Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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579 Tüchtigkeit und trotz mancher ernster Talente in der Bankwelt die Menschen mit voller Ursprünglichkeit und zwingenden Kräften fehlten. Er war in den letzten Jahren fast allein, ohne Nebenbuhler, der sich getraut hätte, dem vorzeitig Gealterten in den Weg zu treten. Er hat sie alle niedergeworfen, alle besiegt und alle Süßigkeiten der Macht gekostet, die ihm nur durch den öffentlichen Widerspruch verbittert wurden. Herr v. Taufstg 'wird keinen Nachahmer haben. Was er getan hat und geworden ist, lag in seiner Person und verschwindet mit ihm. Er war kein moderner Finanzmann, und auf dem weiten Gebiete der Industrie und der bedeutungsvollen Organisationen wird kaum etwas bleiben, wos ohne ihn nicht hätte werden können. Ein großes Handelstalent ist durch seinen Tod verschwunden; ein schöpferisches Talent hat er nie gehabt. Aber viel Willensfähigkeit und Greifmuskeln, die nicht mehr losließen, was sie faßten. Er war stark/ Aus einem Lande, aus dem sonst wenig zu melden, liegen diesmal Nachrichten vor, aus der Türkei. Der „Osmanische Lloyd" meldet, daß das jüdische Konsistorium in Konstantinopel beschlossen habe, vornehme Vertreter der fremden Juden zur Beratung über Unterrichts-, Wohltätigkeits- und alle anderen Fragen heranzuziehen, die zur Weiterbelehrung der Juden im türkischen Reich dienen könnten. Dasselbe Blatt teilt mit: „Der Großrabbiner hat an das Ministerium für Kultus ein Schreiben gerichtet, worin er für die Bataillone, die jüdische Soldaten enthalten, die Anstellung von Feldrabbinern verlangt. Außerdem verlangt er für die jüdischen Soldaten die Erlaubnis zur Einhaltung ihrer Feste und zur Beobachtung der jüdischen Speisegesetze. Außerdem soll er für die Lehrer und Schüler der jüdischen Schulen Befreiung vom Militärdienste verlangt haben." * Traurig, wie immer, lauten die Nachrichten aus Rußland. Aus Odessa wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: „In unserer von den Verbändlern völlig beherrschten Stadtduma wurde ein von dem Pogromhelden Pelikan eingebrachter Antrag mit großer Mehrheit angenommen, den Zaren in einem Gesuche um gänzliche Ausschließung der Juden von den Wahlen zur Reichsduma zu bitten. Vergeblich protestierte der einzige fortschrittliche Stadtverordnete Nowikow dagegen, der darauf hinwies, daß eine Aenderung eines Staatsgrundgesetzes nur mit Zustimmung der Reichsduma vor« genommen werden könne, und daß die rechtliche Gleichstellung aller Bürger die u erläßliche Voraussetzung für das Gedeihen des Landes sei. Die echt-russischen Stadtverordneten fanden als Antwort darauf nur neue maßlose Beschimpfungen der Juden. Als der jüdische Stadtverordnete Buchstab auf ihre Ausfälle zu antworten versuchte, wurde er mit den Rufen „Fort, Jude!" niedergeschrien. Bei der Verkündigung des Abstimmungsresultats ertönten Zurufe: „Buchstab, jetzt kommt ein Pogrom!"" ■Ä» Eine nicht minder schlimme Rechtsverletzung meldet die „Deutsche Tageszeitung" : »In der Militärkommission der Reichsduma stellte der Deputierte Markoff im Namen der äußersten Rechten den Antrag, daß die Juden von dem militärärztlichen Dienste grundsätzlich ausgeschlossen werden sollen, und daß auch im Falle äußersten Bedarfes, wie z. B. im Kriegsfälle, keine jüdischen Aerzte in die Armee ausgenommen werden dürfen. Demgemäß sollen auch keine Juden zum medizinischen Studium in der militärärztlichen Akademie zugelassen werden. Der Deputierte Babjansky von der Kadettenpartei bekämpfte diesen Antrag und sagte, die jüdischen Militärärzte hätten im letzten Kriege mit Japan ihre Pflicht erfüllt, und es sei daher kein Grund vorhanden, sie aus der Armee auszusondern. Diese Argumente machten jedoch auf die Mehrheit der Kommission keinen Eindruck. