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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-17 · Heft 51 (17.12.1909) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
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605 befürwortet kurz den Antrag. Er bezeichnet ihn als eine Forderung der Gerechtigkeit gegen den fortgeschrittenen Teil der Gemeinde, da bereits eine Anzahl von Synagogen bestehe, in denen die Gebetordnung nach dem alten Ritus festgestellt ist. Gerade im Westen der Stadt wohnt ein großer Teil derer, die mit dem Worte liberal bezeichnet zu werden pflegen, und die Besucher der Synagoge Fasanenstraße werden sich im wesentlichen aus diesen freisinnigen Elementen rekrutieren. Nach Ansicht des Redners bedeutet freisinnig nicht ohne weiteres Nichtkenner des Hebräischen. Aber bei dem jüngeren Geschlecht und namentlich bei den Frauen ist vermutlich die Kenntnis des Hebräischen nicht sehr groß, und auch ein Teil der Männer dürste das wenige Hebräisch, das sie in der Jugend erlernt, im späteren Alter vergessen haben. Deshalb ist eine stärkere Berücksichtigung der deutschen Sprache zu fordern. Es ist auch nicht zu leugnen, daß die nicht am Alten hängenden Juden mit einem kürzeren Gebete wohl zufrieden sein werden; sie können jetzt den Besuch der Synagoge nicht eintreten lassen, weil sie nicht genügend Zeit haben und es nicht für anständig hallen, sehr spät in der Synagoge zu erscheinen und sehr früh sortzugehen Der Frömmigkeit kann damit kein Eintrag geschehen, wenn gewisse Gebete nur einmal gesagt werden. Ein weiteres Eingehen auf die Sache behält sich der Referent vor, wenn eine diesbezügliche Vorlage des Eemeindevorstandes vorliegt. Herr Geheimrat Blumenthal bestreitet das Bedürfnis nach einer nochmaligen Aenderung des Gottesdienstes, da die Synagogen mit dem jetzigen neuen Ritus übermäßig gefüllt sind. Der Antrag der Liberalen könne nur dazu dienen, die Spaltung in der Gemeinde noch außerordentlich zu vertiefen. Tie Synagoge in der Passaller Straße, die jetzt überfüllt sei, werde wohl nach Errichtung der Synagoge Fasanenstraße eingehen, und gegen diese Besucher würde alsdann ein Gewissenszwang ausgeübt werden, der mit dem Begriff liberal nicht zu vereinigen sei. Der Gottesdienst habe bereits bis auf ll/2 Stunde eine Verkürzung erfahren, für die Festtage sei bereits eine große Verkürzung vorhanden. Um deutsche Gebete einzuführen, sei vor allem eine gute deutsche Uebersetzung der Gebete notwendig. Die vorliegende Uebersetzung einzelner Gebete — z. B. des Noaus zur — sei schaudervoll und geradezu haarsträubend. Ein Gebet könne überhaupt nicht neu gemacht werden, es müsse, hergebracht von alten Zeiten, durch Pietät geweiht werden. Er würde nie und nimmer für die von den Liberalen gewünschte Aenderung des Gottesdienstes 311 haben sein. Herr Kommissar Netter bittet, einen Antrag zu stellen, eine gemischte Deputation einzusetzen zur Feststellung des Ritus in der Synagoge Fasanenstraße; dann werde leicht eine Verständigung herbeigeführt werden können. Herr Professor Blaschke hält es trotzdem für nötig, einer etwaigen gemischten Kommission gewisse Grundlagen zu geben. Wenn die von den Liberalen beantragten Kultuskommissionen eingesetzt worden wären, so hätte auch die Behandlung der vorliegenden Frage keine Schwierigkeiten bereitet. In keineul Falle liege in dem Anträge der Liberalen irgendein Fanatismus. Wenn die Liberalen etwas verlangen, was der Gerechtigkeit so entspreche, wie nur irgendeine Forderung in der jüdischen Gemeinde, danll sollen sie Fanatiker sein. Der Redner bringt in Erinnerung, daß die Liberalen, obwohl die Statistik zur Zeit noch zweifelhaft gewesen sei, den Wünschen der Konservativen betreffs der Einrichtung' des Gottesdienstes in der Synagoge Rhkestraße nachgegeben hätten, um nicht einen Zwiespalt in der Gemeinde hervorzurllfeu. Die Liberalen verlangen jetzt nicht, daß etwa der deutschen Sprache ein Raum gegeben werden solle, wodurch das Hebräische in den Hintergrund gedrängt werde. Das Hebräische soll im Gottesdienste an allen, denjenigen Stellen bleiben, an denen es als hergebrachte Sitte und irgendwie in der Bedeutung des Gebetes begründet sei. Es fei aber nichts Ungeheuerliches, wenn ein Psalm deutsch gesprochen werden solle. Alle, ob konservativ oder liberal, müßten dafür sein, daß nicht nur wir, sondern auch die Kinder das, was sie beten, verstehen, Betreffs der Abkürzung werde bei einigen Gebeten mit Sicherheit auch auf die Zustimmung der Konservativen gerechnet werden können. Was die Liberalen verlangt hätten, sei ein Minimum; sei etwas, was von jedem Standpunkt aus berechtigt sei. vor allem von' dein Standpunkt aus: Gleiches Recht für