Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-03 · Heft 49 (3.12.1909) · p. Seite 587

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228902--66056-3278216
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

587 - LinLrückr aus GsliHien. Von Dr. Theodor Lessing. Privatdozent derPhilosophie undPädagogik an derHochschuleHannover. eit früher Jugend hatte ich den Wunsch, Galizien zu sehen. Ich kannte das Land aus Geschichten und Büchern. Aus den alten Judengeschichten und Ghettobüchern von Kompert, Sacher-Masoch und Franzos. Später aus den Erzählungen neuhebräischer und neujüdischer Dichter, deren größter vielleicht S. I. Abramowitz ist. — Im Jahre 1906 hatte ich zunächst Gelegenheit, nach Polen zu kommen. Ich hielt sozial-wissenschaftliche Vorträge im äußersten Osten, und ich wünschte, diesen Zeitpunkt zu benutzen, um Krakau und Warschau, vor allem aber einige der galizischen Judenstädte zu besuchen. Ich wünschte jene Schulen zu sehen, die durch die Wohltätigkeit des Baron Hirsch in Galizien entstanden find. Ich war damals Lehrer an deutschen Landerziehungsinstituten. Darum interessierte mich vor allem die Frage, was wohl für die körperliche Aufzucht und eine bessere Jugenderziehung der Juden in Oefterreichisch-Polen geschehen könne. Ich hatte einen Auftrag, über die neuen Schulen in Krakau zu berichten. Daher mietete ich mich im Kasimir-Viertel ein, einem Viertel, wo nahezu 30 000 Juden eng gepreßt beisammen wohnen. Ich will einiges von meinen ersten Eindrücken erzählen. I. Meine erste Begegnung mit einem polnischen Juden kam mir sehr teuer zu stehen. Es war in einer kleinen Stadt an der deutschen Grenze. Ich wünschte in der Morgenfrühe mit dem ersten Zuge nach Krakau zu fahren, beging aber die Torheit, bis zum letzten Augenblick zu schlafen, so daß ich Mühe hatte, mit meinem Köfferchen vom Gasthaus aus den nicht weit entfernten Bahnhof zur rechten Zeit zu erreichen. In diesem Gasthof schaltete und waltete als Oberkellner, Portier, Hausknecht, kurz als „Mann für alles", ein polnischer Jude, der trotz seines westeuropäischen Aeußern ein eigentümliches Jargondeutsch sprach. Im letzten Augenblick vor Abgang des Zuges präsentierte er seine Rechnung für das Nachtquartier. Ich mußte, da ich nicht genügend österreichisches Geld bei mir führte, sie in deutschem Gelds bezahlen. Sie betrug etwa fünf Mark, die ich in voller Hast, noch rechtzeitig die Bahn zu erreichen, mit einem Papierschein bezahlte. Im Augenblick, als ich das Billett zum Zuge lösen will, bemerke ich schon auf dem Bahnsteig, daß ich in der Eile einen 50 Mark-Schein mit einem 5 Mark-Schein verwechselt habe. So ließ ich den Zug abfahren, kehrte sofort zum Gasthof zurück und forderte von seinem Matador Richtigstellung des geschehenen Irrtums. Zu meinem höchsten Erstaunen aber legte mir der Mann einen schmutzig fettigen, alten 5 Mark-Schein vor, von dem ich hätte beschwören können, daß es nicht derselbe Schein war, den ich fünf Minuten zuvor ihm gegeben hatte. Ich bestand darauf, meinen 50 Markschein zurückzuerhalten. Anfangs beteuerte mein Gegenüber lächelnd, daß ich mich geirrt haben müsse. Da ich jedoch fest blieb, änderte er sofort seine Taktik. Er begann zu zetern, zu schreien, zu heulen. Er schlug sich die Brust und raufte sich die Haare. Cr sei kein „Betrüger", er sei ein ehrlicher Mann; ich hätte ihn tödlich beleidigt, ich wolle ihn aus seiner Stelle verdrängen. Ja, er hatte die unglaubliche Unverschämtheit, den Wirt herbeizurufen, um bei diesem darüber Klage zu führen, daß er von dem Fremden mit Unrecht eines Diebstahls bezichtigt worden sei. Es kam zu