Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 606 (sequence 6)
- Language
- German
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Judentum durch Einführung der Orgel oder der deutschen Gebete vernichtet werden würde. Wenn darauf hingewiesen würde, daß die Synagoge Rhkestraße am Sabbat gefüllt sei, während die Synagoge Lützowstraße leer bleibe, so liege es daran, daß die Umwohner der letztgenannten Synagoge durch ihren Beruf verhindert seien, die Synagoge am Sabbat zu besuchen. Wenn die Dauer des Gottesdienstes reduziert würde, könnten sie die Synagoge vielleicht besuchen. Durch die Ausdehnung des Gottesdienstes werde die Frömmigkeit wahrhaftig nicht vermehrt. Der Liberalismus habe, wie es aus den gegnerischen Aeußerungen hervorzugehen scheine, mit der Taufe gar nichts zu tun, das sei eine Insinuation, die von den Liberalen auf das lebhafteste zurückgewiesen werden müsse; diejenigen, die den freieren Gottesdienst vorziehen, bleiben mindestens so treue Juden wie diejenigen, die nur hebräisch beten. Den Liberalen werde vorgeworfen, daß sie eine Spaltung der Gemeinde herbeisühren wollen. Dieser Vorwurf würde nicht erhoben werden, wenn die Liberalen beantragen würden, die neue Synagoge Fasanenstraße ohne Orgel zu lassen. Als friedfertig seien die Liberalen bezeichnet worden, als sie den Widerstand gegen die Synagoge Rhkestraße ausgegeben hätten, aber den Vorwurf, eine Spaltung der Gemeinde herbeizusühren, mache man ihnen, wenn sie für den großen Teil der Gemeinde, der hinter ihnen stehe, das Recht beanspruchen. Herr Lewinski fürchtet, daß mit der nochmaligen Aenderung des Ritus Sektenbildung eintreten könnte. Er bittet, den Antrag der Liberalen abzulehnen, um Ruhe und Frieden in der Gemeinde zu erhalten. Herr Justizrat Dr. V e i t S i m o n ist der Meinung, daß die geforderte Ruhe nur die Ruhe des Kirchhofs bedeute, welche die Liberalen nicht wünschen. Die Liberalen wünschen Entwicklung und nicht Stillstand, und solange sie auf diesem Standpunkt stehen, seien sie verpflichtet, dieser Meinung Ausdruck zu geben. Aus dem Ergebnis der Gemeindewahlen habe sich feststellen lassen, daß reichlich drei Viertel der westlichen Bewohner liberal wählen, und deshalb sei ohne weiteres anzunehmen, daß diese auf dem Boden des liberalen Antrages stehen. Es handle sich darum, ob der Liberalismus verzichten solle, eine v.vn der Gemeinde geleitete Synagoge zu haben, in der einigermaßen dem Rechnung getragen werde, was der Liberale von dem Gottesdienst verlange. Es sei ungerechtfertigt, wenn die Konservativen sagen, daß der Liberalismus mit den Reformen im Gottesdienst Schluß machen solle. Wo die Liberalen Schluß machen wollen, haben sie vor sich, ihrem Gewissen und den Gemeindenütgliedern zu verantworten. Er (Redner) gehöre zu den schärfsten Gegnern des Radikalismus auf politischem, wirtschaftlichem und religiösem Gebiete, denn hierin liege die größte Gefahr, die uns drohen könne. Die Zukunft des wirtschaftlichen, politischen und religiösen Lebens könne allein nur in der Evolution liegen, und die Möglichkeit eines Fortschritts dürfe den Liberalen nicht genommen werden- Herr Direktor Dr. Minden stellt noch fest, daß obwohl das Ritual der Reformgemein de seit 60 Jahren und das Ritual der Orgelsynagogen seit 50 Jahren bestehe, doch keine Sektenbildung innerhalb der jüdischen Gemeinde eingetreten sei. Er ist der Ansicht, daß die Debatte nichts Neues gebracht hätte, die gleichen Argumente seien bereits in früheren Kämpfen zutage getreten. Wenn auch der Antrag auf Einsetzung der Kultuskommissionen vorläufig gescheitert sei, so sei damit nicht gesagt, daß dieser Antrag nicht bei anderer Gelegenheit wieder ausgenommen werden könnte. Ein von Herrn Hirsch gestellter Antrag auf Schluß der Debatte wurde darauf angenommen. Nach einigen persönlichen Bemerkungen, worunter wir auch gern die nicht persönliche Bemerkung des Herrn Loewenthal registrieren, daß ihm durch den Schluß der Debatte der Nachweis genommen sei, daß der liberale Antrag nicht nur vom grünen Tische gestellt sei, sondern einem eminent praktischen Bedürfnisse entspreche, wird die Abstimmung vorgenommen. Der liberale Antrag wurde mit 12 Stimmen gegen die 6 Stimmen der Konservativen angenommen. Alsdann wurde der Antrag Cohn zur Abstimmung gestellt; die Abstimmung ist auf Antrag Blumenthal eine namentliche. Gegen diesen Antrag stimmten die 12 Liberalen; von den Konservativen stimmten die Herren Dr.Cohn, Lewinski, Loewenberg und Blumenthal dafür, während sich die Herren Gerson Simon und Aron Hirsch der Stimme enthielten. — Der übrige Teil der Tagesordnung wurde in schneller Folge debattelos erledigt. Der Rechnungsabschluß der Waisen-Kommission wurde mit einem Minderverbrauch von 450 Mark genehmigt. 