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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-17 · Heft 51 (17.12.1909) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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607 Werfen. Erst in der allerneuesten Zeit, speziell in Amerika, scheint unter den russischen Immigranten eine neue Blüte der jüdischen Wissenschaft sich vorzubereiten. Unter den wenigen großen Namen, die das russische Judentum zu unserer Wissenschaft gestellt hat. steht obenan D a niel CH w olso n, der am21.November/3. Dezember in völliger Frische des Geistes sein 90. Lebensjahr vollendet. In seiner Vaterstadt Wilna widmete er sich bis zu seinem 18. Jahre ausschließlich talmudischen Studien, und da seine Begabung bald erkannt wurde, bestimmten ihn seine Eltern zum rabbinischen Beruf. Autodidaktisch erwarb er sich die Kennt' nis des Russischen, Deutschen und Französischen und begab sich 1841 behufs weiterer Ausbildung nach Breslau, wo er sein Leben als Setzerlehrling fristen mußte. Da entdeckte ihn Abraham Geiger, sorgte für seinen Unterhalt und seine Ausbildung, so daß er schon 1844 die Universität beziehen konnte. Er studierte dort vor allem Arabisch und Syrisch und promovierte 1850 in Leipzig. Nach Rußland zurückgekehrt, trat er 1855 zur griechisch-orthodoxen Kirche über und wurde noch im selben Jahre Professor der orientalischen Sprachen in Petersburg. Wer nichts weiter von CHw olson weiß, muß sich mit Recht wundern, daß ihm in einer jüdischen Zeitung ein Festartikel von einem Rabbiner gewidmet wird, wird sich aber noch mehr wundern, wenn er erfährt, daß in Rußland die streng-frommen Rabbiner alten Schlages ihn verehren, mit ihm persönlich und brieflich enge Beziehungen unterhalten und ihn als einen der Ihren betrachten. Die Erklärung ist sehr einfach. Chwolson ist ein moderner Maranne, und der Uebertritt befähigte ihn, für seine unglücklichen russischen Brüder nur um so erfolgreicher wirken zu können. Während mancher charakterlose Ueberläufer hierzulande seinen Abfall heuchlerisch mit ähnlichen Motiven zu beschönigen sucht, um dann sofort dem Judentum in den Rücken zu fallen, hat Chwolson ein volles halbes Jahrhundert durch die Tat bewiesen, daß es ihm ernst mit jener Absicht war, und hat sein ganzes Leben der Verteidigung, der Verherrlichung und der wissenschaftlichen Erforschung des Judentums gewidmet. Sein erstes großes Werk erschien 1856 unter dem Titel „Die Ssabier und der Ssabismus" in zwei starken Bänden und stellte ihn sofort in die vorderste Reihe der Vertreter der damals noch jungen vergleichenden Religionswissenschaft. Mit tiefer Gelehrsamkeit auf verschiedenen weit voneinander entlegenen Gebieten und ungewöhnlicher Kombinationsgabe sucht er darin das Wesen und die Herkunft dieser heidnisch-christlichen einst so bedeutsamen Sekte aufzuklären. Noch 33 Jahre nach seinem Erscheinen wird das Werk von einem Spezialisten aus diesem Gebietes überschwenglich gerühmt als „unerschöpflicher Schatz vorderasiatischer Religions- und Kulturgeschichte, ein Werk, das ich, was Reichtum des Inhalts und bahnbrechende Ergebnisse betrifft, mit Lobecks Aglaophamus vergleichen möchte". Im Vorwort zum I. Band (S. XXl) gibt Chwolson seiner Dankbarkeit für Geiger in rührenden Daniel Chwolson (geb. 1819). Nach einer Photographie aus dem Jahre 1852 y Konrad Keßler. Mani. Bd. I (Berlin 1889), S. 2, Anm. 3. Worten Ausdruck: „Schließlich drängt mich mein Herz, hier meinen Dank gegen einen Mann anszusprechen, der zwar in keiner Beziehung zu diesem Buche steht, dem ich aber sonst so /unendlich viel zu danken habe, ich meine den rühmlichst bekannten Dr. Geiger in Breslau. Arm in jeder Beziehung kam ich vor vielen Jahren nach Deutschland, einem Lande, dessen Sprache; ich kaum verstand, und wo ich niemand kannte und von niemand gekannt war. Ich wäre vielleicht geistig und Physisch verkommen, aber jener edle Mann nahm sich meiner väterlich an, hegte und pflegte mich geistig und körperlich, und ihm vorzugsweise habe ich es zu verdanken, daß ich die wissenschaftliche Stufe erreicht habe, auf der ich jetzt stehe." Chwolson blieb übrigens bis zu Geigers Tode in regem Briefwechsel mit ihm verbunden, aus dem auch einige Briefe gedruckt sind?) Das genannte Werk ist natürlich nur für wissenschaftlich gebildete Fachmänner verständlich und hat auch keine direkten Beziehungen zum Judentum, es sei denn, daß die Erklärung und Verwertung der durch Maimonides^) erhaltenen Nachrichten über die Ssabier als solche betrachtet werden. Doch das Ansehen, welches er dadurch in der Getehrtenwelt sich verschaffte, stellte er sofort in den Dienst des Judentums, und die Gelegenheit dazu sollte sich ihm nur allzuschnell bieten. Gelegentlich eines Prozesses in Saratow, bei dem zwei Juden des Ritualmordes angeklagt waren, wurde er 1857 auf Allerhöchsten Auftrag vom Ministerium mit der Ausarbeitung eines Gutachtens betraut. Der erste Teil desselben behandelt die Frage überhaupt, ob Inden Christenblut zu religiösen oder sonst zu irgendwelchen anderen Zwecken brauchen, während der zweite Teil sich bloß mit dem vorliegenden Prozeß beschäftigte und die Lügenhaftigkeit der Zeugenaussagen nachwies. Da der Prozeß volle neun Jahre dauerte, erbat er die Erlaubnis, wenigstens den ersten Teil seines Gutachtens zu veröffentlichen. Dasselbe erschien denn auch 1861 und wurde 1880 infolge einer ähnlichen gegen mehrere Juden in Kutais erhobenen Anklage in erweiterter Gestalt noch einmal herausgegeben. Der Gouverneur des Kaukasus, Großfürst Michael Nikolajewitsch, bei dem "Chwolson eine Audienz erwirkte, veranlaßte damals, daß sämtliche beteiligten Richter in Kutais und Tiflis das Buch zu lesen bekamen, und die Folge war, daß alle angeklagten Juden freigesprochen wurden. Als Chwolson bald / darauf in den Kaukasus reiste, veranstalteten die dortigen Bergjuden zu seinen Ehren einen besonderen Gottesdienst, bei dem er aus die an ihn gerichtete Ansprache grusinisch und , hebräisch antwortete. Diese Huldigung der dortigen armen Juden, so erzählte er viele Jahre später, tat ihm mehr wohl als alle offiziellen Ehrungen der Gelehrtenwelt in Petersburg. Wie oft Chwolson noch sonst seinen Einfluß zugunsten ''leidender russischer Juden geltend machte, läßt sich gar nicht belegen. Er ist dadurch unter seinen Landsleuten förmlich zu einer legendären Gestalt geworden, und zahllose charakteristische y Geiger, Ges. Sehr. V, 213, 312 ff. sowie in verschiedenen Bänden der „Jüd. Zeitschi:.". 2) More Nebuchim III. Kap. 29 ff.

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