Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228901--66043-3278202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Auswanderer hatten, so sahen wir uns genötigt, zwei Aufrufe in den jüdischen Zeitungen zu erlassen mit der Bitte um Zusendung von alten abgelegten Kleidungsstücken. Viele edelvenkende Glaubensgenossen haben uns daraufhin mit größeren Sendungen bedacht. Ferner haben wir 1101 Auswanderern materielle llnte^stützungen gewährt. Es wurden durch uns und unsere Mithilfe von Januar bis Dezember 1101 Personen befördert. Während die Auswanderung in diesem Jahre stark nachgelassen-/ hat, ' hat die Ruckwanderung nach Europa ganz enorm zugenömmett. Biele Rückwanderer.wandtensich an uns, ihnen "die Rückfahrt nach?Nüßlaüd'-zu-ermöglichen, wir haben auch eine größere Anzahl -Rückchaü-derer-.'chis''''zur. russischen beziehungsweise österreich-ungarischen Grenze befördert. Unter den Rückwanderern waren auch.solche, die durchaus nicht'mittellos waren. Die interessanten Mitteilungen, die uns von verschiedenen Rückwanderern gemacht wurden, geben ein deutliches Bild von den Arbeits- und Lebensverhältnissen' der Juden in Amerika" sowie des amerikanischen Lebens überhaupt. Ein ganz besonders schwieriges Kapitel bilderen für uns auch in diesem Jahre die Aügenkranken, welche wegen Trachöma, Narbentrachom oder Conjuvet kal. von der Einschiffung zurückgewiesen werden, oder wenn M ihnen auch gelingt, die ärztliche Untersuchung in Bremen unbeanständet zu passieren, im Landungshafen von den amerikanischen Aerzten noch immer als krank befunden und schonungslos nach dem Einschiffungshafen deportiert werden. Ansang des Jahres 1908 waren die Herren Pros. Dr. Grünert und Dr. Peltzer in Nordamerika, wo sie mit ihren amerikanischen Kollegen, den Aerzten der Landungsstationen, Rücksprache genommen und ihnen es scheinbar beigebracht haben, sich der.Ansicht der europäischen Okkulisten anzuschließen, daß Narbentrachom nicht mehr als ansteckende Krankheit anzusehen und zu behandeln ist. daß demnach die mit Narbentrachom behafteten Auswanderer, d. i. Emigranten, die von Trachom geheilt wurden, auch in Amerika landen dürfen. Die Bemühungen der Bremer Aerzte waren auch von gewissem Erfolg ge-: krönt; leider aber war^, der Erfolg von nur ganz kürzer Dauer, j Etwa zwei Monate hindurch durften Auswanderer mit geheiltem! Narbentrachom in den amerikanischen Häfen landen; bald aber begannen die amerikanischen Aerzte derartige Auswanderer zu deportieren. Obwohl die ärztliche Behandlung und Unterhaltung solcher Kranken mit ungeheuren Kosten verbunden sind, können wir doch nicht umhin, uns dieser unglücklichen Heimatlosen anzunehmen, denn es sind nicht pur die einzelnen Deportierten, um die es sich hier handelt, sondern das Glück der ganzen Familie hängt von jedem einzelnen Fäll üb. Im Laufe des Jahres 1908 haben wir 104 Augenkranke verpflegt, beherbergt und ärztlich behandeln lassen. Wir haben es ermöglicht, daß Eltern' zu ihren bereits in Amerika ansässigen Kindern ' herüberkommen, daß minderjährige, hilflose Kinder ihre Eltern in Amerika wieder finden und erreichen konnten. Unser jüdisches Logierhaus, welches 294 Personen beherbergt, war zeitweise voll besetzt. Die Beköstigung erfolgt in demselben Hause, in einem besonderen luftigen großen Raurne und erstreckt sich auf alle hier weilenden jüdischen Auswanderer für alle Mahlzeiten des Tages. An jüdischen Fest- und Feiertagen wird in entsprechender Weise für Extraverpflegung und bessere Mahlzeiten gesorgt. Der Kostenaufwand für diesen Teil unserer Tätigkeit betrug im Berichtsjahre 10922.70 Mark. Nicht unerhebliche Unkosten verursachen uns außerdem die notwendigen Bonifikationen für rituelle Köche auf den Dämpfern, die nach Amerika und La Plata gehen. Die Galveston-Kampagne hat in diesem Jahre, wie die Auswanderung überhaupt, einen Rückgang erlitten, was wohl auch auf die ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse in Nordamerika zurückzuführen ist. Von der lewisb-l'srriiorial- OrFanisstion wurden uns im ganzen 106 Auswanderer zugewiesen, die wir nach Malpeston beförderten. Während die jüdische Auswanderung nach Argentinien über Bremen in diesem Berichtsjahr um das Doppelte stieg gegen das vorige Jahr, zeigt die Auswanderung der Juden nach England in diesem Jahr eine ganz auffällige Abnahme. Im ganzen wunderten über Bremen im Jahre 1908 ungefähr 500 Juden nach England aus. Unser Bureau hat in diesem Jahre durch d. n Tod des Herrn