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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-26 · Heft 48 (26.11.1909) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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3- Er blickte in ihr Gesicht und fiel auf die Knie. Er glaubte, ein Engel stünde vor ihm. „Wenn Du, weiter und weiter gehst, kommst Du nach Salem." : ' -V „Nach — Salem. Wo der König weilt?" * „Der weilt nicht mehr dort." , „Wo sonst?" / ' ' „Niersiand weiß es." „Ist er — gestorben?" „Er ist wie von der Erde entrückt." „Wie von der Erde entrückt? . . . Glaubst Du, daß er lebt? „Nein. Sie sagen — sie sagen allerlei. Aber ich kann nicht aussprechen, was sie sagen." „Weißt Du woher er war?" „Neim Er kam aus der Fremde und hat das Szepter an sich genommen." „Und ging in die Fremde. Hirte, was starrst Du mich an?^ „Bist etwa — Du — er? Du, im Totengewand?" „Er? Nein." "! „Du siehst ihm ähnlich. Deine Augen sind wie die seinen; von Deiner Stirn weht es nieder, wie von der seinen." „Hirte, ich bin -aus seinem Stamm: Beruhigt Dich das? Dort grast mein Maultier jenseits des Wassers, besteig es und reite denen entgegen, deren Fackeln Du aufleuchten siehst. Sag ihnen, daß sie. umkehren mögen, ich weilte nicht mehr unter den Lebendigen. Geh, hörst Du? Dein Messer laß hier, zu meinem Schutz, sie sollen Dich belohnen für die gute Nachricht, die Du brächtest." Er ging das Gesicht zurückgewendet. Er warf sich ins Wasser, bestieg das Tier und ritt querfeldein. Sie stob davon. Weiter, weiter. Talwärts, durchs Gesträuch, in die dichtesten Büsche hinein. Hier siel der Boden ab. Tiefe Mulden gähnten, von undurchdringlichem Ginster bewachsen. In einer von ihnen verschwand sie, das Messer fest an sich gepreßt. Schakale schrien, und Raben erschraken im Traum und öffneten leise die Flügel. , Ein Haufe Menschen, Lichter und Fackeln tragend, irrte durch die Wiesen. Sie schlugen falsche Wege ein, zankten miteinander und belagerten ihr Haus, meinend, daß sie zurückkehren würde. Sie ist nicht zurückgekehrt. Niemand hat sie gefunden ... Lsthgrms Wrjgiel. Von Dr. Julius Reimer. ^ukas Gornicki, Präfekt von Tykoczyn, erzählt. in seiner Chronik: „Im Jahre 1539, zur Zeit des Königs'Sigismund, wurde Katharina, die Frau des Bürgermeisters Melchior Wejgiel — (manche nennen ihn Melchior Zalaschowski) eine Frau, von 80 Jahren, wegen Abfalls zum Judentum auf dem Markte zu Krakau, wie ich selbst gesehen habe, verbrannt." Die Geschichte dieser Märtyrerin, die wir hier kurz folgen lassen, wird ausführlich in den Acla Episcopalium und in der Slavonia reformata von Wengierski behandelt. Schon im Jahre 1529 wurde der Bischof von Krakau auf die Frau Katharina Wejgiel aufmerksam gemacht, weil sie ganz offenkundig sich von der katholischen Religion, in der sie erzogen wurde, lossagte und sich zum Judentum bekannte. Ihr Abfall stand nicht vereinzelt da, denn kurz nach dem Auftreten Luthers in Deutschland fand der Protestantismus in Polen sehr viele Anhänger, nur während der Abfall zum Protestantismus unbestraft blieb, wurde jeder Versuch, das Judentum anzunehmen, mit dem Tode bedroht. In Gegenwart vieler Theologen und Rechtsgelehrten wurden am 9. Juni 1529 die Verhandlungen gegen Katharina Wejgiel eröffnet. Auf die Frage, weshalb sie das Judentum angenommen habe, antwortete sie, daß sie mit ihrem schwachen Verstände die Lehre von der Dreieinigkeit nicht verstehen kann. Der Bischof versuchte durch Ermahnung und Belehrung sie von ihrem Abfalle abzubringen,' als aber dies nicht half, begann er mit den ewigen Höllenstrafen und mit dem Gefängnis zu drohen. Es wurde ein Termin festgesetzt, an dem Katharina öffentlich ihre Fehler bekennen und zum Katholizismus zurückkehren sollte. Katharina ließ den festgesetzten Termin vorübergehen, ohne ihr Glaubensbekenntnis abzulegen. Sie wurde daraufhin ins Gefängnis geworfen und so lange darin behalten, bis sie sich dem Drucke fügte und am 11. August 1530 in Gegenwart der versammelten Geistlichkeit ihren jüdischen Glauben abschwor. Innerlich blieb sie aber dem Judentum trotzdem treu. Sie verstand es, längere Zeit sich dem Kirchenbesuche zu entziehen, erst neun Jahre später wurde sie wieder der Ketzerei angeklagt und zum zweitenmal vor das geistliche Gericht gestellt. Diesmal war sie in ihrem Glauben gefestigter und gab den Drohungen kein Gehör. Befragt um das Glaubensbekenntnis antwortete sie: „Ich glaube an den Gott, der das All geschaffen, den man mit dem Verstände gar nicht fassen kann und dessen Liebe alle Lebewesen erfüllt." Auf die weitere Frage, ob sie an die. Dreieinigkeit glaube, antwortete sie: „Gott hatte weder Frau noch Sohn, beide sind ihm überflüssig; denn nur diejenigen haben Söhne, die sterben müssen, aber Gott ist ewig, er ist weder geboren noch sterblich. Wir sind seine Söhne und alle find seine Kinder, die seine Wege wandeln." Darauf wurde ihr zugerufen: „Du sprichst falsch!" Die Theologen versuchten, sie zu überreden, da sie nicht imstande waren, sie zu belehren. Sie blieb aber standhaft und bestieg unerschrocken einige Tage später den Scheiterhaufen. Sprechsaql. Sehr geehrter Herr Redakteur! Unter derUeberschrift „Die Glocken in der Synagoge", brachten Sie in Nr. 46 Ihres geschätzten Blattes ein Gespräch, das der sel. Rabbiner von Hüll Israel Aron Lewy mit dem Erzbischof v. Zork führte. Zur Steuer der Wahrheit erlaube ich mir die Bemerkung, daß der ganze Wortlaut des Gespräches sich bereits im Leker Nizachon befindet, wo die geistreiche Antwort dem N. Jechiel aus Paris zugeschrieben wird. Die Stelle lautet daselbst: „Warum haben die Synagogen keine Glocken und keine Orgel?" fragte ein Bischof den R. Jechiel aus Paris. Dieser führte ihn. statt eine direkte Antwort zu geben, auf den Marktplatz und machte ihn aufmerksam, wie die Hallen, in denen Waren von anerkannter Güte verkauft werden, ohne prangendes Aushängeschild, von Käufern angefüllt feien, während da. wo minderwertige Waren feilgeboten werden, die Käufer nur durch marktschreierische Künste herbeigelockt zu werden pflegen. „Aus demselben Grunde," versetzte R. Jechiel „haben auch die Juden keine Glocken in ihren Gotteshäusern." „ Hochachtungsvoll Rabbiner Dr. I. Günzig (Loschitz). Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berit»».

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