Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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tätigen Kräfte und Hilfsquellen. Die Hauptreferate hielten Herr Feilchenfeld-Köln und Herr Liebenfeld-Bochum. Der erstere begrüßte einleitend mit großer Freude die Initiative des „D. I. G. B." zur Schaffung der Gesämtorganisationvon deren' Notwendigkeit und Ersprießlichkeit jetzt.wohl die weitesten Kreise überzeugt seien. Nach einer kurzen Darstellung der Geschichte der Bekämpfung desWanderbettels in Rheinland-Westfalen und 1)es Entstehens der beiden-in Rheinland bestehenden. Kassender Zentralkasse für Aus- und RMwanderer und der Kasse für Wanderbettel, aus denen hervorgeht, daß die Organisation und Methode zur Bekämpfung des Wanderbettels, wie sie dort zur Anwendung gelangen. - die günstigsten Ergebnisse gezeitigt haben, schlägt der Referent vor: Es sollen in Deutschland auf völlig neuer Grundlage, das heißt oksne an. die bereits bestehenden Provinzialorganisationen irgendwie anzuknüpfen, 21 Provinzialkassen geschaffen werden, deren Sitz möglichst in den Hauptdurchgangszentren der Wanderarmen gelegen sein soll. Es wären dieses für Bayern: München, Würzburg und Nürnberg-Fürth, für Württemberg: Stuttgart, für Baden: Mannheim, für Lothringen: Metz, für Elsaß: Straßburg, ferner Frankfurt a. M.. Köln, Bochum. Kassel, Hannover, Magdeburg, Leipzig-Berlin, Hamburg, - Stettin. Posen,-Königsberg, Danzig und Breslau. Ueber die Provinzialkassen als Spitze der ganzen Organisation soll eine Zentralkasse errichtet werden mit dem Sitze in Berlin, wo alle Vorbedingungen für eine ersprießliche Arbeit der Zenkralkasse vorhanden sind. Die Finanzierung dieser Zentralkasse denkt sich der Herr Referent etwa folgendermaßen. Zunächst sei statistisch festzustellen, wieviel die einzelnen Gemeinden bisher für den Wandexbettel ausgegeben haben. Die Feststellung des bisherigen Leistungsbetrages wäre möglich, indem man aus den Etats-Positionen für diesen Zweck die entsprechenden Ziffern herausnehme, ferner die Beträge feststellte, die Wohltätigkeitsvereine und Privatpersonen in den Gemeinden alljährlich für Unterstützung Wanderarmer geleistet haben. Von den so gefundenen Summen jeder Gemeinde wären 7» an die Zentralkasse abzusühren, 7s an die Provinzialkasse und das letzte Fünftel sollte für unvorhergesehene Fälle den Gemeinden reserviert bleiben. Nach dem vom Referenten ausgestellten approximativen Etat der Zentralkasse würde diese etwa 30600 Mark für Rückwanderer, 40000 Mark für Wanderbettler und- 10000 Mark für Bureaukosten erfordern. Zu diesen erforderlichen 80000 Mark hätten die Gemeinden 30000 Mark beizutragen, die.-restlichen 50000 Mark je-zur Hälfte die „Alliance Israölite“ und der „Hilfsverein", die ja auch schon jetzt einzelne Verbände subventionieren, was dann wegfallen würde, und die anderseits damit nur denjenigen Leuten hilfreich zur Seite stehen würden, deren Fürsorge sowieso zu ihren Aufgaben zähle. Auch der zweite Referent, Herr Liebenfeld-Bochum trat in warmen Worten für die Schaffung eines planmäßigen Netzes von Organisationen mit einer Zentrale an der Spitze ein. An der Hand eines reichen statistischen Materials führte er den ziffermäßigen Nachweis, daß die in Rheinland-Westfalen bestehendeOrganisation und ihre Bekämpfungsmethoden außerordentliche Erfolge gezeigt hatten. Nachdem Herr Professor Philippson beiden Referenten für ihre vortrefflichen Ausführungen gedankt hatte, stellt Herr Dr. Nathan den Antrag, die Schaffung der Organisation zu beschließen, die Details und Ausgestaltung derselben im einzelnen aber einer Kommission zur Beratung und Beschlußfassung zu überweisen. Zu diesen Anträgen sprachen sich Herr Feilchenfeld-Köln zustimmend, Herr Trier-Darmstadt aber aus einem Mißverständnis heraus ablehnend aus, da er meinte, daß durch die Annahme dieses Antrages einer eingehenden Diskussion vorgebeugt werden solle. Das war indessen nicht der Fall. Es folgte nun eine außerordentlich anregende Debatte, in der man neben der Organisationsfrage Wünsche und Vorschläge über Art und Methode der Bekämpfung des Wanderbettels aussprach. Es beteiligten sich an der Debatte Herr Berliner-Hannover, Herr Chaim-Köln, Herr Esch Wege-Hannover, die sich im großen und ganzen für die geplante Gesamtorganisation aussprachen, während Herr Wot ffr Thorn zwar auch seine Sympathie mit den Vorschlägen der Referenten aussprach, aber doch auf die eigenartigen und andersgearteten Verhältnisse, die im Osten bestehen, hinwies. Er verspricht sich keinen allzu großen Erfolg von der Organisation, der er