Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Wen hat sie nun?" fragten die Frauen boshaft. „Das Kind? Das hat er ihr fast ganz genommen und die Neue reizt es gegen die Mutter auf. Wen hat sie nun?" Sie ging ruhig weiter.- Sie scheuerte und wusch; ihr Gatte behandelte sie als Sklavin, seine Lieblingsfrau war. härter zu ihrwie zu einem Lasttier, und der eigene- Sohn? ' Ihm war sie eine Fremde. Eines Tages klirrten SHilde an ihrer Hütte vorüber und Bläser trabten dahin. Soldaten kamen mit Beute einher, dann Volk, Wahrsagerinnen, Priester, Opfertiere. Daun tanzende Jünglinge und hinter ihnen ein Mann. Er trug weiße Gewänder und eine goldene Stirnbinde. Er kam von einem siegreichen Feldzug. Sie errichteten aus Steinen einen Altar und stellten sich um ihn her. Und die Krieger schlugen an die Schilde und die Jünglinge tanzten. Er aber trat an den Altar, winkte den Dienern, daß sie die Opfertiere wegführen sollten, .hob das Haupt zum Himmel auf und betete. Es war ein verschlossenes, geheimnisvolles Gesicht, das die Sonne beschien. Ein Gesicht, das nicht lächelte und nicht weinte, das geschaut hatte, und still geworden war. Die Menschen um ihn hielten den Atem an. Lö-Ruhama, die aus der Hütte getreten war, fragte ein Kind : „Wertstes?" Das Kind sagte: „Der König von Salem". Und er ließ sich Brot und Wein reichen und opferte. Im Augenblick, als er die erhobenen Hände senkte, traf ihn Lo-Ruhamas Auge. Er sah sie an. Groß, ernst, sinnend. Er sah sie an mit ihren eigenen Augen. „Wer hat diesen gezeugt?" fragte sie wiederum das Kind, Lilienblässe im Antlitz. „Das weiß kein Mensch," lautete die Antwort. „Er kam nach Salem und nahm das Szepter an sich." . „Von wo kam er?" fragte sie tonlos. „Niemand weiß es. Erckam nach Salem und nahm das Szepter an sich." Er ging langsam von dannen. Sie schritten rechts und links neben ihm hin, so daß sie sein Kleid nicht streiften. Er war anders als die andern. Niemand wußte, woher er gekommen war... Sie kehrte langsam in die Hütte zurück. Drinnen im Dämmer ließ sie sich auf den Boden nieder und stützte den Kopf in die Hand. Und sie zitterte. Die Wiesen blühten und verblühten. Die Lämmer warfen Junge, wurden verkauft und in Goldbarren umgesetzt. Eines Tages legte sich Lo-Ruhamas Gatte hin und starb. Sein Sohn beherrschte jetzt das Haus. Der ganze Ort sah gespannt auf Lo-Ruhama. Sie tat still ihre Schuldigkeit und bediente die andere. Ihr Sohn ging herrisch zwischen den beiden Frauen hin. Auch er sah gespannt auf die Mutter. Sein Vater hatte einen Bruder gehabt. Ob sie nach ihm aussehen würde? Ihre langen Wimpern lagen auf den Wangell. Sie war schöner denn je. — Der Sohn nahm ein Weib. Er zog fort. Lo-Ruhamas Nebenbuhlerin zog fort. Lo-Ruhama blieb allein in dem grauen Würfelhaus zurück. Man beobachtete sie argwöhnisch. Sie ging still ihre Wege. ^Abends, wenn die Winde sich trunken in die blühenden Büsche warfen, wandte sie das Angesicht nach der Richtung-, das Salem lag, und es leuchteten ihre nächtigen Augen. * „Ich sah sie," erzählte einer. „Sie war sehr seltsam anzuschauen und starrte nach Osten." Die Frauen wichen ihr aus, und die Männer träumten von ihr und waren bereit sie zu töten, weil sie etwas Unheimliches von ihr erwarteten. L Und. sie. sagten .wie seit zwanzig -Jahren: - - „Paßt auf, was sie noch tun wird? Sie war eine Geächtete, weil sie nicht war wie die andern, weil ihre Herkunft unbekannt war und niemand wußte, wieviel Hammel ihr Vater besessen hatte. > Und sie wurde mit jedem Tage schöner. , Der Purpur in ihrem Haar wollte nicht Schnee werden. Der Nacken der Pharaonen wollte sich nicht beugen. Und die Weiber ballten die Fäuste und ärgerten sich, daß sie in ihrem Ort lebte. Sie mußte ein sündhaftes Weib sein, denn sie war schön. Nur wußte niemand um ihre Sünde. Um so gereizter war man. Jahrelang hatte man heimlich Steine zusammengetragen zu ihrem Gericht, es fehlte nur das Bekanntwerden ihrer-. Schuld. Schon um dieses vergeblichen Harrens willen, -haßte man sie. Da reichte ihr eine Nachbarin einen Trank. Es war heiß und sie leerte durstig den Becher. Bald darauf krümmte sie sich vor Schrnerzen, denn das Gift war ein starkes Gift gewesen. Gegen Abend verstummte-: ihr Herzschlag. Sie schien tot zu sein. < ' ' „Endlich!" jubelten die Weiber. Die Männer atmeten auf. Klageweiber kamen. Man legte ihr Sterbegewänder an und verband ihr das Gesicht. Zwei Weiber wachten bei ihr. : In der Nacht richtete sich: das-Weiße auf der Bahre auf-. Die Weiber erhoben ein Z'etvvgeschrei. Lo-Ruhama riß sich die Binde vom Gesicht und erhob sich im Leichengewand. Die Weiber entflohen. Sie schritt ruhig zum Hause hinaus. Hinter sich hörte sie schreien, lärmen. Sie schlug den Weg nach den Wiesen ein. Der Mond schien. Sie ging im Totenkleid, der Tau netzte seinen Saum. Es fror sie. f Wohin sollte sie gehen? Schon hörte, sie die Stimmen lauter hinter sich werden. Sie sah sich um, Volk rottete sich zusammen. Und sie schwach und elend! Sie würde ihnen nicht entrinnen, die sie für ein böses Gespenst hielten. Da erblickte sie einen Haufen grasender Maultiere. Sie hoben die Köpfe, schnupperten und jagten querfeldein. Nur eins blieb stehen und kam ihr langsam entgegen. Sie legte die Arme um seinen Hals. „Sei barmherzig und trag mich davon. Sie werden mich totschlagen, wenn sie mich erreichen." * , Sie warf sich aus des Tieres Rucken. Erschrocken jagte es mit der weißen Last dahin. Ueber - Gräben und Hügel ging die Jagd, dann kam ein Fluß. Mondsilber lag darauf. Er war ganz weiß. Das Tier blieb stehen. Sie glitt von seinem Rücken herab. Ihr war, als sähe sie Fackeln hinter sich. Sie warf sich ins Wasser, kam jenseits ans User und ging heimlich fröstelnd in ihrem Totenkleid weiter. Eine dunkle Gestalt tauchte aus den Feldern auf und kam ihr entgegen. Es war ein Hirte. Er riß sein Messer heraus. Sie lächelte. „Laß! Ich tu' Dir nichts zu Leid. Sag mir, wenn ich hier weiter gehe, immer weiter und weiter, wohin komm' ich dann?"