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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 596 (sequence 8)
Language
German
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60, als Strafexpedition hierher geschickte Freischärlerwelche ein gewisser Arnold aus Buggingen anführte, marschierten zum Tore herein und hielten auf dem Marktplatz, wo sie Quartierzettel empfingen. Mein Vater, der jüdische Gastwirt des Orts, bekam 6 Mann. Ordentliche Menschen — sämtlich aus Welmlingen bei Lörrach — die mit vieler Begeisterung von der Freiheit und mit weniger Wärme von Gustav Struve redeten. Letzterer war am vorhergegangenen Donnerstag mit einer Schar von Anhängern in das badische Markgräflerland etrts gezogen und hatte in Lörrach „die deutsche Republik" prpf klamiert. Das Fremdwort Republik, das nun in aller Munde lag, wurde anfangs nicht überall richtig verstanden. Noch im Frühjahr 1848 jammerte eine junge Frau in Jttlingen, einem unweit Heidelberg gelegenen Dorfe, ihren Nachbarinnen vor: „Mei Mann will allfort nix als Republik und Republik, un i weiß halt in Gottes Name nit, wie i dös Ding koche soll." In meinem Geburtsort verstand man das Wort Republik besser, und ein ziemlich großer Teil der Einwohner begeisterte sich für Deutschlands Freiheit und Einheit. An ihrer Spitze stand der Bürgermeister Kaltenbach, ein ehrlicher republikanischer Schwärmer, der im Frühjahr 1848 seine politische Ueberzeugung um ein Haar mit dem Tode gebüßt hätte. Im April war von den hessischen Soldaten, welche unter dem General v. Gapari gegen Heckers Freischaren marschierten, ein Trupp nach Sulzburg abgesendet worden, der in tiefer Nacht daselbst anlangte und sofort das Haus des Bürgermeisters Kaltenbach umstellte. Dieser sprang noch rechtzeitig aus dem Bett und eilte barfuß und im bloßen Hemde aus der Hintertüre über einen Steg in den nahen Bergwald. Schon nach wenigen Minuten kamen die Verfolger herbei, um auch das Hinterhaus zu umstellen. Sie sahen noch im nächtlichen Dunkel die fliehende weiße Gestalt und sandten ihr mehrere Kugeln nach, die aber nicht trafen. Das Haupt der regierungsfreundlichen Bevölkerung war der Altbürgermeister Ludwig, dem die Treue gegen die Landesfürsten zum Lebenselement geworden war. Ihn holten die Freischärler aus seiner Wohnung, und jetzt noch sehe ich, als wäre es gestern geschehen, den großen hageren Mann vor mir, dessen Gesicht dem Kalk glich, der fast fingerdick seinen Rock bedeckte. Nachdem „der Reaktionär" eine Zeitlang mit Stößen und Püffen an etliche Wände gedrückt worden war, wurde er auf den Marktplatz geführt, wo Arnold und die übrigen Anführer seiner warteten. Er kam indes mit dem bloßen Schrecken davon und durfte bald wieder unbehelligt in sein Haus zurück. Anders erging es einigen wohlhabenden Juden, deren Söhne sich in das nahe Elsaß geflüchtet hatten, weil sie nicht mit den Freischärlern in den Kampf für „Freiheit, Bildung und Wohlstand" ziehen wollten. Durch Drohungen eingeschüchtert, kamen die Väter der Flüchtlinge auf den Marktplatz. Jeder von ihnen trug das Lösegeld, ein mit Silberftücken gefülltes Leinwandsäckchen, in der Hand und lieferte es im Hause des reichen Weinbergbesitzers Christoph Friedrich Sexauer ab, der ebenfalls 300 Gulden für einen entflohenen Verwandten, Namens Fritz Kleyling, erlegte. Im ganzen strich Arnold an Strafgelder 966 Gulden ein. Währenddessen gefiel eine am Schaufenster des Kaufmanns Josua Weil ausgelegte blaue Bluse einem Freischärler so gut, daß er in den Kaufladen trat und seine