aber im übrigen •■'7. ' ' zuzustimmen bereit ist. Namens der „Alliance" gab Herr Klausner die Erklärung ab , daß er. aus,. jjj^ni Beifall, der den Referenten gezollt wurde, ersehe, daß die Notwendigkeit einer Organisation allgemein 'eingesehen werde- Mberrafcht habe ihn nur, daß die Zentralstelle beim „Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde" sein solle. Er meine, daß die von der Berliner Gemeinde, der'Alliance und dem' Hilfsvereinunterhaltene „Abfertigungsstelle" die geeignetere Stelle für eine Zentralisation sei. Der Betrag voy 25 000 Mark, den man von der „Alliance" für die Zentralstelle erwarte, sei ein bischen hoch. Aber darüber ließe sich reden. Einstweilen könne er für die Zentralkasse einen Beitrag von 16000 Mark seitens der „Alliance" in Aussicht stellen. Herr Ha gen au«Straßburg spricht den Wunsch aus. es mögen entsprechend der politischen Gliederung für Elsaß-Lothringen drei Provinzialkassen .errichtet werden, und zwar in Mülhausen, Straßburg und Metz. Herr Kommerzienrat Hirsch-Halberstadt möchte den Antrag Dr, Nathans dahin erweitern, daß zunächst die örtlichen Organisationen geographisch benachbarter Gemeinden zusammentreten, um von unten herauf an die Lösung der allerdings sehr wichtigen Organisationsfrage heranzutreten. Eine Organisation sei-schon deswegen notwendig, weil die Wanderbettler selbst heute ja wesentlich besser organisiert seien, als diejenigen, an die sie sich wenden. Würden doch Listen guter Geber in den Kreisen der Wanderbettler gehandelt. Herr Dr. Nathan spricht gleichfalls für die Gesamtorganisation. Der Wert der Organisation gehe ja auch daraus hervor, daß der „Hilfsverein der Deutschen Juden" nur vermöge einer solchen es zu erreichen vermochte, daß heute bis zu 100 000 Juden, die auf der Wanderung begriffen seien, durch Deutschland gehen, ohne die jüdischen Gemeinden zu belästigen. Als Sitz der Zentralkasse könne nur Berlin in Betracht kommen und wiederum nur der „Deutsch- Israelitische Gemeindebund" und nicht die Berliner Gemeinde, da schon deren gesetzliche Kompetenz zur Uebernahme einer solchen Zentralverwaltung sehr . zweifelhaft sei. Er hoffe, daß die Alliance die 10 000 M., die sie jetzt der „Abfertigungsstelle" zahlt/ und die später der Zentralkaffe zufließen sollten, nicht in die 16 000 M., die Herr Klausner in Aussicht stellte, eingerechnet seien. Ein großes Werk des gesamten Judentums zu fördern, fei der „Hilfsverein" stets mit Freuden bereit. Der „Hilfsverein" seinerseits würde gern diejenigen Mittel, die er jetzt für die Wanderarmen- Unterstützung gewähre, der neuen Organisation zuwenden Herr Professor Philippson wies darauf hin, daß auch die Logen sich von dem. großen Werke nicht fernhalten werden. Er würde sich, falls die Leitung an den D. I. G. B. gelangt, natürlich des Rates aller derjenigen Organisationen bedienen, die das Werk förderten. Von den weiteren Diskussionsrednern erklärte sich Herr Hirsch ler- Frankfurt a. M. für den Antrag Hirsch-Halberstadt, Herr Heimerdinger-Wiesbaden desgleichen. Herr Dr. Sonderling spricht namens der Großloge deren Bereitwilligkeit aus, an dem Werke mitzuwirken. Die rechte Hilfe liege darin, die Wanderbettler nicht nur abzuschieben, sondern sie nützlicher Arbeit zuzuführen. Herr Rosenow weist auf die Erfolge der Arbeiterkolonie Weißensee hin und ladet zu deren Besuch ein. Nachdem noch Herr Laskar- Hamburg, ebenso wie Herr Sch eher-Posen die Organisation mit Freuden begrüßt hatten, empfiehlt Herr Wei ll-Magdeburg die Heranziehung der Frauen zurMithilfebei der Bekämpfung des Wanderbettels. Für die geplante Organisation. sprechen noch: Herr Nordberger- Stuttgart, Herr Dr. Baron-Hoppstedten, während Herr Lebrecht- Nürnberg eine zweite Zentralkasse und Arbeitsstätten für Süddeutschland wünscht. Herr Lo ewenthal-Breslau berichtet, daß von 32 kleinen Gemeinden Schlesiens aus Befragen 11 ihre Zustimmung, 5 ihre Zustimmung unter Vorbehalt erklärt hätten und nur ein paar sich ablehnend verhielten. Ein anderer Teil stehe noch aus. Herr Elkeles-Hamburg wünscht gleichzeitig die Schaffung eines Zeitungsorgans für die neue Organisation und Herr Sanitätsrat Feilchenfeld-Berlin entschiedene Maßnahmen gegen die unglaublichen Empfehlungen und deren Mißbrauch seitens der Wanderbettler. An der weiteren Debatte beteiligten sich noch die Herren Trier-Darmstadt,, der die. Schwierigkeiten zur Durchführung der Organisation bei den hessischen Verhältnissen betonte, , und Herr Dr. Ehrenberg-Stettin, der die Indolenz der pommerschen Gemeinden hervorhob, von denen sich nur 2 von den 34 befragten