49 Kinder befanden sich in der Pflege der Kommission, dieselben waren in 28 Pflegestellen untergebracht. Der Referent Herr Emil Cohn regt an, ob nicht durch Anbauten bei den Waisenhäusern eine Unterkunft für die noch nicht schulpflichtigen Waisenkinder geschaffen werden könnte. — Zum Vorsitzenden des Krankenhaus-Vorstandes ist. wie bisher, Herr Louis Sachs wiedergewählt worden. Die Zahl der Deputierten des Gemeindevorstandes in der gemischten Deputation für den Krankenhaus-Neubau ist durch die Zuwahl des Herrn Geh. Baurat Prof. Landsberg von 3 auf 4 erhöht worden. In die gemischte Deputation zur Beratung über das Verfahren bei Kassenrevisionen wurden die Herren Dr. Ignatz Cohn, Dr. Minden, Emil Cohn und Kommerzienrat Gerson Simon abgeordnet. Der Armen-Kommission wurde gemäß dem Anträge des Referenten Herrn Emil Pincus für den Rest des Jahres 1909/10 ein außerordentlicher Zuschuß von 11000 Mark bewilligt. Von den pro 1909/10 für einmalige Unterstützungen bewilligten 46 000 Mark sind in der Zeit vom 1. April bis 30. September bereits. 31451 Mark verausgabt worden, so daß für das zweite Halbjahr nur noch ein Betrag von 14 549 Mark verbleibt, womit die Kommission auszureichen nicht in der Lage ist. Mit Rücksicht auf die allgemeine wirtschaftliche Notlage mußten seit Beginn dieses Etatsjahres monatlich im Durchschnitt 5242 Mark für einmalige Unterstützungen ausgegeben werden. Die Ueberschreitung des Etats ist nach dem Berichte der Kommission darauf zurückzuführen, daß die Zahl der Gesuche eine unerwartete Steigerung erfahren hat. Im Jahre 1906/07 sind 6182, im folgenden Jahre 6295 und im Jahre 1908/09 7241 Gesuche eingegangen. — Die Subvention an die Gesellschaft für die Förderung der Wissenschaft des Judentums ist seitens des Gemeindevorstandes von 1500 Mark auf 2500 Mark für die Zeit von 1910 bis 1913 erhöht worden. Der Referent Herr Dr. Ginsberg spricht dem Gemeindevorstand den Dank für die Bereitwilligkeit der erhöhten Subventionierung aus. — Mit der Bewilligung einer Teuerungszulage von je 100 Mark an 172 verheiratete Beamte und einer solchen von je 50 Mark an 40 ledige Beamte und 6 Reviergärtner des Friedhofs Schönhauser Allee schloß die öffentliche Sitzung, der eine kurze geheime Sitzung folgte. Daniel Lhwolson. Eli temem 90. Geburtstage, 3. Dezember 19U9. Von Rabbiner Dr. Perles-Königsberg i. Pr. as russische Judentum hat verhältnismäßig wenig Anteil am Aufschwung der jüdischen Wissenschaft im letzten Jahrhundert gehabt. Es ist das um so auffälliger, als die dortigen Juden nicht nur durch ihre Zahl und ihre Begabung, sondern auch durch ihre eigenartige Erziehung die Vorbedingungen für das Gedeihen einer speziell jüdischen Wissenschaft zu bieten scheinen. Sind doch auch in schöner Literatur und bildender Kunst die jüdischen Motive nirgends stärker betont und glücklicher zur Darstellung gebracht worden, als von russisch-jüdischen Schriftstellern und Künstlern, so daß man annehmen sollte, daß auch in wissenschaftlicher Beziehung die fruchtbarsten Anregungen von dort ausgegangen seien. Daß dies nicht der Fall ist, erklärt sich zunächst aus dem schweren physischen und moralischen Druck, der auf den jüdischen Massen dort lastet und die in ihnen schlummernden ungewöhnlichen geistigen Gaben meist nicht zur Entfaltung kommen läßt, wie denn auch Dichter und Künstler immer wieder dieselbe Saite, den großen Schmerz ihres Volkes, austönen lassen. Dann aber pflegen gerade die besten Köpfe unter ihnen, wenn sie zu Bildung und geistiger Freiheitgelangt sind, sich ganz anderen Gebieten der Wissenschaft zuzuwenden, ja sogar oft das Erbteil der Väter geringschätzig beiseite zu