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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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Ich betone „palästinensische", denn ,daß -die hellenistischen Juden intra et extra muros in erster Reihe die religiöse Ethik als Inhalt des. Judentums^ gelehrt Haben, wird heute schon mit ehrlicher Offenheit von den meisten Gelehrten zugestanden. :: ' - : Klein geht vom Beginn, der Religion Israels aus, soweit uns dieser Anfang bekannt ist. Von ältesten Zeiten her waren es zwei Gruppen,, in denen die israelitische Religion ihre Pflege und Entwicklung gefunden hat. Die ältere ist die der Priester, die jüngere die der-Propheten. Das Endziel beider mochte wohl dasselbe gewesen, sein, „in den Mitteln und Wegen unterschieden sie sich himmelweit voneinander." Mittelpunkt der Prophetie ist Gotteserkenntnis — und Gott erkennen ist ihr Sittlichkeit und Nächstenliebe —; Mittelpunkt, der Priestertätigkeit war die kultische Handlung. Jene kündete die Anbetung Gottes im Geiste, diese durch Opfer und Kultgesetze. . n Es habe aber noch eine dritte Gruppe der geistigen Führer im alten Israel gegeben, die weder den Propheten, noch den Priestern zugezählt werden dürfe, Männer, die das Volk in Sprüchen, Liedern, Gleichnissen Weisheit lehrten und besonders gern die Natur und ihre Wunder in den Kreis ihrer Betrachtung zogen: So eine Art religiöser Naturphilosophen waren sie und hießen Ghachamim: die Weisen. Von diesen drei Gruppen erwies sich nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahre 586 v. Chr. die der Priester als die stärkste, widerstandsfähigste und einflußreichste. Nicht als ob Propheten und Weisen ganz verschwunden wären, aber sie unterordnen sich dem Kult, Prophetie und Chochma, so wenig sie auch ihr Ziel vergessen, stehen sie doch zugleich im Dienste des Kultus. Sie befruchteten sich gegenseitig: Prophetie und Chochma liehen Geist und Innerlichkeit dem Priestertum, dieses wieder gab jenen mehr Realität und Stütze. Den Stempel aber drückte der nachexilischen Zeit der Kultus und dessen eifrige Pflege auf. Nicht ohne Opposition, die sich in den Büchern Jona und Ruth, in den Weisheitspsalmen und Sprüchen, nicht minder im Buche Hiob offenbart. Trotz alledem prävaliert in der von Esra gesammelten Thora, in den fünf Büchern Mosis, das Gesetz, und die Thora wird zur Weisheit. Da kam der bedrängten Chochma, die indes auch die prophetische Belehrung in ihr Bereich gezogen hat, die griechische Philosophie zu Hilfe. Mit Alexander dem Großen drang griechisches Wissen auch zu den Juden innerhalb und außerhalb Palästinas, und abermals nehmen Philosophie und Didaktik einen großen Raum ein im literarischen Leben der Juden. Wie nicht anders zu erwarten, zieht nicht nur der griechische Ernst sittenerhebend, sondern auch griechischer Scherz und griechisches Spiel ziehen sittenverderbend in Judäa ein. Und merkwürdig. Während in Alexandrien der Einfluß des Griechentums dem Judentum zu neuem, weitem Fluge verholfen hat, die Neubelebung und kräftige Hervorkehrung der Prophetie und Chochma die Juden im Judentum befestigt haben, fallen in Palästina anscheinend gerade die Hüter des Kults schon den ersten Lockungen der griechischen Wettspiele zum Opfer und vergessen Religion, vergessen Vaterland. Man sollte meinen, daß die geistigen Führer des Volkes, die Schriftgelehrten nunmehr selbst mit flatternden Fahnen in das Lager der Prophetie und Chochma übergehen und die Macht des Kultus brechen würden. Es geschah nicht. Das Gegenteil des Erwarteten traf ein. Der Kult erfuhr eine ungeahnte Stärkung. Wall aus Wall sollte aufgerichtet we^en gegen das Eindringen fremder Einflüsse, die