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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 593 (sequence 5)
Language
German
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Die Wege Gottes. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. »Ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen an, daß sowohl der Heide als der Israelit, sowohl der Mann als das Weib, sowohl der Knecht als die Magd nur durch sittliche Handlungen in den Besitz des heiligen Geistes kommen können." Tanna debe Elijahu. s gehört auch heute noch zu den festen Normen der protestantischen Theologie, Jesu Lichtgestalt auf dunkelsten Hintergrund zu malen. Grau in Grau wird die Zeit geschildert, aus der Jesus zum Himmel emporstieg. Aus der Religion des Herzens und der sittlichen Tat mit dem großen Zug zum Universalismus, wie sie die Propheten künden und lehren, sei eine banale, geisttötende nationale Gesetzesreligion geworden, ohne Tiefe, ohne Innerlichkeit, einzig von dem Streben geleitet, durch minutiöse Erfüllung lächerlicher Gebote den Lohn Gottes zu erhaschen. Die gewaltige Tat Jesu war, die Menschheit aus diesem Pfuhle gerettet zu haben. Mit der Kühnheit eines Göttmenschen habe er über die vier hinter ihm gelegenen Jahrhunderte hinweg dem Amos, Jesaja und Micha die Bruderhand gereicht und die Prophetenreligion des Christentums gegründet. Seit einigen Jahren erscheinen bei Mohr in Tübingen von Schiele herausgegeben „Religionsgeschichtliche Bolksbücher für die deutsche christliche Gegenwart." Ein Unternehmen, aus das ich mit Neid und Herzeleid blicke- Eine der wichtigsten Schriften dieser Sammlung ist „Jesus" von Professor Bousset-Göttingen. Ein Name von bestem Klang in per Zunft. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten bemüht sich Bousset, dem Judentum der neuteftamentlichen Zeit halbwegs gerecht zu werden. Hier aber schreibt er fürs Volk. Vor mir liegt die dritte Auflage des Heftchens, und stolz kündigt der Verleger an: 21. bis 30. Tausend. Fürs Volk schreiben heißt aber selbst bei Bousset alle Ergebnisse der Wissenschaft, der Kritik mit Füßen treten, heißt abermals das Judentum jener Zeit schwarz in schwarz malen. Als wären die Evangelien keine Streitschriften, als flössen die Quellen über jene Zeit so reichlich und klar, daß jeder bis auf den Grund sehen könnte, als wäre Bousset Augen- und Ohrenzeuge gewesen, schreibt er: „Was sie dort" (bei den pharisäischen Schriftgelehrten) „hörten,war in der Tat Schriftgelehrsamkeit. Alles drehte sich um den Buchstaben der Schrift und seine Auslegung. Und das rein Gesetzliche, Zeremonielle mit seinen tausenderlei Bestimmungen nahm darin den breitesten Raum ein. Dabei siel manches Gute und Brauchbare für Religion und Moral so nebenbei (!) ab; aber auch nur so nebenbei; mau ward seiner nicht froh (!). Gelehrter Scharfsinn, Auslegung der einzelnen Schriftstellen nach allen Regeln der Kunst, müßige, glitzernde Kombinationen, mehr oder minder geistreiche Einfälle, spielerische Grübeleien, burleske Anekdoten, das war das Charakteristische rabbinischer Lehrvorträge" (S. 18). Und es genügt nicht Bousset das einmal zu sagen, er kann das seinen Lesern — es ist ja ein Volksbuch, das er geschrieben hat — nicht oft genug wiederholen. „Dort haben wir Schristauslegupg und hier lebendige Frömmigkeit. Dort sollen die Gleichniffe die verschrobenen Gedanken einer toten Gelehrsamkeit illustrieren und werden deshalb oft — keineswegs immer — selbst verschroben und künstlich" (S. 21).