waren." - „Solche Vorträge^) habe ich selbst in meinem großelterlichen Hause als Knabe von meiner Großmutter angehört, wobei ich Gelegenheit hatte, zu sehen, mit welcher Andacht die anderen Frauen solche Vorlesungen anhörteu, dabei auch oft weinten, indem sie sagten: „So wie unsere Weisen es gelehrt und geschrieben haben, sind wir nicht, denn wir sind alle Sünderinnen." Und so klagten oft auch Frauen, deren ganzes Leben sich darum drehte. Arme zu unterstützeil und ihnen Mittel zur Existenz durch musterhaft eingerichteten Kleinkredit zu verschaffen. Ferner gehörte zu ihrer fast täglichen Beschäftigung, arme Mädchen auszustatten und zü verheiraten und arme Kranke zu pflegen. Solche jüdische barmherzige Schwestern gab es unter den Juden zu allen Zeiten, höchst wahrscheinlich auch zur Zeit Christi in Jerusalem, worauf einige Angaben hindeuten. Eine solche barmherzige Schwester war auch meine Mutter, obgleich sie Witwe war und vier Kinder hatte. Nur verlangte das Judentum von solchen barmherzigen Schwestern keine Entsagung und keinen Verzicht auf Familienglück. Den Ausbau und die Befestigung dieser Sittenlehre auf der Basis der Thora, der Propheten und Psalmen haben die in der christlichen Welt so verschrienen und verrufenen Pharisäer bewerkstelligt, von denen man sich einbildet, daß sie sich nur um die Einzelheiten des Zeremonialgesetzes gekümmert, den Geist der Religion ganz außer acht gelassen und eine ') „Das letzte Passahmahl Christi", S. 73 Anmerkung und Nachtrag S. 187 ff. 2) Unmittelbar vorher spricht Chwolson über die jüdischen Sittenschriften des Mittelalters, die bis heute den Gegenstand von Vorträgen vor Ungelehrten lind Frauen in den russischen Synagogen und Häusern bilden«