alle! Herr Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn-kann es nur mit Freuden begrüßen, daß der Antrag auf Einsetzung zweier Kultuskommissionen nicht angenommen sei, denn, wenn überhaupt in die Gemeinde eine Spaltung hineingebracht würde, so würde es durch diese Kommissionen erfolgt sein. Wenn er es auch bei der Zusammensetzung der Versammlung für müßig halte, eine große Debatte zu veranstalten, so dürfe man doch nicht beiseite stehen. Was für den Antrag der Liberalen bisher gesagt worden fei, habe ihn nicht überzeugen können. Das Motiv Gerechtigkeit sei mit dem Hinweis auf die Synagoge Rykestraße in den Vordergrund gerückt worden. Die Konservativen hätten jedoch um die Einrichtung dieses Gottesdienstes schwer kämpfen müssen; noch zweimal hätten die Liberalen eine Abänderung beantragt, und nur der Gemeindevorstand sei so verständig und vorsichtig gewesen, den festgesetzten Ritus zu belassen. Er (Redner) wolle mit seinen! Anträge zum Ausdruck bringen, daß reichlich genug reformiert sei. Würde man noch weiter gehen mit der stärkeren Berücksichtigung der deutschen Sprache und der kürzeren Dauer des Gottesdienstes, dann würde man nicht denen entgegenkommen, die liberal seien, sondern dann wolle man dasselbe wie die Reformgemeinde. Er bestreite ganz entschieden, daß die liberalen Glaubensgenossen einen solchen radikalen Gottesdienst haben wollen. Das halte er nicht für liberales Judentum, sondern mehr für ethische Kultur. (Zuruf Blumenthals: Anarchismus (lebhafte Heiterkeit!) Das sogenannte Reformieren habe nichts genutzt und werde nichts nutzen, deshalb sollten die Liberalen damit Schluß machen. Herr Bena s Levy ist der Meinung daß das vom Vorredner Gesagte Berechtigung haben würde, wenn die Liberalen ausschließlich deutsche Gebete verlangt hätten. Das sei aber nicht der Fall; die deutschen Gebete sollen nur auf eine weitere Basis gestellt werden. Die Revision des Gebetbuches sei jetzt nach 45 Jahren seit seinem Erscheinen eine Notwendigkeit, der man sich nicht entziehen könne. Ein Gebet ohne Andacht sei wie ein Körper ohne Seele. Von denjenigen, welche die Synagoge Fasanenstraße besuchen, würden nicht 25 Prozent in der Lage sein, die hebräischen Gebete zu verstehen. Die drei im Westen befindlichen Synagogen (Passauer Straße, Bismarckstraße und die neu zu errichtende Privatsynagoge Münchener Straße) würden für die Gemeindemitglieder ausreichen, die den alten Ritus wünschen. Die Liberalen lassen sich genügen an dem Bewußtsein, daß sie das Gute wollen, wenn auch in gewissen Vereinsversammlungen mit Entstellungen und Verleumdungen gegen die „bösen Liberalen" zu Felde gezogen werde. Herr Aron Hirsch bedauert, daß die Debatte eine so erregte geworden sei, und bittet, die Beschlüsse der einzusetzenden gemischten Kommission erst abzuwarten. Er kann es allerdings verstehen, daß sich seine engeren Gesinnungsgenossen erhitzt hätten, denn die Repräsentanten hätten als Vertreter der gesamten Gemeinde die Verpflichtung . allen religiösen Richtungen gerecht zu werden. Für die Reformen im Gottesdienst gebe es auch eine Grenze. Er werde auf dem Standpunkte stehen, daß der Ritus in der Fasanenstraße nicht anders werden solle als in der Lindenstraße und Lützowstraße, doch würde er nichts Ungeheuerliches darin finden können, wenn der eine oder andere Psalm in deutscher Sprache vorgetragen würde. (Lebhaftes Hört! Hört!) Herr Geheimrat Geiger nimmt nochmals das Wort, um zu versuchen, einige Mißverständnisse aufzuklären und den Standpunkt der Liberalen klarzulegen. Die Liberalen hätten sich in ihrem Anträge sehr zahm geäußert, und die Mehrheit der Genoffen dieses Beschlusses hätte eben gerade diese Mäßigung als ihre Gesinnung proklamieren wollen. Die Liberalen wollen überhaupt nicht radikal Vorgehen, sondern nur allmählich und den Gottesdienst in der Fasanenstraße auf der Grundlage der bestehenden Orgelsynagogen ein wenig weiter ausbauen. Dieses „ein wenig" bestehe in dem, was Herr Hirsch sehr gut auseinandergesetzt habe. Die Liberalen wollen die Verständlichkeit des Gottesdienstes einführen, damit wirklich eine Herzenserhebung stattfinden könne. Von radikalen Dingen sei nichts vorgeschlagen worden und vor allem nichts, was das Gemüt eines frommen Juden verletzen könne. Es liegen aber Bedürfnisse vor, die ebenso befriedigt werden müssen wie die Bedürfnisse derjenigen, die auf altem Standpunkt stehen. Es müsse dagegen Protest erhoben werden, daß die Konservativen sagen, das oder jenes dürfe nicht geschehen. Es werde mit Sicherheit in Zukunft noch vieles geschehen, was nach der Meinung einzelner nicht geschehen dürfe. Vor 30 bis 40 Jahren hätte man auch geglaubt, daß das

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