Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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578 angegliedert. Man wird nicht umhin können, dafür einen Kustos zu ernennen. Bei der Vielgestaltigkeit dieser Sammlung wird es allerdings schwer fallen, eine und dieselbe Persönlichkeit der Münz-, Kunst-, Kupferstich-, Manuskriptabteilung vorzustellen. Unsere Bibliothekskommission, die sich gar nicht für kompetent hält, die Grundlage zu einem jüdischen Museum zu bilden, steht auf dem Standpunkt, ihre Hauptsorgfalt den beiden letzteren Abteilungen, der Stich- und handschriftlichen, die in nächster Beziehung zu den Zwecken einer Bibliothek stehen, zuzuwenden. Die jetzt an der Bibliothek wirkenden männlichen Kräfte find mit den laufenden Geschäften, mit der Katalogisierung der vorhandenen und stets neu ankommenden Büchermassen vollauf beschäftigt; wie wäre es, wenn man den Versuch wagte, die Wölfische Sammlung einer jungen Dame anzuvertrauen, die kunsthistorisch geschult ist, und die die bibliothekarische Vorbildung leicht erwerben könnte d Dir Woche. Berlin, 30. November, m 24. November ist zu Wien Theodor Ritter v. Taussig, Gouverneur der k. k. priv. Allgemeinen österreichischen Bodenkreditanstalt, Präsident der priv. Oesterreichisch-ungarischen Staatseisenbahn-Gesellschast, der Ersten Oesterreichischen Jute-Spinnerei und Weberei, der Oesterreichischen Waffenfabriks-Gesellschaft, der Neuen Wiener Sparkasse, der Cosmanos Vereinigte Textil- und Druckfabriken, der Oesterreichischen Berg- und Hüttenwerks-Gesellschaft, der Aktiengesellschaft für Mineralöl-Industrie vormals David Fanto & Comp., Direktionsmitglied der k. k. priv. Kaschau- Oderberger Eisenbahn, Inhaber des Großkreuzes des Franz Josefs-Ordens, Ritter des Ordens der Eisernen Krone II. Klasse, Ehrenbürger der landesfürstlichen Stadt Steyr usw., gestorben. Eine Gattin und zwölf Kinder, neun Töchter und drei Söhne, die ersteren mit angesehenen Männern verheiratet, die letzteren in hervorragenden Stellungen, betrauern den Verlust des mächtigen Mannes. Ueber seinen Lebensgang schreibt die „Neue Freie Presse": „Ritter v. Taussig war am 22. Juli 1849 in Prag geboren und hat somit ein Alter von 60 Jahren erreicht. Nach Absolvierung der Oberrealschule trat er im Jahre 1866 beim Wiener Bankhause Landauer & Goldschmidt als Beamter ein und wurde im Jahre 1869 in die von dieser Firma gegründete Wiener Wechselstu ben-Aktiengesellschaft berufen, woselbst er im Jahre 1873 zum Direktor ernannt wurde. Diese Gesellschaft trat wie so viele Schöpfungen der Gründungsperiode in Liquidation. Herr v. Taussig wurde im April 1874 zum Direktor der Oesterreichischen Bodenkreditanstalt ernannt, welcher er bis zu seinem Tode Vorstand. Die Bodenkreditqnstalt war damals in einer schwierigen Sanierungsperiode. Sie hatte in der Krise des Jahres 1873 schwere Verluste im Hypothekargeschäfte erlitten und mußte die Hilfe des Staates in Anspruch nehmen, Pn ihre Spitze wurde der SektionSchef im Finanzministerium und spätere Bankgouverneur Alois Moser berufen, der mit zäher Energie und strenger Rigorosität die Reorganisation des verfahrenen Instituts durchführte. Die Bodenkreditanstalt erhielt ein Darlehen vom Staate, welches sie später zurückerstattete, und zahlte in den Jahren 1873 bis 1878 keine Dividende. Die Direktionsgeschäfte, führten der frühere Präsident de8 Abgeordnetenhauses Baron Hopfen und der neuernannte Direktor Theodor Taussig. In den Siebzigerjahren konnte die Bodenkreditanstalt keine größeren Geschäfte in Angriff nehmen, sondern mußte ihre Tätigkeit auf ihre Sanierung beschränken. Diese Operation war Ende der Siebzigerjahre abgeschlossen, von da an begannen auch die größeren Finanzgeschäfte des Instituts. Freiherr v. Hopfen trat im Jahre 1881 zurück und wurde später zum Präsidenten der. Südbahn bestellt. Seit diesem Zeitpunkte hatte Ritter v Taussig als Direktor die ausschließliche Leitung und Geschäftsführung." Die Banken und Anstalten, deren Direktor er war, sind oben aufgezählt und können nicht weiter