Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · p. Seite 595

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 595 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228903--66069-3278230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

vertilgt"„Zehn^Sünden haben das EM -zur Folge" . Die Tugendkataloge zählen wieder die Reihe der sieben Tugenden auf; ja, auch das Alphabet muß herhalten zu einem solchen Tugendkatalog, den sogar schon die Kinder einüben mußten (Sabbat 104a. In demselben Traktat ist der Abschnitt Lewa madlikin für unfern Gegenstand sehr bemerkenswert). Der Kern des dem R. Elieser .ben Hyrkanos fälschlich zugeschriebenen Buches „Orchoth chajim“ „Wege des Lebens", ebenso des berühmten Werkes „Tanna debe Elijah u“ geht wahrscheinlich auf solche alte Kataloge zurück. Diese Kataloge, deren Urschema wahrscheinlich Ps. 34,13 ff. ist, bildeten die ersten Katechismen für die Heidenbekehrung, sie wurden von den Missionären den Proselyten in die Hand gegeben und überall verbreitet. In der hellenistischen Literatur ist der * Pseudo- Phokylides der älteste Proselyten-Katechismus. Vergleichen wir nun die Arbeit der ersten christlichen Missionäre mit den Normen der palästinensischen Disziplin von den Wegen Gottes, so wird uns die Abhängigkeit der ürchristlicheu Missionstätigkeit von der palästinensischen immer klarer. Man stelle nur die paulin ischen Wege aus Römer 12 zusammen mit Psalm 34, die Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen; Apostelgesch. 9,1 ff. wird erzäht, daß Paulus vom Hohenpriester Briefe nach Damaskus verlangt an Leute, die zu dem Wege hielten. Ebenso zweifellos ist die Predigt Jesu nach Johannes ganz im Sinne der Derech erer -- Regeln gehalten; „auch hier werden Erkenntnis Gottes und Wandel in seinen Wegen zum Hochpunkt der Religion gemacht." Nicht anders ist es mit der Didache, dem ersten christlichen Katechismus. Wie diese Didache, deren Text erst seit dem Jahre 1883 bekannt ist, den berühmten Satz Hillels „Was Dir selbst unlieb ist, tue Deinem Nächsten nicht", genau in derselben negativen Form als höchste Pflicht, gegen den Nebenmenschen verkündet, so hängt sie zweifellos in ihrem ersten Teile von einer jüdischen Vorlage ab, die sich mit den Wegen Gottes beschäftigte. Das hatte schon Harnack auf Grund einer Arbeit Taylors zugestanden, Klein erhebt diese Vermutung zu vollster Gewißheit (S. 158 ff.), so daß ohne jede Uebertreibung gesagt werden kann, die Proselytenkatechismen der ersten Christen sind nichts anderes als die Katechismen der palästinensischen Schriftgelehrten, daß sonach die Ethik des Christentums aus der der palästinensischen Schriftgelehrten sich aufbaue und mit ihr identisch sei. (Vgl. übrigens die schöne Abhandlung Köhlers über die Didache im 5. B. der Jewish Encyclopedie, s. v.) Ein gesehen hat das schon Harnack. In seinem Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. I2, S. 128, bekennt er, „daß in der eindrucksvollen Ausprägung und Zusammenfassung hoher sittlicher Gebote das Judentum in der Diaspora der christlichen Propaganda vorangegangen und diese in die Arbeit jenes eingetreten ist. Durchweg sind nämlich diese Ausführungen von der alttestamentlichen Spruchweisheit abhängig und haben namentlich mit den gemeingriechischen Bestandteilen des alexandrinischen Kanons, sowie mit philonischen Ermahnungen die größte Verwandtschaft. Es stellt sich somit in diesen so zweckmäßig zusammengestellten und von einem so erhabenen Geiste erfüllten Sittenregeln die höchste Blüte sowohl der jüdischen als griechischen Entwicklung dar. Der christliche Geist fand hier eine