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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 598 (sequence 10)
Language
German
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sich in seiner Ruhe nicht stören, erwiederte meinen Gruß nur mit einem Kopfschütteln und vertiefte sich in einen Folianten, aus. dem er die Chanuka-Gesetze studiert. Auch sie ist.in ein Büch vertieft. Auf meinen Schüler hat mein Kommen keinen angenehmen Eindruck gemacht. . Er springt vom Stuhl, und sesrt schwarzgelocktes Köpfchen trotzig. zurückwerfend ruft er:..„Was/ heute auch lernen?" ü „Warum nicht?" lächelt der Vater ihm zu. „Es ist doch Chanuka!" sagt der Kleine, indem er mit hem Fuße ausstampft und zeigt mit dem Finger nach einem Lichtchen, das am Fenster hinter dem Vorhang in einem Lämpchen brennt. , „Ganz richtig!" brummt der Alte dazwischen. „Nun gut, soll er heute nicht lernen," sagt gleichgültig der junge Balbus (Wirt). Es scheint mir, daß sie dabei bleich wurde und den Kopf tiefer übers Buch beugte. Ich verabschiede, mich. „Gute Nacht." Allein der junge Wirt läßt mich nicht fort und lädt mich zum Tee. „Es sind auch Mohnkuchen da," ruft fröhlich mein Schüler, der mit mir sehr gut leben würde, wenn nur das „pokad, pokadti" nicht wäre. Ich will die Einladung ablehnen, aber der Kleine ergreift mich bei der Hand und schiebt mir rasch mit schelmischem Lächeln auf dem Gesichtchen einen Sessel heran, gerade der Schwester gegenüber. Sollte er was gemerkt haben? Er hätte leicht was merken können, aber nur meinerseits . . . sie ist stets in ihre Bücher vertieft ... sie hält mich gewiß für dumm — vielleicht noch für mehr als dumm — sie weiß ja nicht, daß ich zu Hause eine kranke Mutter habe! „Der Tee ist wahrscheinlich schon fertig!" ruft ungeduldig der junge Wirt. „Gleich, gleich, Papa!" antwortet sie hastig, und ihr blasses Gesicht errötet. Der junge Wirt sitzt weiter teilnahmlos; mein Schüler läßt über den Tisch ein Dreidel (ein Kreisel, gebräuchliches Spielzeug für Chanuka) los, und der Alte schiebt den Folianten weg und macht Vorbereitungen zum Teetrinken. Zufällig schaute ich auf das Lichtchen, das am Fenster brennt. Es brennt so düster und traurig, als ob es sich vor der großen silbernen Blitzlampe schämte. Diese ist über dem Eßtisch angebracht und beleuchtet hell den feingedeckten Tisch ... Mir wird ganz traurig zumute, und ich bemerke nicht, daß sie mir ein Glas Tee reicht. „Mit Zitrone?" fragt sie mit leiser Stimme. „Vielleicht mit Milch?" meint der Vater. „Nein, nein," warnt mich mein Schüler — „die Milch ist angebrannt." „Unerträglich," entschlüpft es ihrem Munde. Wieder ist es stille, man hört nur das Ticken der Uhr, das Schlürfen des Tees, und das Geklirre der Löffelchen. Ganz unvermutet kommt meinem Schüler eine Idee . . . „Lehrer, was ist Chanuka?" „Wirst morgen den Rebben im Cheder fragen," sagt ungeduldig der Alte. „Eh," erwidert der Kleine trotzig, „der Lehrer weiß es, gewiß besser als der Rebbe." Der Alte wirft dem Sohne einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich möchte auch wissen, was Chanuka bedeutet," sagt sie leise. „Nun gut>" antwortet der Vater, „ sollen wir hören, was bei Euch Chanuka heißt." Es war zur Zeit — begann ich — als die Griechen in Palästina uns unterdrückten... Allein der Alte unterbricht mich mit ärgerlicher Miene.. Bei uns heißt es: Malches Joven, der Bösewicht! Wahrscheinlich ist es dasselbe, bemerkt der junge Wirt — was bei uns Jowen, ist bei ihnen Griechen. Die Griechen — begann ich wieder — unterdrückten uns furchtbar, es war die schlimmste Zeit für die Juden. Es schien, daß das ganze. Volk zugrunde gehe. Nach einigen unglücklichen Schlachten war unsere ganze Kraft gebrochen der letzte Hoffnungsfunke zerstört; in unserem eigenen Lande wurden wir mit Füßen getreten . .. Der junge Wirt hörte mir schon lange nicht zu,, er neigte sein Ohr horchend zur Türe, ob seine Gäste schon kämen. Nur der Alte sieht mich scharf an und als ich das Wort „unterdrückt" nochmals wiederhole, kann er sich nicht mehr halten und stößt ungeduldig hervor: „Wenn man belehrt, sagt man deutliche Worte: „unterdrückt, schmückt", „was soll das heißen?" Saget kurz und bündig: man hat uns nicht erlaubt, Schabbes zu halten,, Jomtow zu machen, Thora zu lernen, alles wurde uns verboten!" „Spielet Ihr vielleicht Preference?" fragt mich ganz unvermittelt der junge Wirt. „Oder sogar Öko?" (Ein in Rußland verbreitetes Hasardspiel.) Wieder wurde es stille, und ich setzte meine Erzählung fort: „Unsere Lage wurde noch verschlimmert, als' unser Adel und die reichen Leute nach griechischer Art zu leben begannen ... Sie besuchten Gymnasien ..." Der Alte und sie blickten mich verwundert an! „In jenen Schulen — fuhr ich weiter fort — lernte man nicht wie in den jetzigen Gymnasien .. . dort wurde geturnt, Männer und Frauen lernten zusammen, es wurden athletische .Uebungen gemacht..." Der junge Wirt fragte eifrig: „Wie ist dies möglich?" Ohne ihm direkt zu antworten, erzählte ich weiter von den damaligen Theatervorstellungen, von den Kämpfen, wie Menschen mit wilden Tieren in die Arena traten, von alten Sitten und Gebräuchen der Griechen, die ganz vom jüdischen Leben abwichen. Dies alles genügte den Griechen noch nicht, sie wollten jedes Anzeichen des jüdischen Lebens zerstören, und sie errichteten einen Altar und verlangten, daß die Juden ihren Göttern opfern sollten. „Was heißt dies: opfern?" fragte sie. Ich erklärte ihr dies, und der Alte fügte aufgeregt hinzu : „Und nur ein Schwein sollte man zum Opfer bringen, nur ein Schwein!" „So kam es" — fuhr ich fort —, „daß ein Jude zum Altar trat, da kam in diesem Augenblicke ein alter Makkabäer mit seinen fünf Söhnen vom Berge heruntergestürzt, und ehe sich die griechischen Soldaten versahen, badete der niederträchtige Gottesleugner in seinem Blute, ward der Altar in Stücke gehauen, und es begann eine heiße Schlacht... Die Makkabäer siegten mit einer kleinen Heldenschar über eine hundertmal stärkere Macht der Griechen. Sie befreiten das Volk aus schwerem Joche und vertrieben die Griechen gänzlich aus dem Lande. „Zum Andenken an unseren Sieg" — endigte ich meine Erzählung — „zünden wir unsere Chanuka-Lichter an."

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