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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
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Trotzdem die Freischärler den vom General Hoffmann befehligten Soldaten an Zahl überlegen waren, merkten wir bald, daß sie schließlich aus Mangel an Kanonen zurückweichen mußten. Der Himmel bedeckte sich inzwischen mit Wolken, und gegen sechs Uhr kam ein starker Regen. Gleichzeitig begann es zu dunkeln, und nun wimmelte es zu Tausenden aus Staufen heraus, die teils durch das vom Belchen überragte Münstertal, teils zu uns heraus flohen. Da der Regen an Stärke zunahm und uns durchnäßte, begaben wir uns auf den Heimweg, wurden aber bald von den Freischärlern eingeholt. Einer der ersten, der an uns vorbeijagte, war Arnold. Dieser ritt in den Steinbruch, holte die unberührt gebliebenen 966 Gulden und galoppierte dem Rhein zu. Nachdem er das Pferd an einen Baum gebunden, suchte er mit seiner Beute über den Rhein zu schwimmen. Er hielt schon in der Mitte, da durchbohrte die Kugel eines Grenzaufsehers seinen rechten Arm. Arnold ließ das Geld fallen und soll nahe am rettenden User ertrunken sein. Mehr als 4000 Blusenmänner, denen wir immer wieder den nächsten Weg nach Sulzburg zeigen mußten, eilten an uns vorüber. Darunter fiel mir ein Reiter auf, der einen Stmnpfschimmel ritt und durch sein finsteres Gesicht einen unheimlichen Eindruck machte. Es war, wie ich nachher erfuhr, der bekannte Agitator Nesf aus Nümmingen. Ich ahnte natürlich nicht, daß er schon mit dem Stempel des Todes gezeichnet war. An allen drei Aufständen in Baden beteiligt, hatte er an die republikanisch gesinnten Soldaten seines Heimatlandes einen Aufruf gerichtet, der folgendermaßen begann: „Schießt die Hunde, Eure Offiziere, tot und wählt selbst Eure Offiziere! Biele von Euch haben mehr militärische Kenntnis, als diese Lausbuben." Im Hochsommer des folgenden Jahres, nach dem dritten Aufstande, gefangen genommen, wurde er am 9. August 1849 zu Freiburg nach stand es gerichtlichem Urteil erschossen. Als ich heimkam, fand ich kaum ein Plätzchen, wo ich meine nassen Kleider ausziehen konnte; denn unser Haus war mit Freischärlern vollgestopft. Auch aus der Straße herrschte, trotzdem die meisten Blusenmänner nach kurzer Rast weitergeflohen waren, ein so dichtes Gedränge, wie ich es hier seitdem selten wiedergesehen habe. Gegen Mitternacht wurde plötzlich aus meinem Elternhause geschossen. Ich verweilte noch mit meinen Geschwistern im überfüllten Wirtszimmer und wollte mit ihnen das von der Mutter für uns hergerichtete Strohlager aussuchen, da stürmte Reff mit der Patrouille herein. „Wer hat hier geschossen?" schrie er meinen Vater an, der eben mit einem frisch gefüllten Weinkruge eintraf. Da mein Vater keine Auskunft zu. geben vermochte, befahl Reff, ihn abzuführen und totzuschießen. Aufs äußerste erschrocken, umklammerten wir den Vater, da ihn die Patrouille fortzuzerren begann. Unser Weinen und Jammern machte auf Reff keinen Eindruck, und mein Vater hätte schwerlich den folgenden Tag erlebt, wenn nicht die Welmlinger rechtzeitig gekommen wären. Diese braven Freischärler suchten uns zu beruhigen und erklärten: „Der Wirt hätt im Keller Wi gcholt und cha nit wisse, wer gffchosse hätt. Dem därs nüt geschähe!" Dies wirkte, und Reff zog mit mürrischem Gesichte ab. Als ich am andern Morgen aufstand, war kein Blusenmann mehr im Ort zu sehen. Die viertägige Republik war zu Ende. Das Münder am Chsnuks. Von I. L. Perez. Deutsch von F. Hurwitz. 3ch hielt den Paletot bereits in der Hand und blieb doch noch zögernd stehen: Soll ich zur Stunde gehen ober nicht? Es ist so schlechtes Wetter, windig und kalt... eine halbe Meile weit.. . Und wozu? Nochmals „Pokad, pokadti" (Abwandlung der Zeitwörter), nochmals die Gesellschaft des alten Baal habajis (Hauswirt), der bereits einige und sechzig Jahre ohne Grammatik durchs Leben kam. Er war auch ohne Grammatik bereits zehnmal in Leipzig, einigemal in Danzig gewesen; wäre beinahe schon bis nach Konstantinopel gekommen, und kann gar nicht begreifen, wie man Geld ausgeben kann, um dies zu erlernen. Eine wichtige Sache Dikdik! (Grammatik). Der junge Hauswirt weiß sehr gut, daß es viel besser wäre, zum Rebben zufahren, einen Kaftan mit Samtstreifen, Streimel und Peas zu tragen, als Dikdik zu lernen; allein er ist ein Kaufmann, muß leider unter moderne Leute kommen, und da heißt es, sich denen anpassen, einen Hut und ein weißes, gebügeltes Vorhemd tragen; seine Frau besucht schon das Theater, seine Tochter liest Bücher und seinem Sohne muß er einen Lehrer für „Dikdik" halten! „Hat denn der Vater nicht recht?" sagt er, „allein was läßt sich tun, die Welt verlangt es jetzt so! Und' den Geboten der Welt muß man ja leider folgen!" „Tun Sie es mir wenigstens zuliebe," bittet er mich, „und verderben Sie ihn nicht! Ich zahle Ihnen soviel Geld für das bißchen „Dikdik", aber erzählen Sie ihm nichts. Soll er nicht wissen, daß die Erde sich um die Sonne dreht!" Und ich versprach ihm, daß er von mir nichts erfahren werde, weil. .. weil ich im ganzen nur diese einzige Stunde hatte . . . und eine arme kranke Mutter im Hause!. . . Gehen oder nicht gehen? Während des Unterrichtes werde ich von allen beaufsichtigt. Ob auch von ihr? Sie sitzt immer in einer andern Ecke des Zimmers in ein Buch vertieft . . . manchmal blickt sie auf, die langen samtnen Augenwimpern emporziehend, da wird es lichter, heller. Allein dies geschieht so selten, so sehr selten! — Und was wird daraus werden? Nichts, nur Herzweh! „Hörst Du", weckt mich die alte schwache Stimme der Mutter aus meinen Träumen. „Der Feldscher meint, wenn ich ein paar warme Wollstrümpse hätte, könnte ich mich vom Bette herunterschleppen." Da muß man zur Stunde gehen! Als ich hinkam, traf ich die ganze Familie am Tische um den kochenden Samovar versammelt; nur die Schwiegertochter fehlte: sie war im Geheimen, daß der Schwiegervater es nicht wisse, ins Theater gegangen. Meinen „guten Abendwunsch", erwiderte der junge Wirt mit leiser Stimme, indem er ein Spiel Karten unaufhörlich in der Hand drehte — er erwartete offenbar Gäste. Der Alte saß in einen weiten türkischen Schlafrock gehüllt, den Kopf mit einer spitzen Jarmulke bedeckt und schlürfte behaglich den Rauch aus einer langen Bernsteinpfeise. Erließ

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