Gesinnung vor, die er als die seinige erkennen durfte. Daß dieselbe aber bereits in festen, pädagogisch zweckmäßigen Formen ausgeprägt war, war von höchster Wichtigkeit. Damit erhielt das jugendliche Christentum ein Geschenk von eminenter Bedeutung; es wurde ihm auf einem Gebiet, dem sittlich en, eine Arbeit erspart, die erfahrungsgemäß immer erst in Menschenaltern geleistet werden kann — nämlich die Schöpfung einfacher, fester und eindrucksvoller Regeln. Hier reichten die Sprüche der Bergpredigt nicht aus". — Kennt Professor Bousset diese Worte nicht'? Und wenn ja, muß er, der Gelehrte, sich nicht zu ihnen bekennen? Und wenn er? es tut, wie kann er solche Ergebnisse in seinem „Jesus" totschweigen? wie kann er eine Darstellung rechtfertigen, die mit der Wahrheit so kollidiert!? Wie darf er behaupten, die Schriftgelehrten Palästinas befaßten sich nur so nebenbei mit der religiösen Ethik? Wann werden endlich die liebgewordenen Voreingenommenheiten der evangelischen Theologie begraben werden? Als im Jahre 1907 mein kleines Schriftchen erschien: „Der Kampf zwischen Judentum und Christentum in den ersten drei christlichen Jahrhunderten", schrieb Professor Schürer, es genüge zur Charakteristik des Buches der darin aufgestellte Satz: „Die Ethik des Christentums ist von Anfang bis zum Ende jüdisch" (S. 76). Wie schwer ist es doch aufzuräumen mit den Thesen der Voreingenommenheit, wenn selbst ein Mann wi<Schürer von ihnen nicht frei werden kann! Das soll aber unsere Gelehrten nicht hindern, unentwegt und entschlossen weiter zu arbeiten an der richtigen Aufklärung der palästinensischen Schristgelehrsamkeit in neutestamentlicher Zeit. Um ein gut Teil vorwärts gebracht hat uns die Arbeit Kleins. Ueber manche andere Lehren dieser Wege Gottes vielleicht später einmal. Lin Tag in der bsdilchen Lepublik. Einem Augenzeugen naÄerzählt von Josef Bruchfaler. s war ein wunderschöner Sonntag, der 24. September 1848. Kein Wölkchen war am Himmel zu erblicken, und still und friedlich lag Sulzburg, mein waldumgürtetes und rebenumkränztes Heimatstädtchen, im milden Glanze der tzerbstsonne. Alles schien wie ausgestorben; nur der Marktplatz widerhallte vom Lärm der Schuljugend, die dort militärische Uebungen machte. Ich war damals ein Knabe von sieben Jahren und bildete. mir nicht wenig darauf ein, daß ich auch in Reih und Glied mitexerzieren durfte. Monatelang hatten wir Kinder zugesehen, wie ein ehemaliger Unteroffizier, der König hieß, die „zum Schutze der Freiheit" gebildete Bürgerwehr eindrillte. Der arme König mußte dabei manchen Aerger schlucken; denn ein Teil. der Bürgerwehr konnte die Kommandoworte rechtsum und linksum nicht begreifen. Da gab es denn bei den Zuschauern kein kleines Gelächter, wenn sich immer wieder dieselben ungeschickten Bürgerwehrmännev nach allen Himmelsrichtungen drehten und bald mit dem Rücken aneinanderstießen, bald Auge in Auge sich anglotzten. König brüllte zuletzt vor Aufregung; allein er mochte fluchen und wettern, so viel er wollte — es ging eben nicht. Endlich kam er auf einen glücklichen Einfall. Er verzichtete auf die üblichen Befehlsworte, die doch nur. Verwirrung anrichteten, und kommandierte dafür: „D'Buckel (er gebrauchte übrigens einen viel derberen Ausdruck) gegä s'Rothus! D'Buckel gegä d'Brunnä! D'Buckel gegä d'Wald! D'Buckel gegä d'Kirchä!,, Und siehe da — es lief von nun an wie am Schnürchen. Das Gesehene und Gehörte ahmten wir Schulkinder getreulich nach, und eben waren wir im Begriff, „d'Buckel gegä s'Rothüs" zu kehren, als wir plötzlich gestört wurden. Etwa

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.