Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Anekdoten knüpfen sich an seinen Namen. Als einmal ein menschenfreundlicher Minister — denn auch solche gab es schon-, in Rußland — ihn fragte, ob es wahr sei, daß den russischen. Juden schon geholfen wäre, wenn man ihnen nur Luft und Brot gäbe, antwortete er: „Geben Sie ihnen nur Luft, Brot, werden sie sich dann schon selber schaffen." Ich habe diese Aeußerung aus seinem eigenen Munde gehört, als er im Sommer 1893 zum Besuche meines Vaters einen Tag in Starnberg zubrachte. Doch nicht nur im finstersten Rußland wirkte Chwolson mit Erfolg für die jüdische Sache, sondern auch in Westeuropa, und zwar gerade in denjenigen wissenschaftlichen Kreisen, wo die Sache des Judentums sich am seltensten und schwersten Gehör verschafft, in den Kreisen der deutschen christlichen Theologen. Noch kein Forscher hat mit solcher Wärme das alte und heutige Judentum verteidigt, mit solcher Schärfe die ungerechten und einseitigen Darstellungen des Judentums in der heutigen Theologie bekämpft, mit solcher Schonungslosigkeit die Anmaßung und Unwissenheit beleuchtet, mit der manche hochberühmten Professoren das Judentum be- oder vielmehr verurteilen. Es war eine seltene Vereinigung von Eigenschaften, die ihn gerade zu dieser Aufgabe befähigten: eine genaue philologische Kenntnis aller Urkunden des Judentums, Christentums und Islams, eine alle Perioden der Religionsgeschichte umfassende, mit eindringender Kritik gepaarte Gelehrsamkeit, eine am Talmud herangebildete dialektische Schärfe und nicht zu vergessen eine ganz ungewöhnliche Darstellungsgabe, die auch die verwickeltsten Probleme anschaulich und interessant zu behandeln versteht. Seine wichtigste Schrift in dieser Beziehung ist das in den Denkschriften der Petersburger Akademie der Wissenschaften veröffentlichte, ursprünglich russisch geschriebene und 1892 in einer ' von ihmselbst besorgten deutschen Neubearbeitung erschienene Werk „Das letzte Passahmahl Christi und der Tag seines Todes nach den in Uebereinstimmung gebrachten Berichten der Synoptiker und des Evangelium Johannis". Dieser lange Titel läßt gar nicht den vielseitigen Inhalt des an fruchtbaren wissenschaftlichen Anregungen überreichen Buches ahnen. Seine Hauptbedeutung liegt nämlich auf dem Gebiete der jüdischen Religionsgeschichte, und in dieser Beziehung ist vor allem der Anhang des Werkes hochbedeutsam. Derselbe behandelt „Das Verhältnis der Pharisäer, Sadduzäer und der Juden überhaupt zu Jesus Christus nach den mit Hilfe rabbiuischer Quellen erläuterten Berichten der Synoptiker". Eine doppelte Aufgabe stellt sich Chwolson in diesem Teile seines Werkes: einerseits eine Rechtfertigung des Judentums im Zeitalter Christi und anderseits eine Klarstellung der Bedeutung der rabbinischen Literatur für die Religionsgeschichte und speziell für die Erforschung des Neuen Testaments. Unbarmherzig geht er hier mit den angesehensten Darstellern der neutestamentlichen Zeitgeschichte ins Gericht, deckt ihre verjährten Vorurteile und ihre falsche Methode auf und zeigt ihnen den Weg, auf dem sie zu richtigen Resultaten gelangen könnten, nämlich durch Beschäftigung mit den haggadischen Teilen des Talmuds und Midrasch. Viele dort gebotenen Ausführungen gehören zu dem besten, was überhaupt zur Würdigung dieser auch von Juden so wenig gekannten Geistesdenkmäler gesagt worden ist, und so ist es mit Freuden zu begrüßen, daß Chwolson im vorigen Jahre mit ungeschwächter Geisteskraft eine durch wichtige Nachträge vermehrte Nenausgabe des längst vergriffenen Werkes bei H. Haessel in Leipzig