Kültheiligkeit -sollte der Juden vornehmstes religiöses Ziel werden. Und doch war'eine große Wandlung''eingetreten. Ohne den. ausrüttelnden.Einfluß des. Griechentums wären vielleicht in Palästina nach und nach Chochma und Prophetie um ihre große Bedeutung gekommen. Jetztaber gewannen sie neue Kraft, neues Leben. Seit den Tagen der Makkabäerkämpse wurde die prophetische Chochma neben der Pflege des vom Volke so beliebten Kults ein integrierender Bestandteil des palästinensischen Judentums. Nie waren die Schristgelehrten einseitige Nomiften, nie einseitige Kultmenschen, alle pflegten das. Gebiet der religiösen Ethik, des religiösen Universalismus. Gewiß war manchem Kult und Ritus lieber, als das Sichversenkeri m ethische Gedanken, ändere verteilten ihre Kräfte gleichmäßig, und wieder andere gingen der Lehre des Gesetzes aus dem Wege und widmeten sich ausschließlich der ethischen Belehrung. Aber sie. nahmen alle mit gutem Recht nicht etwa den Namen Gesetzeslehrer, sondern „Chachamim", „die Weisen", an, denn, die Lehren der Chochma, der Weisheit, predigten sie, jener Chochma, die wir heute allgemein „Agada" nenttett. Nicht, als ob der ganze Stoff der „Agada" nur prophetische Chochma gewesen wäre, aber ihr wesentlicher Zweck war sie, Zumal die sogenannten „vorzüglichen Agadoth, die jedem Menschen verständlich finb"; beschäftigten sich nur mit den ethischen Ideen des Judentums. Ihr Endziel war: Gott erkennen und in seinen Wegen wandeln, um mit ihm eins zu sein. Palästinensische und hellenistischeSchristerklärer, beide hatten jetzt nur ein Streben: die Erkenntnis der Wege Gottes. Hat der Mensch die Wege Gottes erkannt und geht sie, dann ist er gleichsam eins mit Gott, in ihm ist Gott Und er ist in Gott. Die palästinensischen Mystiker hatten zur Bezeichnung dieses Einsseins mit Gott zwei Worte gewählt, die das Tetragrammaton, die vier Buchstaben m.T, in sich bargen: Kim “OK. Und die Wege Gottes zu lehren, zogen die Juden — die von Palästina sowohl als die von Aegypten — in die weite Welt hinaus. „Bald entstand das Bedürfnis, die Lehre von den Wegen ausführlicher darzustellen". In Palästina erhält diese Disziplin der Wege die Bezeichnung Dereeh erez. Ein Wort, das uns allen als der neuhebräische Ausdruck für „Anstand" wohl bekannt ist. Wenn jemand Knigges „Umgang mit Menschen" ins Hebräische übersetzen wollte, müßte auf dem Titelblatte stehen: „Knigges Lehre vom Dereeh erez". Es ist Kleins dauerndes Verdienst, nachgewiesen zu haben, daß an vielen Stellen nichts Geringeres bedeutet, als die Vorstufe zu den Wegen Gottes, „als die mittels der Vernunft erkannte und dem Gewissen eines jeden Menschen bezeugte Norm der Sittlichkeit" In der K'"7-Disziplin der palästinensischen Schulen lebte die alte Chochma von neuem auf, und als Regel wurde der Satz Rabban Gamliels aufgestellt : schön sei Thora mit Dereeh erez. Um aber den Heiden etwas zu bieten, wodurch diese religiöse Disziplin ihnen besser im Gedächtnis haften bleibe, wurden die ^"mRegeln in leichtfaßliche Form zusammengestellt; z.B. „Acht Dinge sinds, welche den Ruin der Welt herbeiführen". . . . „Vier Dinge sinds, die die Welt erhalten" . . . „Auf drei Dingen ruhe die Welt" ... Ja, wie R. Simlai später einmal alle 613 Gebote und Verbote in einen einzigen Satz zusammengefaßt hatte: Dirschimi wicheju „Suchet mich, und ihr werdet leben" (Amos 5,4), so gab es auch schon früher die goldene Regel ber Summe des ganzen Dereeh erez: „Halte Dich.fern von der Sünde und dem, was häßlich ist".' So entstanden in Palästina Tugendlinb Lasterkataloge: „24 Hindernisse der Buße gibt es" . .. „Infolge 24 Sünden werden die Familien

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