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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-03 · Heft 49 (3.12.1909) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
Seite 582 (sequence 6)
Language
German
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582 Zur Feststellung der herrschenden Tendenz genügt diese Tabelle. Alle Kreise zeigen eine absolute und relative Abnahme, mit Ausnahme des Kreises Straßburg-Stadt; in diesem nimmt die jüdische Bevölkerung absolut zu, relativ aber ebenfalls ab. In dem Zeitraum 1885 bis 1900 steht der Vermehrung der Gesamtbevölkerung'von 111 987 auf 151141, also um 39 154 — 35 Prozent, gegenüber eine Vermehrung der Juden von 3711 aus 4605, also, um 894 ---- 24,09 Prozent. Das Resultat dieser detaillierten Statistik ist also: Die ländlichen Kreise (z. B. Straßburg-Land, Erstein) sind von der Verminderung am meisten betroffen, diejenigen Kreise, die größere Städte zum Zentralpunkt haben (z. B. Mülhausen, Metz), zeigen eine langsame, aber absolute Abnahme, die Landeshauptstadt gewinnt absolut, verliert aber relativ an Juden. Bei der Frage nach den Ursachen dieser Bewegung ergibt sich eine große Schwierigkeit. Die natürliche Bevölkerungsvermehrung läßt sich nicht direkt seststellen, da die Geburten nicht nach Konfessionen festgeftellt werden. Die Sterbefälle werden zwar — gemäß Reichsgesetz vom 5. Februar 1875 — nach Konfessionen ausgenommen und werden auch, wie wir auf Anfragen erfuhren, von den Bürgermeisterämtern dem Ministerium von Äsaß-Lothringen in Straßburg mitgeteilt, von diesem aber nicht veröffentlicht. Für die Stadt Straßburg im speziellen ist dadurch geholfen, daß das städtische statistische Amt seit einer Reihe von Jahren „Statistische Monatsberichte" herausgibt, in denen die Stexbefälle nach Konfessionen getrennt sind. Noch weniger als die natürliche läßt sich die tatsächliche Bevölkerungsbewegung nach ihren Ursachen erfassen; denn Angaben über Auswanderung bezw. Einwanderung und Binnenwanderung werden nicht veröffentlicht, sind auch, wie von kompetenter Seite versichert wird, nur in geringem Maß vorhanden. Das einzige Mittel, die ganze Frage einer exakten Prüfung zu unterziehen, wäre: das Verhältnis der Sterbefälle beiden Juden im Verhältnis zu den Sterbefällen bei der Gesamtbevölkerung in Beziehung zu setzen zu dem Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung. Es würde sich z. B. bei Straßburg folgendes Resultat ergeben: Im Jahre 1900 waren von je 10 000 Einwohnern 302 Juden, von je 10 000 Gestorbenen 240. Differenz 62. Mit derartigen Angaben ließe sich rechnen, vorausgesetzt, daß sie für mehrere Zeitmomente und für mehrere Orte gegeben werden. Indes wollten wir dies nur andeuten, da ja nach dem vorhandenen Material auf diesem Wege nichts erreicht werden kann. In folgendem soll kurz skizziert werden, welche Faktoren im allgemeinen diese Verminderung bedingt haben. Als in den 70 er Jahren an die Elsaß-Lothringer die definitive Forderung gestellt wurde, sich für Frankreich oder Deutschland zu entscheiden, da waren es vorzugsweise Leute aus den wirtschaftlich beffergestellten Ständen, die für Frankreich optierten; und damals gehörten die Juden in noch höherem Maße als heute dieser Bevölkerungsgruppe an. So kam es denn, daß der Anteil der Juden an den Optanten sicher größer war als der an der Gesamtbevölkernng (s. o.). Die Folge war natürlich, daß die Juden in stärkerem Maße abnahmen und abnehmen. Denn die Zurückgebliebenen hielten natürlich die Beziehungen aufrecht: die elsässischen Juden gaben ihre Töchter gern nach Frankreich in die Ehe, die Söhne müffen — das ist geradezu traditionell — einige Zeit nach Paris usw., und, da in Frankreich die soziale Stellung der Juden, infolge der republikanischen Ideen entschieden günstiger ist als in Deutschland, bleibt