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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-17 · Heft 51 (17.12.1909) · p. Seite 603

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 51 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 603 (sequence 3)
Language
German
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603 -- Freundliche Stimmen über die Juden vernimmt man gern; besonders angenehm klingen sie aus dem Munde derer, die' keine Philosemiten waren. Darum ist die Ausgrabung eines Briefes Th. Fontanes erfreulich, dem man in den „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" begegnet. In einem Briefe vom 11. Mai 1870 schreibt Fontane über di?'Moralder „Kreuz-Zeitung": „Du weißt; daß i'ch längst entschlossen war, in dieser Weise (die Redaktion niederzulegen) zu handeln, und daß ich die Brutalität, die darin liegt, unsere Freiheit und unsere geistigen Kräfte auszunutzen, ohne vorsorglich und human .an unsere alten Tage zu denken — ich sage,, daß ich diese Brutalität nicht mehr ertragen kann. So oft ich an diesen Punkt denke, empöre ich mich, und zwar nicht das Schlechte in mir, sondern das Gute. Es ist gemein, beständig große Redensarten zu machen, beständig Christentum und Bibelsprüche im Munde zu führen und nie eine gebotene Rücksicht zu üben, die allerdings von Juden und Industriellen, von allen denen, die in unseren biederen" Spalten bekämpft werden, oftmals und reichlich geübt wird." $ Zwei sehr merkwürdige Nachrichten verbreitet die „N. I. K." aus Rußland. In der einen heißt es: „Graf Leo Tolstoi arbeitet gegenwärtig gemeinsam mit dem hiesigen Rabbiner Gordon an einer Sammlung talmudischer Moralsprüche in russischer Sprache. Die Anthologie soll in dem von Tolstoi im Jahre 1885 begründeten Verlage „Posrednik" erscheinen. In seinem letzten an unseren Rabbiner gerichteten Briefe vom 21. November schreibt Tolstoi: „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir eine Auswahl von Talmudsprüchen übermitteln wollten. Nicht nur ich allein werde Ihnen dafür dankbar sein, sondern — was viel wichtiger ist — auch jene Million Leser, die durch eine billige Ausgabe in die Lage versetzt würden, die religiöse Weisheit der altjüdischen Volkslehrer kennen zu lernen!" $ Die andere ist ein Bericht über einen allgemeinen russisch-jüdischen Kongreß zu Kowno, der folgenden Wortlaut hat: Der hier tagende allgemeine russisch-jüdische Kongreß, zu dem etwa 150 Delegierte aus 60 Städten erschienen sind, wurde am 2. Dezember um 10 Uhr früh vom hiesigen Organisator des Kongresses, JsserBeer Wolff, mit einer Begrüßungsrede eröffnet. Darauf wurde das Mitglied der ersten Duma, Rechtsanwalt Dr. Max Winawer-Petersburg zum Präsidenten gewählt. In das Präsidium wurden unter anderem gewählt: Rabbiner Rabinowitz-Kowno, I. B. Wolff, der -sO^-Vertreter Dr. Feinberg und Rechtsanwalt Sliosberg-Petersburg, Brodsky-Kiew, das Mitglied der ersten Duma Dr. Katzenelsohn, Brutzkus-Minsk, Rabbiner Mase-Moskau und Rabbiner Dr. Kantor-Riga. Der Vorsitzende gedachte mit warmen Worten des verstorbenen Baron Horace Günzburg, zu dessen Ehren sich die Anwesenden von ihren Sitzen erheben. Die erste Sitzung wurde dann von einem zweistündigen gründlichen Referat des Rechtsanwalts Sliosberg über „Die Organisation der jüdischen Gemeinden" ausgefüllt. Der Referent schilderte die historische Entwicklung und die gegenwärtige Lage der jüdischen Gemeinden in Rußland und ihrer verschiedenen Institutionen, die er in vieler Beziehung für reformbedürftig hält. Insbesondere schlägt er die Abschaffung der Licht- und Fleischabgaben (der „Xorobka") und die Einführung einer progressien Einkommensteuer vor. In der Abendsitzung behandelt der Duma-Abgeordnete Friedmann die Schulfrage. Wie er mitteilt, würde demnächst ein bereits fertiggestellter Entwurf zur Reformierung der jüdischen Elementarschulen in der Duma''zur Beratung gelangen. — Die Schulfrage steht im ^Vordergründe des Interesses und der Debatten' und wird mit ernstester Gründlichkeit behandelt. Nicht weniger als 35 Redner haben sich zu diesem Punkte gemeldet. Allgemein