Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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WM I ^^WHMNNANMUWNU^NK gibt, dahin gelangen muß, alles Nichtgermanische als inferior zu betrachten. So bekämpft man alles Fremde nicht nur außerhalb des Deutschtums, sondern auch gute deutsche Bürger, die sich nicht durch ihre stumpfe Nase und ihr blondes Haar als „Germanen" legitimieren können. Aber auch äußerlich wird oft ein patriotisch und national sein sollender Fremdenhaß geheuchelt, um den bestialischen Antisemitismus mit der Gloriole des reinsten Deutschtums zu umgeben. In den letzten Jahren zeigte sich dieser Haß namentlich England gegenüber, und die schlimmsten Euglandhetzer waren in den antisemitischen Reihen zu finden. England ist zwar stammesverwandt, und es hat die im Jnselreich lebenden Deutschen nie schlecht behandelt, während Rußland im Grunde stets deutschfeindlich war und die Deutschen der Ostseeprovinzen in ihrer Nationalität und in ihrem Glauben bedrängte und oft grausam verfolgte. Aber den Russen werden von den Antisemiten alle Sünden großmütig verziehen. England aber kann man es nicht vergessen, daß es nicht nur Toleranz predigt, sondern auch gegen Juden stets ausübt. Ja, häufig werden in den antisemitischen Blättern Juden und Engländer in einem Tone genannt, und den nebelhaften Rassentheoretikern erscheinen die Briten als Halbjuden. Einer besonderen Antipathie erfreuen sich auch die deutschen Botschafter in den Vereinigten Staaten in den Augen unserer Antisemiten. Gegen den früheren Botschafter Freiherrn v. Speck wurde Jahre hindurch in allen antisemitischen und alldeutschen^ Blättern gehetzt, wahrscheinlich, weil er nicht aus dem privilegierten Feudaladel hervorging — sein Vater war Großindustrieller — und weil auch Juden in seinen mit auserlesenem Geschmack ausgestatteten Salons verkehrten. Aber auch den jetzigen Botschafter Grafen Bern stör ff beehren Antisemiten, Agrarier und Alldeutsche trotz seines hohen Adels mit ihrem Hasse, weil er den unheilvollen Chauvinismus in einer Rede als das charakterisierte, was er ist, als unpolitisch und unberechtigt. Sie denunzierten ihn beim Reichskanzler, und als das erfolglos blieb, suchen sie ihn in der Presse als Verräter zu schildern. Wie lächerlich und verwerflich diese Politik ist, weiß jeder, der politisch zu denken vermag. England und die Vereinigten Staaten bilden die besten Absatzgebiete für die deutschen Jndustrieprodukte, und es wäre sehr unklug, uns diese beiden Reiche künstlich feindlich zu stimmen. Auch kulturell haben wir viele Beziehungen zu diesen Ländern, und vor allem darf nicht vergessen werden, daß in Amerika Millionen von Deutschen leben, die aus die freundliche Haltung ihrer englischen Nachbarn angewiesen sind. Man erweist also den realen und idealen Interessen des Deutschtums durch diese Hetze einen sehr schlechten Dienst. Aber freilich, wann hätten sich je die antisemitischen Eiferer um Deutschlands Ehre und Nutzen bekümmert, wenn es galt, nach Herzenslust zu schmähen und zu hetzen? Uns Juden mag es zur Genugtuung gereichen, daß unsere Feinde all und überall sich auch als die Feinde der Kultur und des modernen Deutschlands erweisen Uns der berliner Gemeinde. 8. Berlin, 12. Dezember. "Tk^ie Erwartung, daß die heutige Nepräsentanten-Versammlung und besonders der von den Liberalen gestellte Antrag betreffs der Einrichtung des Gottesdienstes in der Synagoge Fasaneustraße eine lebhafte und erregte Debatte bringen würde, ist nicht getäuscht worden Die lange verhaltenen Gegensätze zwischen Liberalen und Konservativen prallten in langer Diskussion wieder einmal scharf auseinander, um schließlich, wie naturgemäß bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Versammlung, mit der Annahme ihres Antrages zu endigen. Vom Vorsitzenden Herrn Louis Sachs wurde die gut besuchte Versammlung — es waren 19 Repräsentanten zur Stelle—mit einem warm empfundenen Nachruf auf den kürzlich verstorbenen früheren Waisenhausdirektor Professor Dr. Jutrosinski eröffnet. Geschäftlich wurde noch mitgeteilt, daß die Statuten des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde in ihrer neuen Gestalt von der Vorgesetzten Behörde genehmigt worden sind. Eine Liste der rückständigen Resolutionen und Anträge ist vom Gemeindevorstand für den Monat Januar in Aussicht gestellt worden, und die Versammlung erklärt lich durch den Mund ihres