— „Hier die Unnatur grüblerischer, unfruchtbarer Gelehrsamkeit und dort die einfache Frische des Volkskindes und Laien; hier eine durch Generationen fortgesetzte Verbildung und Verschrobenheit und dort Einfachheit und Natur; hier ein Hängen und Kleben am Kleinen und Kleinsten, ein Wühlen im Staube und dort ein Drängen auf die Hauptsache und der starke Sinn für Realität" (S. 31). — „Vor allem aber ging hier der Glaube an den in die Geschichte der Gegenwart mit starker Hand eingreifenden lebendigen Gott verloren .. . Anstelle der lebendigen Gegenwart Gottes, die ja freilich nicht ganz verloren ging, traten ihnen die Spinnengewebe ihrer Gelehrsamkeit, in denen sie den wahren Willen Gottes einzufangen meinten, die gelehrte und scharfsinnige Beschäftigung mit der Deutung der Schrift, die Freude am Disput und an verschrobenen Spitzfindigkeiten" (S. 46). — Wie strotzt das alles von Unwahrheit und Uebertreibung! Wie wenig fragt Bousset in diesem wissenschaftlichen Märchen, das er seinen Lesern auftischt, nach Erkenntnis und Gerechtigkeit. Wie soll endlich Frieden und Liebe unter die Menschen kommen, wenn die Künder der Worte Jesu immer nur ihre Feder in giftige Tinte tauchen, so oft sie über das Judentum jener Tage zu sprechen kommen! Alle Kraftworte der deutschen Sprache werden herangezogen, heftige Ausdrücke gebraucht zum Gaudium der intelligenten deutschen und christlichen Leser. Moral und Religion bei den Schriftgelehrten zu Jesu Zeit nur so nebenbei! Ist das wahr? Haben die Weisen und Frommen seit Esra wirklich an nichts anderes gedacht als an die Häufung öbeu Zeremoniells? War ihnen Sittlichkeit, wahre Religion tatsächlich Hekuba? Eine klarere, wahrheitsgetreuere Antwort hat vielleicht noch keiner auf diese große Frage gegeben als Professor Dr. G. Klein, Rabbiner in Stockholm in seinem kürzlich erschienenen und Harnack gewidmeten Werk: „Der älteste christliche Katechismus und die jüdische Propaganda-Literatur" (Berlin 1909, Georg Reimer). Wie wohltuend sticht dieses Buch ab von der zudringlichen Wichtigtuerei so vieler, die über die neutestamentliche Zeit schreiben; welche Bescheidenheit ist gegossen über das ganze Werk, das deS Lehrreichen so vieles gibt! Kaum da und dort eine kleine Polemik, nirgends ein häßlicher Angriff, nirgends ein rohes, rüdes, beleidigendes Wort. Und doch ist das ganze Buch eine einzige Polemik, gerichtet gegen den immer von neuem gemachten Vorwurf, die palästinensischen Schriftgelehrten wären in die nationale Gesetzesreligion versunken und hätten Religion und religiöse Sittlichkeit nur so nebenbei behandelt. Wahrlich, fast alle Forscher des neuteftamentlichen Zeitalters, die ja zumeist evangelische Theologen sind, könnten von diesem Rabbiner lernen, ohne Voreingenommenheit nach der Wahrheit zu forschen und Wahrheit ohne Dichtung zu schreiben. In Kürze sei der Inhalt dieses bedeutsamen Buches wiedergegeben. Zwar bin ich nicht mit allem einverstanden, was Dr. Klein in seinem Buche uns eröffnet, stimme mit seinen Anschauungen über Ghochma und Gesetz in manchem nicht überein, der wichtigste Teil seine Schrift, das Kapitel über vereeb erez, verlangt jetzt erst recht eine ausführliche eingehende Behandlung, und auch die Auseinandersetzung über den Gottesnamen ist zu skizzenhaft. Doch das sind Dinge, die in eine wissenschaftliche Zeitung gehören, dem Werte des Buches keinerlei Abbruch tun; hier sei auf Grund des Werkes nachgewiesen, daß die palästinensische Schristgelehrsamkeit der neuteftamentlichen Zeit die, Sittlichkeit als das Wesen des Judentums gelehrt, und daß die christliche Propaganda die religiöse Ethik der palästinensischen Schriftgelehrten sich glattweg angeeignet habe.

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