einem wahren Volksauftauf, indem sich allmählich die gesamte Bevölkerung in den Streitfall einmischte. Die Tränen, das Geschrei und Gezeter des öffenbar aufs tiefste gekränkten Mannes waren so fanatisch, erschienen so echt, daß ich einen Moment an der Richtigkeit meiner Behauptung irre wurde, obwohl ich ganz genau wußte, daß ein Irrtum von meiner Seite nicht vorliegen konnte. Es fehlte gerade noch, daß ich gezwungen wurde, den Mann wegen Verleumdung um Verzeihung zu bitten. Er drohte mit Richter und Polizei. Er forderte — ein Beispiel jüdischer „Chutzpe" — daß ich mit ihm vor Gericht gehe. Er war nicht davon zu überzeugen, daß in dem Umstande, daß ein Fremder das Vorkommen eines Irrtums beim Zahlen der Hotelrechnung behauptet, nicht persönliche Kränkung verborgen ist. Da ich selbstverständlich Wirt und Nachbarschaft als Fremdling gegen mich hatte, so blieb mir nichts übrig, als die empfangene Lektion ruhig einzustecken und zu verschmerzen. Von da an war ich im Verkehr mit galizischen Juden so auf meiner Hut, wie man etwa auf einer Reise durch Süditalien beständig den Gedanken sesthält, daß jedermann, dem man begegnet, in irgendeiner Weise begaunern und betrügen möchte. Selbst in Schulen und Synagogen, ja, sogar bei Gelegenheit eines Vortrages mißtraute ich allen meinen Gastfreunden. Und seither kam ich aufs allerbeste mit ihnen zurecht. Ja, die Endeindrücke, die ich in Galizien davontrug, waren völlig anders, als diese Erfahrung vermuten ließ; sie flößten mir eine große Liebe, ja geradezu Verehrung und Ehrfurcht vor dem Volkskern der galizischen Juden ein. II. Als ich zuerst die Jüdenstadt in Krakau betrat, war es später Abend. Mein erster Gang galt selbstverändlich dem „Wawel". Das ist die alte Burg, in der die Könige Polens residierten. Von hier aus genießt man den herrlichsten Blick über die alte Königsstadt und weit hinaus in das Land an der Weichsel. Zu Füßen dieses gewaltigen, weit ausgedehnten, auf Felsen gebauten prachtvollen Kastells liegt die Judenstadt, eng zusammengedrückt, armselig, unendlich schmutzig und elend. Niemals habe ich geglaubt, daß soviel menschliche Not, soviel Krankheit, Dumpfheit, Degeneration auf einem Fleck zusammengefunden werden kann. Freilich läßt sich kaum entscheiden, ob die Juden oder die polnisch sprechende Bevölkerung der galizischen Bauern elender und verkommener bei dem ersten Eindruck anmutet. — Zu der prachtvollen gotischen Kapelle führt ein jäher Ausstieg. Am Fuße des Hügels saßen und hockten allerlei armselige Gestalten, die sofort ihre Führerdienste anboten, und auf Deutsch und Polnisch bettelten. Ein fürchterlich aussehendes, blatternnarbiges Individuum folgte, obwohl ich ihn abwies, aus Schritt und Tritt, bis ich ihn schließlich in den gewaltigen Höfen der Burg aus den Augen verlor. Im Dom knieten in der Dämmerung nur wenige Menschen im Gebet. Aus dem Schatten der Halle trat ein Mensch an mich heran, der sich als „Domkustos" vorstellte. Wie ich ihn im Licht sehe, ist es der Blatternnarbige. Er wich nicht mehr von mir .und hauchte mir in schlechtem Deutsch die Namen aller Geschlechterund Erzbischöfe ins Gesicht, deren Grabmäler ich betrachtete. Sogar das Grab von Mickiewicz sah ich in dieser üblen Begleitung. Es war schon halbwegs Nacht, aber ein Trinkgeld an den inzwischen erschienenen Wärter schuf mir die Erlaubnis, in die Grüfte hinabzusteigen. Sie waren durch kleine elektrische Flämmchen erhellt. Sarg an Sarg, in jedem ein König von Polen. Und während ich von einem zum anderen ging, wohl eine Stunde lang, schlängelte, zwischen den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.