Vorsitzenden damit einverstanden, diese Aufstellung nur einmal im Jahre zu erbitten. Erfreulicherweise istwiedereineReihevonZuwendungen der Wohlfahrtspflege der Gemeinde zugeführt worden. Es ffpendeten Herr Max David 2000 Mark für israelitische Arme der Stadt Berlin, Herr Simon Händler 2000 Mark an die Alterversorgungsanstalt zur Begründung einer Simon und Pauline Händler-Stiftung, Herr Max Meyer und seine Ehefrau Lina 10 060 Mark an das Krankenhaus zur Errichtung einer Max Meyer und Lina Meyer geb. Mende» Stiftung, Herr Rentier Salomon Kosterlitz 15000 Mark zu Wohltätigkeits- und Grabeserhaltungszwecken, Frau Anna Mosler 12 000 Mark an die Altersversorgungsanstalt zur Begründung einer Gustav Mosler-Stistung, Herr Rentier Richard Levi 10 000 Mark an das Krankenhaus zur Unterhaltung einer gynäkologischen Station und Entbindungsanstalt und schließlich Herr Moses Fürsten heim 5000 Mark an die Alterversorgungsanstalt. Die letztgenannte Stiftung ist insofern bemerkenswert, als der Testator ein Insasse der Anstalt ist, der aus Dankbarkeit für die Pflege mit dem genannten Betrage eine Zimmerstiftung zu errichten wünscht. Die Stiftungstafel über dem Zimmer soll etwa folgende Inschrift tragen: „Ju dankbarer Erinnerung der ruhigen und sorglosen Tage meines Lebensabends in diesem Hause und zum Gedächtnis an meine liebe Frau Johanna geb. Maas an meinem 92. Geburtstage, den 5. Januar 1910, gestiftet." Der von den Liberalen gestellte Antrag betr. Einbringung einer Vorlage, durch welche die Anstellungsverhältniffe, die Gehälter, die Pensionierung und Reliktenversorgung der Beamten der jüdischen Gemeinde nach festen Grundsätzen geordnet werden, wurde nach längerer Debatte einstimmig angenommen. Der Referent Herr Direktor Minden betonte die dringende Notwendigkeit der Vorlage, uyx ein besser qualifiziertes Beamtenpersonal zu erhalten, und» auch die übrigen Diskussionsredner erkannten diese Dringlichkeit an. Gemeindesyndikus JustizratLilienth al konnte der Versammlung die erfreuliche Mitteilung machen, daß voraussichtlich schon in der nächsten Sitzung eine Vorlage über die Besoldungsordnung, Ruhegehalt und Reliktenversorgung vom Gemeindevorstand für den größten Teil der Beamten vorgelegt werden soll. Herr Geheimrat Geiger regt an, zur Gewinnung eines brauchbaren Beamtenstabes Anwärter einzustellen. Die Anregung wurde vom Gemeindesyndikus dankbar angenommen, doch sind bisher noch die Schwierigkeiten unüberwindlich gewesen, geeignete Kräfte zu gewinnen. Herr Emil Pi neu s, der dem Bedauern Ausdruck gibt, daß noch nicht alle Beamtenkategorien in die Besoldungsordnung einbezogen worden sind, stellt sich die Lösung der Lehrlingssrage gar nicht so schwer vor. Er empfiehlt dem Gemeindevorstande, versuchsweise Anwärter in jugendlichem Alter anzunehmen und diese, wenn sie sich nach einem Jahre als tüchtige Menschen erwiesen haben, auf fernere zwei Jahre anzustellen, um sie dann nach bestandenem Examen definitiv zu übernehmen. Herr Dr. Ginsberg gibt die zeitgemäße Anregung, auch weibliche Beamte in der Gemeindeverwaltung anzustellen und bei der Aufstellung der Gehaltsskala hierauf Rücksicht zu nehmen. Eine weitere Anregung des Herrn Geheimrat Geiger, das Anwärterpersonal aus den durch gute Leistungen hervorragenden Zöglingen der jüdischen Knaben- und Mädchenschule zu entnehmen, wird vom Gemeindesyndikus mit dem Hinweis abgelehnt, daß die Vorbildung als nicht ausreichend angesehen werden könnte. Zum mindesten müßte die Berechtigung zum Einjährigen-Dienst gefordert werden. Mit der Anstellung dieser Zöglinge würde die Gemeindeverwaltung auch eine kaum zu tragende Verantwortung übernehmen, da es ihr schwer fallen würde, diese meist armen Kinder, falls sie sich als nicht geeignet erweisen, wieder zu entlassen. — Es folgte dann die bereits erwähnte Debatte betreffs Einrichtung des Gottesdienstes in der Synagoge Fasanenstraße. Die Liberalen hatten, wie wir früher gemeldet haben, eine stärkere Berücksichtigung der deutschen Sprache und eine Verkürzung des Gottesdienstes beantragt. Von Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn ist heute hierzu der Antrag eingegangeu, den Gemeindevorstand zu ersuchen, bei Einrichtung des Gottesdienstes in der Synagoge Fasanenstraße die Gebetsprache und die Andachtsdauer in keinemFalle weiter zu reformieren, als dies in den Orgel» synagogen geschehen ist. Der Referent Herr Geheimrat Geiger