Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1909)
- Date
- 1909-12-10
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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In seinem WiffensLrieb, seinem Enthusiasmus, fand Weil den Sporn und die Kraft zu solch bewunderungswürdiger Arbeit. Während seiner regelmäßigen Spaziergänge keimten in ihm die Gedanken, die er dann daheim fast ohne jede Korrektur niederschrieb. Der Anerkennung von . außen bedurfte er nicht, doch nahm er mit Freuden das Lehramt an der Ecole normale superieure und an der Ecole pratique des Haute s Etudes in Paris an, das ihm 1876 angeboten wurde. In dieser neuen Stellung kam er mit der geistigen Elite der strebsamen Jugend Frankreichs in Berührung, und so tief und nachwirkend war sein Einfluß auf seine Schüler, selbst auf solche, die später eine ganz anders geartete Laufbahn einschlagen sollten, daß ein Politiker wie Jaurös ihm noch voriges Jahr schrieb, seine angenehmsteZerstreuung und Erholung sei die Lektüre einer Aeschyleischen Tragödie. Nachdem ihm die Academie des Inscriptions et Beiles Lettres zum ordentlichen Mitglied gewählt hatte, erfolgten die Ernennungen an den Akademien zu Berlin, Petersburg, Bologna. Er war erst Chevalier und später Officier de la Legion d’H onneur, und der König von Griechenland schickte ihm den Orden des Heilands. Mit 72 Jahren gab er sein Lehramt auf, nicht aber seine philologische Tätigkeit, der er nun seine ganze Zeit, seine ungebrochene Kraft widmen konnte. Er arbeitete seine kritischen Werke gelegentlich jeder neuen Auflage um, indem er seine eigenen Konjekturen ebensowohl wie die der Fachgenossen aller Länder, einer scharfsichtigenPrüfung unterzog. Neue Konjekturen sowie Rezensionen der bedeutenden Erscheinungen in seinem Fache bilden den Stoff einer unzählbaren Reihe von Artikeln, die er in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichte. Eine Anzahl dieser Artikel hat Weil in drei Bänden gesammelt. Etudes sur le Drame antique (1897 und 1908), Etudes sur rAntiquitd grecque (1900), Etudes de Littdrature et de Rythmique greeques (1902). Aber was Weils Geist mehr als alles andere anregte und fesselte, waren die Papyrusfunde, die seit einer Reihe von Jahren aus dem Boden des alten Aegyptens wieder ans Licht gebracht werden. Mit welcher Freude hatte er unbekannte Fragmente von Euripides und anderen griechischen Dichtern selbst entziffert und publiziert (Papyrus Didot 1879). Seine größte Freude war nun, von den neuen Funden bedeutender Fragmente des Aristoteles und Menanders, des Bacchhlides und Herondas im „Journal des Savantes" zu berichten. Zu fernem 80. Geburtstag hatten ihm Kollegen und Jünger eine Sammlung originaler Aufsätze gewidmet (Me langes Henri Weil). Zum 90. Geburtstage überbrachte ihm Professor Hermann Diels, der sich auf der Durchreise in Paris befand, die Glückwünsche der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, die ihn zum Auswärtigen Mitglied erwählt hatte. In seinem Studierzimmer, unter seinen Büchern, empfing ihn der greise Gelehrte mit derselben einfachen und würdigen Herzlichkeit, mit welcher er früher Mommsen, Gompertz und so vielen Gelehrten und Freunden entgegengekommen war. Aber dieser herzliche Empfang war nicht nur bedeutenden Gelehrten sicher, der bescheidenste seiner Schüler war ihm willkommen, und mit allen, die ihm nahten. Ungebildeten, Kindern, einfachen Leuten, wußte er mit herzgewinnendem Feingefühl von dem zu sprechen, was ihnen zugänglich war und sie fördern konnte. Von sich selbst sprach er selten; nicht daß er den Einfluß verkannte, den seine Werke auf die philologischen Studien geübt hatten, aber seine Gelehrsamkeit kam nur seiner Bescheidenheit gleich. Sein Schüler und Freund Theodore Reinach machte die treffliche Bemerkung, daß Weil keine einzige Zeile hat drucken kaffen, aus der nicht etwas zu lernen wäre. Eine so hohe Meinung hatte Weil von sich selbst nicht. Weit entfernt von kleinlicher Ruhmsucht und Strebertum, warsein einziger Wunsch, nützlich zu wirken. Zu weitumfassend war sein Geist, um sich auf das Feld der Philologischen Forschung zu beschränken, und bis zu seinem Lebensende verfolgteer mit dem lebhaftesten Interesse alles Neue, was aus dem naturwissenschaftlichen und literarischen Gebiete hervorgebracht wurde. Das neueste in der Roman- und Theaterliteratur, alles, was noch so fern von seinem Spezialgebiete lag, fand seinen Platz in diesem erstaunlichen Gedächtnis. Etwas wie antike Weisheit, ein der griechischen Philosophen würdiges Gleichgewicht leitete sein Leben, wie es seine Werke beherrschte. Eine feine Ironie war nicht ausgeschlossen, doch blieb sein Urteil stets wohlwollend. Dies rege, innere Leben beglückte noch für Weil die Tage des höchsten Alters; so wurde der bekannte Vers Menanders „Wen die Götter lieben, der stirbt jung" von ihm Lügen gestraft. Eine seltene Charakterstärke erlaubte ihm, den Gebrechen des Alters zu trotzen. Das Augenlicht war ihm in den letzten Jahren beinahe erloschen; doch mit welcher Geduld ließ er sich stundenlang vorlesen, wie unermüdlich verfolgte er mit Hilfe anderer Augen seine so erschwerten Forschungen. So vollkommen war ihm seine Gemüts- und Geistesfrische bewabrt, so empfänglich blieb er für alles Große und Schöne, daß ihm Platos Phaedon noch Tränen der Bewunderung in die Augen brachte. So vollständig hatte er sich in die unvermeidlichen Naturgesetze gefügt, daß er nie über die Gebrechen des Alters klagte. Ein sanfter Gleichmut hatte ihn auf seinem ganzen Lebenswege begleitet und strahlte gleichsam, besonders in den letzten Jahren, von ihm auf seine Umgebung wohltuend aus. Als Weil, schon bejahrt aber vor der Altersgrenze aus dem Lehramt geschieden war, antwortete er mit feinem Lächeln den Freunden, die ihn von diesem Schritt hatten zurückhalten wollen: „Ich will mein Amt verlassen, ehe es mich verläßt". Fast scheint es, als habe ein gütiges Schicksal diesem Wunsche Rechnung tragen wollen. Unvermindert und geistig ungebrochen hat es ihn in die ewige Ruhe hinübergeführt. tzenri weil (1818 bis 1909).