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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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Sonntägsarbeit in offenen Geschäften versandte, hat der Verband der Deutschen Juden-auch hier durch eine Eingabe darauf hingewiesen, daß eine a u s n ah m s los e -Untersagung jedes Handelsbetriebs an Sonntagen und/christlichen Feiertagen nicht geboten erscheine. Die nunmehr seitens der Regierung in Aussicht gestellte Regelung trägt .jenen Anträgen Rechnung und würde eine Sonntagsarbeit jüdischer Angestellter in nicht offenen Geschäftsräumen bei GewerbebsiMben, die am Sabbat schließen, bis zu drei Stünden ermöglichen, sreilich die Gewährung dieser Ausnahme von der Anordnung der Verwaltungs- oder der Stadbehörden abhängig machen; anscheinend sollen aber den betreffenden Gewerbetreibenden jene drei Stunden auf die allgemein zulässige Beschäftigungszeit in Anrechnung gebracht werden. Beide Einschränkungen erscheinen nicht geboten durch die Zwecke, die der Entwurf verfolgt, und es ist zu hoffen, daß die Regierung nach nochmaliger Erwägung nicht daran ffesthalten wird." * Stellen wir uns hier den mutigen Kämpfern zur Seite, so entfernen wir uns von anderen und protestieren gegen ihre Worte. Die N. I. K. läßt sich aus Konstantinopel schreiben: «Die Zionisten haben die Genugtuung, einen neuen wertvollen Bundesgenossen in der Presse erhalten zu Ijafcen, bett „Telegrafo“, die meistgelesene hiesige fpaniolische Zeitung. Der Herausgeber des viermal wöchentlich erscheinenden Blattes. Herr Jsaac I. Gabai schreibt an leitender Stelle der letzten Nummer folgendes: „Aus Smyrna wird uns geschrieben, viele unserer Leser wünschen zu wissen, ob der ,1elsgrako" für oder wider den Zionismus sei. Derselbe Wunsch wurde uns von zahlreichen Lesern der Hauptstadt zum Ausdruck gebracht. Wenn nun auch unser Blatt bisher nichts über seine Tendenzen bezüglich dieser Frage hat verlauten lassen, werden wir nunmehr doch gern die verlangte Antwort erteilen, und das geradeaus und mit Präzision. Da müssen wir nun erst gestehen, daß die Frage, wie sie uns formuliert wurde, uns in Erstaunen versetzt. Wir möchten unsererseits folgende Rückfragen stellen: „Kann es einen guten Juden geben, der nicht Zionist ist?" Auf diese Fragen geben wir und mit Uns die überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden die vernehmliche Antwort: Ja. Und dem Schlußpassus des spaniolischen Blattes' gegenüber: „Wir sind Juden, also sind wir Zionisten" halten wir mit unserem Bekenntnisse nicht zurück: „Wir sind Juden und Deutsche und deshalb sind wir keine Zionisten." . Henri Weil (1818 bis IM). m 5. November verschied in Paris" im 92. Lebensjahre der große Hellenist Henri Weil. Mit ihm verliert die Wiffenschaft eine ihrer anerkannten Größen, die gebildete Welt aber eine Persönlichkeit von solch hervorragenden Eigenschaften des Geistes und Charakters, daß ihr Lebensbild verdient, in seinen Hauptzügen festgehalten zu werden. Weil wurde am 27. August 1818 in der freien Reichsstadt Frankfurt a. M. geboren. Sein Vater, Jacob Weil, war Begründer und Leiter einer jüdischen Erziehungsanstalt; ein bewährter Jugendlehrer, der auch als Volksaufklärer außerhalb der Schule seinen Mann stellte. An seines Freundes Rießer Seite hatte er als Polemiker erfolgreich in den Kampf um die Gleichberechtigung der Juden eingegriffen. Eine starke Flugschrift gegen die antisemitischen Agitatoren Rühs und Fries, eine stattliche Anzahl von Broschüren und schwungvollen Reden, in denen er die Sache seiner Glaubensgenossen mit Geist und Temperament verfocht, wurden später durch des Sohnes