wird das „ßheder" in seinem gegenwärtigen Zustande als ungeeignet und unzweckmäßig bezeichnet. Viel wichtiges Material zu dieser Frage enthielten die Ausführungen des Warschauer Gemeindesekretärs Kämpner. Eindrucksvolle und inhaltsreiche Reden hielten die Rabbiner Mase- Moskau und Dr. Kantor-Riga. — L. Brodsky-Kiew sprach über die jüdische Fleisch-Akzise und wies nach, daß ein großer Teil der daraus erzielten Einnahmen, die gesetzlich für die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, in den Kassen der städtischen Verwaltung verbleibe. Die Kiewer Stadlduma verwendet z. B. aus dessen Einnahmen 15000 Rubel jährlich für die Ausweisung und Hinausbeförderung der Juden, die sich ohne Wohnrecht in Kiew aufhalten. Die Verhandlungen des Kongresses werden in hebräischer Sprache geführt. Es wohnt ihnen auch ein Regierungsvertreter bei. der den Debatten mit sichtlicher Aufmerksämkeit folgt. Uns wird geschrieben: Rußland ist bekanntlich auch das klassische Land des Antisemitismus, und unsere Judenfresser schauen mit Neid und Sehnsucht nach dem großen Zarenreich, wo sie ihr höchstes Ideal verwirklicht sehen. Nun gehört es ja zu den antisemitischen Dogmen, daß die Unmoral eigentlich eine jüdische Erfindung ist, und daß da, wo der verderbliche jüdische Einfluß nicht herrscht, die Sittlichkeit in ihrer ganzen Majestät thront. Es entbehrt daher nicht eines gewissen Reizes, die öffentliche Moral des potenzierten Antisemitismus zu beleuchten. Daß im heiligen Rußland alles bis hinauf zu den höchsten Beamten bestechlich ist, war in Rußland selber stets ein offenes Geheimnis, nur fand niemand den Mut, öffentlich davon zu sprechen oder Anzeige zu machen. Nun leuchtete der Senator Garin mit kühnem Mut in diese Staatswunde hinein, und ganz Europa staunt, daß so etwas in Europa im XX. Jahrhundert möglich sei. Es hat sich herausgestellt. daß die ganze Militärintendantur nur eine organisierte Räuberbande ist, daß alles darin gestohlen hat mit einem Zynismus ohnegleichen. Uns mögen die Schilderungen Garins ungeheuer klingen, in der Tat aber geht es in Rußland bei allen Behörden nicht besser zu. Diese „judenreinen" Behörden sind durch und durch korrumpiert, und diese Vertreter des krassesten Antisemitismus, die den Juden keine Bürgerrechte gönnen, weil sie angeblich sittlich niedrigstehen, erweisen sich als angefault und gänzlich verdorben. Eine traurige Ironie des Schicksals ist es, daß die Juden häufig die Opfer dieser Korruption sind. Es gibt im eigentlichen Judengebiet Rußlands subalterne Beamte, die zwar nur ein Gehalt von fünf- bis sechshundert Rubel jährlich beziehen, dabei aber in Wirklichkeit das Einkommen eines Millionärs besitzen. Sie saugen.die eingeschüchterten vogelfreien Juden bis auf die Knochen aus und verstehen es, ihnen durch Drohungen die letzte Kopeke abzunehmen. So sieht die „jüdische Volksausbeutung" in Rußland aus. Daß dieses ganze System auch auf die Juden demoralisierend wirkt, soll nicht geleugnet werden. Der Jude, der sich um eine staatliche Lieferung bewirbt, kann gar nicht reell Vorgehen, denn er muß einen großen Teil des Betrages für Bestechung hergeben. Entweder also muß er einen viel zu hohen Preis ansetzen, oder er ist gezwungen, schlechte Ware zu liefern. Freilich übergibt man in den letzten Jahren einem Juden selten eine Lieferung, und die Russen mit ihrer echt „arischen" Moral — wie es im Jargon der Antisemiten heißt — bleiben unter sich. Es scheint beinahe, daß die russischen Behörden deswegen gegen jede Verbesserung der Lage der Juden sind, weil sie fürchten, daß die traditionelle echt russische Korruption darunter leiden könnte. * Man schreibt uns ferner: Zwischen dein Chauvinismus, von dem der Kaiser Friedrich treffend sagte, er sei so undeutsch wie sein Name, und dem Antisemitismus, den derselbe edle Fürst als die Schmach des Jahrhunderts bezeichnete, existiert ein innerer und äußerer Zusammenhang. Es ist wohl begreiflich, daß man durch eine Ueberhebung des „reinen Germanismus", den es freilich nur in der Phantasie unklarer Köpfe

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