Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228903--66075-3278236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
73. Jahrgang. Nr. 50. Berlin, 10. Dezember 1909. Der Gemetndevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK ZudentumK". korrelponden?en und Kschrichten. Deutschland. y. Berlin, 1. Dezember. Seine 25. Delegiertenversammlung hielt der Verband für jüdische Wohltätigkeilspflege gestern abend im Gemeindehaus Rosenstraße unter Vorsitz des Herrn Iustizrat Breslauer ab. Der am 6. März 1897 begründete Verband umfaßt, wie der Vorsitzende in seinem „rück- und vorschauenden" Referate mitteilte. 86 Vereine. Seit dem Bestehen der Zentralstelle sind nicht weniger als 167 928 Anfragen an sie gelangt und 167 543 Berichte erstattet worden, 16 683 Personalkarten wurden angelegt. Die Besürchtungen, die von einzelnen Seiten bei der Einrichtung der Zentralstelle geäußert wurden, hätten sich als grundlos erwiesen. Die Dislretion sei absolut nicht verletzt worden, nichts in die Oeffentlichkeit üler die Bittsteller gedrungen. Jetzt habe die Zentralstelle eine Erweiterung erfahren durch die Errichtung einer Unterabteilung für Akademiker. Als Früchte der Verbandsarbeit werden bezeichnet: die Organisierung der Wochenpflege, die Errichtung einer Stelle für plötzlich hilflos gewordene Kinder, nutz die Auskunstsstelle, über deren Fortbestehen jetzt erneute Beratungen im Gange seien, die voraussichtlich im Sinne der Weitererhaltung dieser Institution ausfallen würden, da ihre Inanspruchnahme sich steigere, sie vor allem aber auch eine gute Einsührungsschule für Damen in die Wohlfahrtspflege bedeute. Ferner sei man jetzt dabei, die Vereine, die gleiche Zwecke verfolgen, zu vereinigen. Zunächst sei der Zusammenschluß der für Bekleidung sorgenden Vereine erfolgt. Auch die Frage eines gemeins chastl ichen Bureaus und Inkassos stände zurzeit in Erwägung. Für die Besorgung des gemeinsamen Inkassos käme dann wohl eine Verbindung mit dem Arbeitsnachweis in Frage. Schließlich sei zu erwähnen, daß der Israelitische Franen-Unterstützungsverein eine eigene Kranken- und Pflegeschwester angestellt habe. Um die Kette der zunächstliegenden Zulunftsfragen zu schließen, stellt der Herr Referent die folgenden Ziele aus: Organisation des Armenkassenwesens, des Almosenwesens, und vor allem die Erhaltung im Nahrungsstaude solcher Personen, die von der Verarmung . bedroht sind. Diese der Verarmung vorbeugende Arbeit sei die allerivichtigste, sonst bleibt alles andere Stückwerk. Herr Justizrat Breslauer schließt mit der Aufforderung und Bitte, den Armen gegenüber Liebe und Freundlichkeit bei der Hilfe mehr noch zu bekunden, als es jetzt geschehe. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen. aus denen hier hervorgehobeu sei, daß der Vorsitzende dringend bat, — und zwar aus Anlaß eines besonderen Einzelfalles, — bei Begründung neuer jüdischer Wohltätigkeitsvereine sich vorher mit dem Verband in Verbindung zu setzen, erhielt Frau Rechtsanwalt Anna L. Friedmann das Wort zu ihrem Vortrage: „Die Frau in der Armen- und Wohlfahrtspflege". Unter Vorührung eines ganz außerordentlich reichen historischen und statistischen Materials, gab sie ein nahezu erschöpfendes Bild der reichen Frauenarbeit auf allen Gebieten der Charitas, einen umfassenden Ueberblick über das fast schon unübersehbare Feld der konfessionell wie der interkonfessionell organisierten Frauenhilssarbeit und über die leichter übersehbare Tat- und Rechtsstellung der Frau im Dienste der öffentlichen, staatlichen und kommunalen Wohlfahrtspflege. Bemerkt zu werden verdient ihr Protest gegen die mancherseits aufgestellte Behauptung, als sei das charitative Wirken erst durch das Christentum herbeigeführt und verbreitet worden. An den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag knüpfte sich eine nur kurze Debatte. Herr Justizrat Breslauer berührte die Frage der Mitwirkung der Frau in der Jrrenpflege, worüber er Günstiges aus Bayern zu berichten weiß. Herr Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld plädierte in wärmster Weise für die Erteilung der vollen Gleichberechtigung an die in den gemeindlichen Kommissionen für jüdische Wohlfahrtspflege zurzeit als „Ehrendamen" ganz außerordentlich tüchtig wirkenden Frauen. Es sei Aussicht vorhanden, daß die diesem Ziele entgegenstehenden statutarischen Bestimmungen in nächster Zeit in seinem Sinne abgeändert werden, und dann die Damen unter „Verzicht auf die Lebenslänglichkeit des Ehrendameniitels" sich als wahlberechtigte Kommissionsmitglieder alle drei Jahre, wie die männlichen Mitglieder, einer Neuwahl gern unterziehen würden. Jetzt arbeiten neben 64 Herren in der Armenkommission 8 Damen, über deren hervorragende Bewährung der in diesen Tagen zur Ausgabe gelangende Jahresbericht der Kommission sich in anerkennendsten Worten ausspricht. Einmütig habe die Kommission daher beschlossen, den Antrag auf Erteilung des Stimmrechts an die Damen bei der Repräsentantenversammlung und dem Vorstand zu stellen. Auch in dem bekannten Organisationsentwurs für die preußischen Gemeinden sei die passive Wählbarkeit der Frau in den Verwaltungskommissionen auszunehmen. In dem Gutachten, das die Berliner Gemeinde demnächst an die „Gemischte Kommission" abgeben werde sei diese Forderung enthalten. Herr Direktor Dr. Minden verweist daraus, daß er schon als Referent aus dem letzten Gemeindetag über diese Materie des Entwurfs daraus hingewicsen habe, daß nur infolge eines redaktionellen Versehens dieses den Frauen zugesprochene Recht nicht ausdrücklich ausgenommen worden sei, in Wahrheit gewähre der Entwurf dieses Recht den Frauen. Herr Justizrat Breslauer rät. nicht zu warten, bis der Entwurf Gesetz werde, das dürfte ein bischen lange dauern! Für Berlin sei die Aenderung der Statuten zu empfehlen, die leicht durchführbar sei. Herr Dr.Hirsch Hildesheimer teilt mit, daß ganz neuerdings der Vorstand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg einem Beschlüsse der Repräsentantenversammlung beigetreten sei, wonach in die Armen- Kommission auch drei Damen mit allen Rechten der männlichen Mitglieder zu wählen seien. Im übrigen möchte er betonen: Nichts liege dem Judentum ferner, als etwa jüdischer Chauvinismus. Aber es freue ihn doch, daß die Referentin dagegen protestiert hat, daß die Charitas ein Spezifikum erst oder nur des Christentums sei. Jni Lebuleban Aruch sind für die Pflichten der Hebung der Wohltätigkeit detaillierte Bestimmungen getroffen. Das beweise, welche Bedeutung das Judentum der Uebnug der Wohltätigkeit seit ältester Zeit beimaß. Vielleicht entschließe sich der Verband einmal, eine Statistik darüber zu veranstalten, wie hoch der Anteil der Juden an den nichtlüdischen, interkonfessionellen Wohltätigkeitsveranstaltungen sei. Er sei überzeugt, daß das Ergebnis efner solchen statistischen Erhebung ganz gewiß nicht den Juden zur Unehre gereichen würde. Nachdem dann noch Herr Dr. Alb. Levy gleichfalls die Forderung, und zwar als eine programmatische,' aufgestellt und eingehend begründet hatte, den Frauen die absolut volle Gleichberechtigung auf dem Gebiete der Armen- und Wohlfahrtspflege zu erteilen, schloß Herr Jnstizrat Breslauer die Versammlung unter dem Ausdruck der Befriedigung darüber, daß der Gleichberechtigung der Frau auf diesem Gebiete heute schon fast keine Gegner gegenüberständen. Als er vor 25 Jahren die gleichen Ideen ausgesprochen habe, sei er ausgelacht worden. Nun haben sie doch gesiegt. J. Berlin, 5. Dezember. Die Frage einer das ganze Reich umfassenden Organisation zur Bekämpfung des Wanderbettels beschäftigte einen Verbaudstag, der heute im Gemeindehause Rosenstraße abgehatten wurde. Außer einer großen Reihe von Abgesandten fast sämtlicher im Deutschen Reich bestehenden freiwilligen Verbände für jüdische Angelegenheiten, der Zentralkassen für Fremdenunterstützungen, der Vorstände bezw. Armenkommissionen der jüdischen Gemeinden zu Berlin, Hamburg und Hannover waren auch Vertreter der großen Hilfsorganisation, des „Hilfsvereins der Deutschen Juden", Herr Dr. Nathan und Dr. Kahn, der „Alliance Israöllte Universelle", Herr Klausner und der Großloge, der Präsident Justizrat Timendorfer und Dr. Sonderling erschienen. Es handelte sich auf diesem Verbandstage nicht um die oft besprochenen Mittel zur Eindämmung des Wanderbettels, sondern lediglich um die Frage der Schaffung einer Gesamtorganisation aller auf diesem Gebiets