schäbige Bluse gegen die neue umtauschte. Nun erinnere ich mich nicht mehr genau, ob ihm der Kaufmann die Bluse schenkte oder ob der Käufer die Bezahlung vergaß — nur so viel weiß ich noch, daß gleich darauf noch andere Freischärler kamen und sich so lange mit den noch vorhandenen Blusen beschenken ließen, bis keine mehr übrig blieb. Gegen vier Uhr wurde meine Aufmerksamkeit durch das Geräusch vieler Schritte gefeffelt. Drei Blusenmänner brachten den 38jährigen Mar um Weil herbei, den sie in einem Versteck gefunden hatten. Der Arme sollte Frau und Kinder verlassen und sich den Freischärlern anschließen. Um diesem Schicksale zu entgehen, verbarg er sich in einem Nachbarhause, wurde aber verraten und herbeigeholt. Begleitet von der Schuljugend, die ihm auf dem Fuße folgte, erwartete er auf dem Marktplatze sein Urteil. In der Hand hielt er eine weiße Serviette, worin ein Hemd lag. Ich stand nahe bei ihm und hörte, wie Arnold sagte: „Es ist am beschte, man jagt dem Kerl eine Kugel durch den Kopf!" Bei diesen Worten wurde das Gesicht des Mannes totenbleich. Auch die übrigen Anführer maßen ihn mit finsteren. Blicken; sie dachten aber doch menschlicher und ließen ihn, da er infolge feiner Armut kein Lösegeld aufzubringen vermochte, nach kurzer Beratung laufen, i) Kaum hatte er sich entfernt, als dumpfe Schüsse ertönten. Die Freischärler horchten hoch auf und sahen einander fragend an. Da machte ein Bauersmann, der eben aus dem Nachbardorfe Ballrechten kam, ihrer Ungewißheit ein Ende, indem er ihnen zuries: „In Staufe seien d' badische Soldate und d' Freischärler anenander!" In kurzer Zeit waren die Freischärler zum Abmarsch gerüstet. Die Eifrigsten trieben einen Leiterwagen auf und fuhren davon. Ihnen voraus ihr Anführer Arnold, dem der Adlerwirt Böhringer ein feuriges Pferd lieh. Arnolds Hauptsorge galt aber zunächst nicht den angegriffenen Gesinnungsgenossen, sondern dem Gelds, das er in einem Steinbruch versteckte. In seinem Eifer hatte er dabei nicht wahrgenommen, daß ihm ein schwachsinniger Knecht heimlich zuschaute. Mittlerweile krachten die Schüsse häufiger und stärker. Da die Entfernung zwischen Sulzburg und Staufen nur eine Stunde beträgt, machten sich einige Neugierige auf den Weg, um dem Gefechte zuzusehen. Ihnen schloß sich mein Onkel mit mir an. Nach einer halben Stunde gelangten wir an den hochgelegenen Schleiffteinhos. Da sahen wir, wie Staufen an sechs Plätzen brannte und die Kugeln herüber und hinüber flogen. Den meisten Lärm machten die von den Soldaten abgefeuerten Kartätschen. Wir standen noch nicht zehn Minuten auf unserm Lugaus, da eilten aus dem nahen Wettelbrunn die Bauern mit einer Feuerspritze herbei, um den Brand in Staufen zu löschen. Sie konnten jedoch ihre menschenfreundlichen Absichten nicht aussühren; denn mit gezogenen Säbeln ritten ihnen Dragoner entgegen und jagten sie wieder heim. h Schlimmer als die Freischärler hausten am gleichen und nachfolgenden Tage die zügellos gewordenen Soldaten, indem sie dort republikanisch gesinnte Bürger erbarmungslos zusau,menschossen. So den Landwirt Gaß und fünf harmlose, junge Burschen aus Weil (bet Lörrach), welch letztere von den Freischärlern als Musikanten angestellt worden waren. Außerdem sollte der Kronenwirt Rinderte erschossen werden. Er entging jedoch diesem Schicksal; denn er^umfaßte einen Leutnant so lange, bis er von maßgebender Seite die ehrenwörtliche Zusicherung erhielt, daß ihm kein Leid geschehen dürfe. Der Einsender.

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