erscheinen ließ.1) Das Werk ist in einem so mannhaft jüdischen Tolle geschrieben, daß ein berühmter deutscher Theologieprofessor, der das Werk einer völlig absprechenden Rezension unterziehen zu müssen glaubte, Chwolson noch für einen Juden hielt und in einer nachträglichen „Berichtigung" feierlich erklärte, daß derselbe kein „jüdischer Gelehrter" sei, wie er es früher geglaubt, sondern schon vor geraumer Zeit zur griechischorthodoxen Kirche übergetreten sei. Auf diese Rezension hat nun Chwolson die gebührende Antwort erteilt in einem Aufsätze?) in dem er nicht nur mit seinem Rezensenten, sondern mit einer ganzen wissenschaftlichen Schule unerbittlich Abrechnung hält und jedem Einsichtsvollen klarmacht, daß den aus anderen Gebieten so gelehrten Theologen die Unbefangenheit wie die Kenntnisse zur gerechten Beurteilung des Gegenstandes fehlen. Am Schluffe des Aufsatzes erklärt Chwolson, der die Bezeichnung als „jüdischer Gelehrter" gern akzeptiert hatte, es sei ihm absolut unerfindlich, weshalb jener Rezensent es für nötig fand, die obenerwähnte nachträgliche Berichtigung zu geben: „Bei meinen wissenschaftlichen Forschungen bin ich weder Jude noch Christ, weder religiös-konservativ, noch religiös-freisinnig, sondern ich bestrebe mich, dem Gegenstände meiner Forschungen gegenüber, soweit es einem Menschen möglich ist, objektiv zu sein. Auch in meiner letzten Arbeit spielte mein Bekenntnis nicht die allergeringste Rolle ... dem Leser meiner Abhandlung kann es daher vollkommen gleichgültig sein, ob ich ein jüdischer oder christlicher Gelehrter sei. Meine Schrift enthält die Resultate des Gelehrten, der bei seinen wissenschaftlichen Untersuchungen, sozusagen, konfessionslos, d. h. völlig objektiv ist, oder wenigstens dies zu sein sich eifrigst bestrebt." Der wissenschaftlich wichtigste Teil des Nachtrages sind unstreitig die S. 164 ff. gebotenen Ausführungen über die Geschichte der jüdischen Tradition, wo die Quintessenz aller Resultate der Bibelkritik und Halachakritik — letztere in Fortführung der Gedanken Geigers — in lapidarer Sprache überaus anschaulich dargestellt wird. In demselben Nachtrag beweist Chwolson noch einmal seine Objektivität, wo er die Unwissenschaftlichkeit eines orthodoxen jüdischen Kritikers niedriger hängt. Er zerzaust ihn ebenso wie vorher den christlichen Professor und gibt damit einen erfreulichen Beweis dafür, daß er — um seine eigenen Worte zu gebrauchen — trotz seines hohen Alters noch sehr kampflustig ist. Chwolson ist überhaupt ein Mann von starkein Temperament, und dadurch sind seine Ausführungen immer erfrischend, auch wenn es sich um die trockenste Materie handelt. Wer vermutet z. B. in einem grundgelehrten 0orpu8 Inseriptionum Hebraicarum eine durch mannigfache Polemik gewürzte interessante Lektüre! Besonders angenehm bemerkbar macht sich sein Temperament in seinem Schristchen „Die semitischen Völker. Versuche einer Charakteristik". (Berlin 1872.) Damals war noch nicht der Rassenantisemitismus in Politik und Wissenschaft Mode geworden. Da aber Renan nicht eben glimpflich mit den Semiten umgegangen war, sah y Vgl. meine Besprechung in der „Orient. Lit. Zeit/' 1908, 509 ff. In einer an mich' gerichteten Karte vom 16./29. 1908 sagt Chwolson mit Bezug auf sein Werk mit Recht: „Nach dem, was ich in der dritten Beilage gesagt habe, muß die jüdische Religionsgeschichte vom II. Jahrhundert vor bis zum VIII. nach Chr. neu bearbeitet werden/' 2) „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" XXXVII (1893), 537ff. (Wieder abgedruckt im Nachtrag zum „Letzten Passahmahl Christi" 133 ff.)