ein Teil n^dem „Land der Freiheit"; das ist um so eher möglich, als aus den oben angegebenen Ursachen die Beziehungen noch sehr lebhafte sind, und die Möglichkeit, weiter fortzukommen, dadurch beinahe garantiert ist. Daher ist wohl anzunehmen, daß der Anteil der Juden unter den in den letzten drei Jahrzehnten nach Frankreich Ausgewanderten ein unverhältnismäßig hoher ist. Eine zahlenmäßige Feststellung ist ausgeschlossen, und man ist durchaus auf Schätzung angewiesen, wenn man ermessen will, in welchem Grad diese Auswanderung nach Frankreich zur Verminderung der Juden in Elsaß-Lothringen beigetragen hat. Will man jedoch diese Schätzung vornehmen, so muß man — darauf muß nachdrücklich hingewiesen werden noch verschiedene Begleit- und Folgeerscheinungen berücksichtigen, die mit der Auswanderung im kausalen Zusammenhang stehen, und die wir an dieser Stelle nicht berücksichtigen konnten. Wir kommen nun in zweiter Linie auf die — für unsere Besprechung bedeutsamere — wirtschaftliche Stellung der Juden. Dabei ist nicht zu verkennen, daß in den letzten 30 Jahren ein Rückgang eingetreten ist. Ein Teil der beffergestellten elsässischen Juden ist nach Frankreich ausgewandert, und es läßt sich denken, daß die einwandernden deutschen Juden in dieser Hinsicht keinen Ersatz boten. Wenn auch dadurch die Stellung der Juden an sich nicht verändert wurde, so war doch das Verhältnis zur Gesamtbevölkerung bezüglich der ökonomischen Lage sehr verschoben. Wie dieses Verhältnis ist, läßt sich nicht sicher bestimmen; jedoch ist folgende Bemerkung eines hervorragenden Kenners bezeichnend: „Die Israeliten machen zwar kaum noch zwei Prozent der reichsländischen Bevölkerung aus, entrichten jedoch trotz des Rückganges der Zahl gemäß zehn Prozent der unmittelbaren Staatssteuern"?) Aber nicht nur relativ, sondern auch tatsächlich hat sich die Lage der Juden verschlechtert. Der Kampf gegen den Zwischenhandel, den die Entwicklung im Verein mit der Gesetzgebung führt, und die insbesondere die auf dem Land lebenden Juden trifft, wirkt verheerend?) Dörfer, in denen noch vor 20 bis 30 Jahren blühende jüdische Gemeinden waren, zählen heute kaum noch einige Familien; die Auswanderung nimmt ihre Richtung in die größeren Städte, nach Frankreich, in die Schweiz oder nach Amerika. Genaue Angaben lassen sich leider nicht machen. Noch ist die Einwirkung der Geburtenziffer auf die Bevölkerungsbewegung zu besprechen. Schon an anderer Stelle ist bemerkt, daß diesbezügliche Zahlen nicht vorhanden sind. Die Eheschließungen könnten konfessionell erfaßt werden, da die Standesämter die Religion der Eheschließenden ausnehmen müssen; bis jetzt hat jedoch noch keine vollständige Zusammenstellung stattgefunden. Wir müssen uns daher — ohne die Bedeutung dieses Faktors irgendwie zu verkennen — mit einigen kurzen Andeutungen begnügen. Unter der ländlichen und industriell arbeitenden Bevölkerung, die die meisten Kinder produzieren, sind die Juden fast nicht zu finden, und der Teil der jüdischen Bevölkerung, der am meisten zur Vermehrung beiträgt, die Juden auf dem Land, nehmen, außerordentlich rasch ab. Es gehört nicht in den engen Rahmen dieser Besprechung, zu untersuchen, ob die geringere Geburtenzahl natürlich oder künstlich verursacht ist; jedoch glauben wir nicht fehlzugehen, wenn wir u. a. auf das französische Zweikindersyftem Hinweisen. 1) F. Geigel: Reichs- und reichsländifches Kirchen- und Stiftungsrecht. Bd. II, S. 1908, Anm. 1. Straßburg 1899. 2) Wir verweisen an dieser Stelle auf die „Enquete über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Landbevölkerung in Baden", veranstaltet von der August Lamey-Loge des Lnei-öritd-Ordens in Mannheim; die Verhältnisse liegen in den Reichslanden in mancher Beziehung ähnlich.

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