Goldschmidt einen herben Verlust zu verzeichnen. Zwei Jahre lang war er uns als Sekretär ein treuer, fleißiger und ehrlicher Mitarbeiter; wir werden sein Andenken-stets in Ehren halten.' Da in der letzten Zeit an uns sehr oft Anfragen ergingen über die Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse' in Argentinien, so haben wir es nötig gefunden, uns an Qrt'und Stelle darüber .zu informieren: Zu diesem Zweck ist ilnser 'Sekretär, Herr Samuel Bloch,' mit Genehmigung 'des Hilfsvereins' der deutschen Juden nach Argentinien gereist/um dort die Verhältnisse zu studieren/ Der ausführliche interessante Bericht des Herrn Bloch ist als Sonverabdruck 'dem Jahresbericht beigefügt? ' Die Jahresabrechnung pro 1908 weist in Einnahmen Und Ausgaben' die Sümme von 120198.96 Mark aus. - •’ ’; r. Aus Westfalen, im November. Vor einigen Wochen wurde in Marburg die nenerbaute jüdische Schute feierlich eingeweiht.- Neben der säst vollzählig erschienenen Gemeinde nahmen die Behörden der Stadt, die Vorgesetzte Schulbehörde und die Geistlichkeit beider Konfessionen an der Feier teil. Herr Lehrer Alexander gab in der Festrede ein Bild von der Entwicklung der jüdischen Schule, ' die seit 1861 zu den öffentlichen zählt, kennzeichnete den Geist, der in ihr bisher gewaltet — die Kinder zu ebenso tüchtigen wie guten Menschen als überzeug«ngstreü'en 'Juden zu erziehen —und zeigte die Ziele, ine sie sich auch weiterhin gesteckt hat. Im Anschluß daran sprach Herr SÄ ulras Bauer namens der Schulbehörde seine Glückwünsche aus. Herr Libenfeld aus Bochum überbrachte im Aufträge des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens Grüße und Glückwünsche und gedachte in anerkennenden Worten der Tätigkeit des Herrn Lehrer' Alexander, dessen Wirken als Vertrauensmann des Verbandes, zahlreiche kleine Gemeinden die Einrichtung von Religionsunterricht verdanken. Bei Gelegenheit der Einweihung wurde dem hishqrigen Vorsitzenden des Vorstandes' Herr Louis Wittgenstein, der Kronenorden IV. Klasse verliehen. Das Schulgebäude, mit einem Kostenaufwands von 40 000 Mark erbaut, bildet eine Zlerde 'der Stadt. — Die Königliche Regierung zu Minden hat die Gesuche/ber jüdischen . Lehrer um pensionsfähige Anrechnung. des Gehaltes aus dem Kultusdienste mit der Motivierung äbgelehnt, die Ausübung des Kültusdienstes stelle nur eine Nebenbeschäftigung der Lehrer bar, und es bestehe keine organische Verbindung der beiden. Aemter/ Die in Frage kommenden Lehrer werden der Regierung neue Argumenie zum Beweise der vorhandenen organischen Verbindung beibringen und eine Abänderung des Beschlusses der Regierung herbeiznführen versuchen. — Viele kleine Gemeinden der Provinz, besonders auch im Regierungsbezirk Minden sind infolge Fortzüges steuerkräftiger Mitglieder mit den Kultusaüsgaben schwer belastet. Hier entsäl'tet der Verband der Synagogengemeinden Westfalens unter Vorsitz des Herrn Flörsheim, Dortmund in Gemeinschaft mit dem Deutsch- Israelitischen Gemeindebund eine segensreiche Tätigkeit, indem er durch Subventionen den Gemeinden die Beibehaltung ihrer Gemeindeinstitutiouen ermöglicht. J. A. Bamberg, 18. November, Eine in jüdischen wie in christlichen Kreisen gleich hochverehrte Persönlichkeit, Herr Lwuis Wertheimer, wurde am 8. d M. unter großer.Beteiligung zu Grabe getragen. Derselbe war 1. Vorsitzender des jüdischen Arme.n- Hilfsvereins. gehörte dem Vorstande des-Bürgervereins, der Ortskrankenkasse, des kaufmännischen Vereins, und als langjähriges, pflichteifriges Mitglied dem U. O. B. B. an. Alle diese Körperschaften ließen unter ehrenden Ansprachen am Grabe Kränze niederlegen. Herr Rabbiner Dr. Eckstein zeichnete in gehaltvoller Rede den Entschlafenen als einen Mann von hervorragenden Geistes- und Charaktereigenschaften, der durchs seine zielbewußte Energie einerseits, sowie durch Güte und Milde andererseits ganz besonders für das Ehrenamt eines Armenvereinsvorsitzenden, geeignet war. — Ehre seinem Andenken. * , Amerika. ' Z. New Aork, 5. November. Unser neugewählter Bürgermeister, Mr. Gaynor, verdankt seine Wahl zum Mayor von New Jork zum großen Teil den jüdischen Wählern im' East End, deren Sympathien er schon als Richter des Lupreme Court iit hoheui Maße besaß. Einige Tage vor der Wähl besuchte ihn eine Deputation der Rabbiner aller Synagogen des East End, um ihn für sein bisheriges Verhälten den'Juden gegenüber zu Hanken und ihn Ihrer Unterstützung im Wahlkampfe zu versichern. " In einer Ansprache, die