Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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586 und der Mutter das stolze Resultat meiner Arbeit zeigen konnte. Mein Herz verstand ihre warmen mütterlichen Küsse und ihre heißen Tränen. Freundliche Nachbarn hatten ihr das Wort „Eminent" in meinem Zeugnis erklärt. Obgleich sie nicht lesen konnte, blickte sie wie gebannt auf die Goldlettern und sagte immer wieder: „Das mußte so kommen. Mein Armin hat den klugen Kopf seines Vaters. Aus ihm wird noch einmal etwas Großes." Das waren die glücklichsten Augenblicke meiner Jugend. Das köstliche Heimatsgesühl, das Bewußtsein, für eine gewisse Zeit von dem schrecklichen Hungergespenst befreit zu sein, tat mir so wohl. Leider schwanden diese beiden Monate schnell wie ein Traum dahin, und als ich zu Beginn des Herbstes nach St. Georgen aufbrach, meine sauber ausgebesserten Sachen im Tornister und einige Kreuzer in der Tasche, da lag das Leben mit allen Kämpfen wieder vor mir. Aber tapfer riß ich mich aus meiner Mutter Arm, und bald wandernd, bald von einem Fuhrwerk ein Stück Weges mitgenommen, kam ich zum zweitenmal in St. Georgen an. Jetzt sollte ich in die Sekunda eintreten und also eine Stufe höher steigen. Wieder fingen die alten Leiden und Sorgen an, mir Kost und Wohnung und Bücher zu verschaffen, und oft errötete ich vor Scham, ohne doch mir alles besorgen zu können. Leider war mein Lehrer in der zweiten Klasse mir nicht so freundschaftlich gesinnt wie der dunkelhaarige junge Priester in der Parva. Als ich meinen Namen in die Liste eintrug, wurde ich mit der nicht sehr schmeichelhaften Bemerkung begrüßt: „Nun, Moschele, warum willst Du denn studieren? Werd' doch lieber ein koscherer Schlachter!" Trotz dieser boshaften Worte zeigte ich ihm mein letztes Zeugnis und bat ihn um freundlichen Schutz. Den versprach er mir lächelnd, und das ganze Schuljahr hindurch hat er mich gehöhnt und geneckt, mich trotz meines Fleißes nicht heraufgesetzt und mir oft dringend geraten, die Schule zu verlassen. Wahrlich, ein leuchtendes Beispiel eines Lehrers, der das jugendliche Gemüt in die Hallen der Wissenschaft, Menschlichkeit und Aufklärung einzuführen hat! Leider war das aber der allgemein übliche Ton unter diesen Priestern; Rohheit und Fanatismus blühten ungestört im Schatten einer Halbbildung. Ausnahmen gab es nur selten, und der jüdische Junge dieser Zeit erhielt über seine zukünftige Stellung im Leben die traurigsten Eindrücke. Die echten Magyaren, das herrschende Element im Lande, waren ritterlich gesinnt und in religiösen Dingen sehr gleichgültig. Sie waren stets freundlicher und toleranter gegen die Juden; desto schändlicher war das Benehmen der Slawen- Trotz meines Rufes als guter Schüler war ich oft dem Uebermut der Christen auf der Straße preisgegeben, wurde mit Steinen geworfen und hatte das beschimpfende: „Jude Manschet! Hepp, hepp, hepp!" und ähnliche Titel zu hören. Dies zweite Jahr in St. Georgen war nichts weniger als angenehm und voller Entbehrungen. Nur ein- bis zweimal die Woche konnte ich mich satt essen, und ach! die bitterkalten Nächte in der Küche des Mützenmachers mit einer elenden Decke als einzige Hülle. Als mein Elend den Gipfel erreicht hätte, erhielt ich durch die Güte meines früheren Lehrers das Amt eines Stiefelputzers im Kloster. Früh morgens hatte ich anzutreten und die Stiefel und Kleider der Herren Professoren zu putzen. Diese Verrichtung besorgte ich im Korridor beim Schein des hellen Ofenseuers, das