Hand vereint. - Durch diesen Vater wurde Weil'in jüdische Geschichte und Literatur eingeweiht.;*■ Das tiefe Interesse für jüdische Bildung, das väterliche Anregung in ihm geweckt hatte, blieb in ihm auch wach und rege, als später die hellenische Welt seines Fühlens und Denkens Inhalt geworden''war. Verbrachte später Heinrich die Ferien im Elternhause, so wurde die Anregung eine gegenseitige: der Vater läßt den Sohn Bibel und Talmü'nd im Urtext lesen, und der Sohn kommentiert dem Vater Stellen aus dem Horaz. — Des 91 jährigen Greises letzte Lektüre war Herders Werk „Vom Geiste der hebräischen Poesie". Die Spuren der religiösen Erziehung, die Weil im Vaterhause genossen hatte, wurden durch den Einstuß späterer Lebensperioden verwischt, doch paarten sich bei ihm stets Aufklärung mit Sinn für Tradition und mit Ehrfurcht vor dem Geiste früherer Generationen. Rach Absolvierung des Frankfurter Gymnasiums setzte Weil seine Studien' an den Universitäten in Heidelberg, Bonn, Berlin und schließlich in Leipzig fort, wo er 1838 at§ Philosophiae Doctor et Bonärum' Artium Magister, summa cum laude promovierte. Unter dem Einflüsse Welckers. K. F. Hermanns und Boeckhs erwachte in dem jungen Studenten ein mächtiger Trieb zu philologischen Studien. Dies bezeugt des 25jährigen Gelehrten erstes Werk. „Das klassische Altertum für Deutschlands Jugend" ist eine Sammlung von Auszügen aus griechischen und lateinischen Klassikern, die mit der größten Sorgfalt und Genauigkeit und einem seltenen Glück des Ausdruckes ins Deutsche übertragen sind. Alexander v. Humboldt beglückwünschte den jungen 'Schriftsteller in einem schmeichelhaften. Schreiben zu diesem Versuche, der deutschen Jugend andere Wege zu weisen „als'die des Essens und des Dampfes". Nach solchen Mustern an der Bildung von Deutschlands Jugend mitzuwirken, wäre Weils Wunsch gewesen; doch auf eine Berufung aneine deutsche Universität durste sich ein Jude damals noch weniger Hoffnung machen als heutigen Tages. So reifte in Weil der Entschluß, nach Frankreich auszuwandern. Anno 1843 kam er nach Paris. In Frankreich wollte Weil als'Franzose lehren, und so war sein erstes Ziel die Erlernung der Sprache seiner neuen Heimat. Wie vollkommen er dies erreicht hah bezeugt die einstimmige Anerkennung und Bewunderung, die sein klarer eleganter Stil bei den besten französischen Schriftstellern gefunden hat. Die beiden Thesen, die er anläßlich seiner Promovierung, 1844 an der Pariser Faculte des Lettres Gelehrten wie Guigniaut, Patin, Saint Marc Guardin vorlegte, machten großen Eindruck und trugen ihm auch Zeichen der Anerkennung aus Deutschland ein. Ueber die'eine dieser Thesen „Oe l’ordre des mots dans les langues anciennes comparees aux langues modernes" schrieb ihm K. F. Hermann, alles, was in dem Büchlein stände wäre ihm „aus der Seele gesprochen";, er selbst hätte es aber nie mit solcher Kunst auszudrücken vermocht.. Boeckh schrieb: „Beide Thesen sind ein Muster klarer und netter Darlegung" und bemerkte treffend, wie vorteilhaft für die Gedanken die Abfassung in französischer Sprache sei.. Nach zweijähriger Lehrtätigkeit an der Universttät Straßburg, folgte er einem Ruse nach Besan<wn, wo ex als Professor an der Faculte des Oettres und. später als Dekan 25 Jahre hindurch wirkte. Dort verfaßte er gemeinsam mitseinem Freunde und. Kommilitonen Louis Benloew die ^Theorie generale de l’accentuation latine“. Dieser Zeit entstammen auch seine großen kritischen Ausgaben des. Aeschylos, Euripides, Demosthenes; letztere war, nach Weils' eigenem Urteil, sein vollkommenstes philologisches. Werk. •. -

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