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Markoffs mit 21 gegen vier Stimmen zum Beschluß erhoben." t Fast noch schlimmer ist folgende Nachricht des „Berliner Tageblatts". „Vor wenigen Tagen wurde die Stadt Samara-durch folgendes rohe Schauspiel in die größte Erregung versetzt. Vor der Börse wurde auf Verfügung der Polizei eine Reihe Schutzleute aufgestellt, die den Befehl hatten, alle aus der Börse tretenden Juden zu verhaften und ins Polizeiamt zu bringen. Die Polizisten erfüllten diesen Befehl. Da sie aber weder alle Juden kannten noch eine Namensliste erhalten hatten, so packten sie jeden aus der Börse heraustretenden Menschen, den sie für einen Juden hielten, und schleppten ihn trotz seiner Gegenwehr ins Polizeiamt. Unter den verhafteten Juden befanden sich' zwei Reichsdeutsche, die sich telegraphisch mit einer Beschwerde über die unerhörte Vergewaltigung an ihren Konsul wandten. Im Polizeiamt wurden die Verhafteten nach ihren Papieren befragt und, wenn sie sich über ihre Person ausweisen konnten, wieder freigelassen. Dabei wurden einzelnen, die sich zu protestieren erkühnten, Schmähreden an den Kopf geworfen. Diese Verhöhnung der elementarsten Bürgerrechte durch die Polizei hat die Samarasche Börsenversammlung, in der übrigens die Israeliten in der Minderheit sind, aufs tiefste empört. Das Börsenkomitee sandte an den Handelsminister ein Telegramm mit der Bitte, er möge eine derartige Willkür der Verwaltungsbehörden, die den Handel schädigt, unmöglich machen. Die Folge dieser unerhörten „Razzia" gegen die jüdischen Kaufleute, gegen die nicht das geringste vorliegt, war ein Nachlassen der Getreidepreise. In Oposchezk hielt dieser Tage in der russischen Kirche ein Mitglied des Verbandes der echt-russischen Leute vom Altar eine aufreizende Rede gegen die Juden. Als der Priester diesem Unfug ein Ende zu machen versuchte, schlug der Verbändler den Priester ins Gesicht und setzte ungestört seine Hetzrede fort." 4r Daß bei solchen Zuständen unsere Glaubengenossen alle Lebensfreude verlieren, ist begreiflich. Aber traurig stimmt doch eine Kunde, die wir der „Voss. Ztg." entnehmen: „In Lubien, Bezirk Wloclawek, erließ der neuernannte Rabbiner folgende Verordnung: „Man darf keine Hemdkragen, keine geputzten Stiefel und keine kurzen Röcke tragen, keine Zeitungen lesen und vor allen Dingen mit keinem Mädchen und keiner Frau, außer der eigenen Ehefrau, auf der Straße oder sonst an einem öffentlichen Orte sprechen." — Die jüdische Jugend von Gostynin wollte Tanzstunden nehmen und ließ daher einen Tanzlehrer kommen. Gleich in der ersten Stunde drangen die orthodoxen Juöen in den Saal und stürzten sich auf die jungen Leute, von denen die meisten unter Zurücklassung ihrer Hüte und Ueberzieher die Flucht ergriffen. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, wurde verprügelt. Die Einrichtung des Saales wurde zerstört. In der Nacht darauf veranstaltete der Rabbiner in Begleitung handfester Fanatiker eine Haussuchung bei der jüdischen Bevölkerung, um die „Sünder" herauszufinden, die sich dem Tanz hatten ergeben wollen." * Uns wird geschrieben: Von der Judenmission ist im allgemeinen nicht viel Gutes zu erzählen. Die merkwürdigen Schwärmer, die die Bekenner des alten Bundes mit aller Gewalt zum Christentum bekehren möchten, fänden nicht nur nicht die Religion, sondern auch nicht die Moral. Manchmal hat man das Gefühl, als wenn sie die Quantität im Christentum aus Kosten der Qualität heben, und das ist, religiös und ethisch gedacht, ein falsches Prinzip. Wenn jemand aus innerer Ueberzeugung seinen ererbten Glauben wechselt, so kann man es bedauern, ethisch aber läßt sich nichts dagegen sagen. Das geschieht aber gewiß nicht zu oft und wohl kaum durch