mich wärmte, und bei dessen Licht ich noch immer meine Aufgaben lernen konnte. Wenn ich dann noch ein paar Kartoffeln oder ein StückBrot bekam, war ich der Lustigste unter allen und entlockte manchmal meinem mürrischen Lehrer ein Lächeln. Mein Aufenthalt in St. Georgen zeigte mir so recht, was die Jugend aushalten kann. Hunger, Kälte, Hohn und Schimpf, alles hatte ich zu erdulden. Aber das größte Elend war nicht imstande, den heiteren Himmel meiner jugendfrohen Lustigkeit zu trüben, und selbst meine gesunde Farbe kehrte nach kurzer Zeit zurück. Obgleich ich erst eben vierzehn Jahre alt war, hatte ich doch schon meine Pläne für die Zukunft gefaßt und fleißig Luftschlöffer gebaut. Wenn die anderen Knaben spielten, vergrub ich mich in Reisebeschreibungen oder Heldentaten, und ein Buch war mir nicht nur Freund und Tröster im Unglück, es vertrieb sogar den Hunger. Das Feuer meiner aufgeregten Phantafie nährte mir Geist, und Körper und nahm mich so gefangen, daß ich Hunger und Müdigkeit darüber vergaß. Außerordentlich groß war die Veränderung, die meine religiösen Ansichten durchmachten. Keine Spur des Glaubenseifers jüdischer Orthodoxie war mir geblieben. Löckchen und Gebetriemen hatte ich längst abgelegt, die rituellen Speisegesetze erschienen mir kindisch und lächerlich, und wenn ich kein Schweinefleisch berührte, so war es, weil es mir widerstand. Die Blicke, die ich in verschiedene Religionen getan hatte, die natürliche Erklärung gewiffer Witterungserscheinungen, die ich früher abergläubisch ausgelegt hatte, und endlich die ungeheure Kluft zwischen Lehre und Handlung meiner katholischen Lehrer, hatten meinen Glauben in seinen Grundfesten erschüttert. Von völligem Mangel an religiösem Gefühl oder Uebertritt zu einem anderen Glauben konnte keine Rede sein, aber in der Leiter, die mich zum Himmel führen sollte, waren doch schon mehrere Sprossen zerbrochen. Gegen Ende des zweiten Jahres faßte der Entschluß, St. Georgen zu verlassen, immer festere Wurzeln in meinem Gemüt. Ich wollte nach Preßburg, wo ich bessere Gelegenheit zum Lernen und bessere Aussichten für die Gewinnung meines Unterhalts zu finden hoffte. Wenn ich an alle in St. Georgen erduldeten Leiden und Entbehrungen dachte, wurde es mir wahrlich nicht schwer, meinen Stab auszunehmen und anderswo mein Glück zu suchen. Nur der Gedanke, daß ich meines Vaters Grab in St. Georgen zurückließ, konnte mich in meinem Entschlüsse wankend machen, denn manches Mal war ich in den Zeiten der größten Bitternis meines jungen Lebens an das Grab gegangen, um dort meinen Kummer auszuweinen. Und das sollte ich nun verlassen! Während eines dieser Besuche war es auch, daß ich beschloß, die Krücke, die ich bis dahin unter dem linken Arm getragen hatte, abzuwersen. Sie hatte mir nicht nur Spott von meinen Schulgefährten eingetragen, sondern meinen Jackenärmel imm^r so schnell durchgerieben. Ich zerbrach also die Krücke an meines Vaters Grabstein und mit schwerem Herzen und langsamen, mühseligen Schritten kehrte ich in die Stadt zurück, meistens auf einem Bein hinkend. Zuerst war es furchtbar schwer zu gehen, aber ich war ja schon bald fünfzehn und stark; so gelang es mir, durch meine Eitelkeit, auf einen Stock gestützt, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Ich hinkte mehr als früher, aber ich war doch meine Krücke los, und bald darauf verließ ich St. Georgen mit meinem Tornister, der herzlich leicht war, und meinem Zeugnis, das wieder das Prädikat „Eminent" aufwies.