geschildert werden. Ueber sein Leiden berichtet die „N. Fr. Pr.": „Herr v. Taussig war seit einer Reihe von Jahren gichtleidend und hatte sich heuer einer Kur in einem deulschen Sanatorium unterzogen. die ihm jedoch nicht den gewünschten Erfolg brachte. Im Herbst gesellte sich zu seinem Leiden eine schwere Nervenentzündung; seine Krankheit erwies sich aber bald als sehr bedenklich und stellte sich als eine weit vorgeschrittene Verkalkung der Arterien dar. Er begab sich Ende Oktober in die Kuranstalt Martinsbrunn bei Meran, von wo er, als sich sein Leiden verschlimmerte und zu wiederholten schweren Ohnmachtsanfällen führte, am Montag wieder nach Wien zurückgekehrt ist." Sein Wesen wird von derselben Zeitung folgendermaßen geschildert: „Herr v. Taussig hatte durch Jahrzehnte den größten Einfluß auf die wechselnden Regierungen. Es hat Ministerpräsidenten gegeben, die zeitweilig mit ihm schmollten, und trotzdem wurde ihm kein Haar gekrümmt. Selbst die geräuschvollen Erlässe über das zweite Gleise der Nordwestbahn und über die mangelhafte Ausrüstung der Staatsbahn waren nur flache Hiebe. Keine Regierung wollte es sich mit ihrem Bankier ganz verderben, und diese Rücksicht, die stets, wenn der Ausbruch eines Streites drohte, wieder fühlbar wurde, hat ihm Freiheiten bei der Verwaltung seiner Bahnen und Gesellschaften verbürgt. die sonst niemand sich hätte ohne bedenkliche Folgen herausnehmen dürfen. Er konnte bei der Waffenfabrik tun, was noch jetzt unvergessen ist, und hatte nichts zu fürchten. Er spielte mit der österreichischen Regierung bei der mit Staatsmitteln unterstützten Donau-Dampfschiffahrt, ließ sich mit Ungarn in Zettekeien ein und fand dennoch die verschiedenen Handelsminister in der Abwehr sehr kleinmütig. Er war der Bankier der Regierung, und der größte Erfolg seines Lebens bestand eben darin, daß er das geworden ist. Der Feldzug, durch den er die Rothschild-Gruppe zwang, die Bodenkreditanstalt in den geschloffenen Kreis ihrer Geschäfte zu ziehen, die Kraft, mit der er dort zur Führung hinaufrückte, der zähe Wille, der ihm die Leitung der konservativsten finanziellen Elemente sicherte, dieser Triumph seiner Jugend war das stärkste Zeichen seines Talents. Stärker sogar als der Roman, mit dem er die Franzosen durch einen Handstreich aus der Staatsbahn herausschreckte, um sich dieser Unternehmung zu bemächtigen. Er hatte nun den Kredit der großen Welthäuser; er saß gleichsam in ungezählten Millionen und konnte sie auf den Tisch legen oder verweigern. Der schlagende Witz seines Lebens war, die Rothschild-Gruppe mit ihrem ganzen Schwergewichte für die Bodenkreditanstalt, für seine Geschäfte und wohl auch für seinen Ehrgeiz arbeiten zu lassen. Die Macht, die er hatte, hat ihm gar nicht gehört. Er hat sie nur benutzt, und das Sonderbare war, daß selbst die, die ihm die Macht überlassen hatten, gar nicht mit voller Klarheit wußten, durch wen er so mächtig geworden sei. Ein bißchen Glück und manche Zufälle sind freilich auch nötig, um solche Hochbauten deS persönlichen Erfolges aufzuführen. Er kam durch die Empfehlung des Bankiers Paul Schiff in die Bodenkreditanstalt unmittelbar nach dem Zusammenbruche, bei welchem der Staat durch einen Vorschuß von acht Millionen Gulden das Schlimmste abwendete und das Falliment verhütete. Das war sein erstes Glück. Niemals ist der Weg eines Direktors so leicht als nach einer dummen Panik, die alle Werte roh zerstört. Dann wird eine Null ins Hauptbuch hineingeschrieben, aus der, wenn die Vernunft zurückkehrt und der Wahnwitz verschwindet, nicht selten Millionen werden. Er hat in der Bodenkreditanstalt herüntergeschrieben, daß die nackten Sparren an der Decke sich zeigten. Da konnten die Millionen nicht fehlen, und gerade das finanzielle Interesse des Staates an der möglichst frühzeitigen Rückzahlung des Vorschusses hat er dazu benutzt, die Rothschild-Gruppe im Wettbewerb zu bedrängen, bevor sie ihn sehr widerwillig als Teilhaber zuließ. Ein weiterer Zufall, der ihn begünstigte, war, daß trotz der großen