Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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das Elend zur. Schau gestellt als ein Beruf geradezu/ um Mit-:^ leib' zu erwecken. Handel, Handel! So gehtder Ruf oft jämmerlich und verzweifelt. . Dieses Volk, hat einst die größte. religiöse Kultur der Welt gegeben, und auch noch der Geringste aus seiner Mitte ist bis in unsere Tage hinein stolz darauf. Sie wahren das alte Gut auch hier, auch in der fernsten Fremde. .Da sind in der Brigittenau und der Leopoldstadt große und ganz kleine polnische Synagogen und Bethäuser. Hier ,werden die alten Bräuche kultiviert,, hier sind die Orte der düsteren Klage, der Hoffnungen, der Weihe. Hier wird an die-goldene Pforte gepocht in Leid und Not, für Kranke und Sterbende an die Pforte, die zu Gott führt. Das Bethaus, ist auch eine Bildungsstätte,, wo heiliges Wissen gepflegt wird von alten Gelehrten und Lehrern, die hergewandert sind und keinem anderen Erwerb sich hingeben können. Hie und da kommt, aus Lemberg oder Czernowitz eine. Schauspielertruppe ins Judenviertel Wiens oder ein Volkssänger. Die Heroen.der jüdischen Geschichte werden in Opern oder Schauspielen vorgeftzlnt, öder das jüdische Leben der Gegenwart, vielleicht an Tragik und Heroentum nicht ärmer als das geschichtliche. Ich kenne kein Publikum mit einer stärkeren Resonanz- und selbstvergessenen Hingabe als das, das diese Vorführungen finden. Daneben blüht das Bänkelsängertum. Schwere Ereignisse voll Blut und Tränen werden zu Liedern gemünzt: ein Pogrom, die Auswanderung, die Sehnsucht nach dem uralten Lande der Väter. Ost ist es nur eine Frau, die im engen Höf oder vor'den Häusern mit Begleitung eines abgenutzten Werkels die Lieder singt. Sie ist eben aus Kischinew gekommen, aus Homel odet 'Odessa, und Lied und Stimme . find unterwegs' abgenutzt worden wie das Werkel, aber trotzdem, ein Schauer der Erlebnisse ist noch geblieben und lebt und schluchzt mit. Das sind die Alten. Die Jungen sind stärker döm Gesetz der Assimilation unterworfen und unterwerfen sich ihm auch bewußt. Früh wird die fremde Sprache mit allen ihren "dialektischen Prägungen angenommen und beherrscht. Die Physiognomien bleiben unverfälscht, aber die Mundart ist echt wie eine eigene. Sie werden oft schon im zartesten Alter in die Berufe getrieben, Knaben und Mädchen; sie lernen ein Handwerk und werden Proletarier, Leute .der „entern Gründe", wie die anderen auch, die hart an ihren Türen wohnen. Zuweilen sind es nicht die spezifisch jüdischen Berufe und Arten von Handwerk, die sie ergreifen, genau wie es durch die Durcheinandermischüng der Bevölkerung in der Brigittenau und Leopoldstadt geschieht, daß christliche junge Leute sich jüdischem Erwerb zuwenden, Handelsagenten und Hausierer werden.- Es fft auch ein tiefes Hinab- oder Hinaufsteigen unter dieser Jugend des Wiener Judenviertels, zuweilen Entartung und Verkommenheit. Der Weg nach abwärts führt sie zum Lumpenproletariat, zu den „Platten" und Rowdies: Andere wieder suchen unter Hunger und sonstiger Entbehrung einen Weg empor zu den Wissenschaften und Künsten. Jüdische Studenten. Das sind die zähesten geistigen Proletarier, junge Grübler und Skeptiker und frühe Lebensphilosophen. Und hie.und da rafft sich einer empor aus den traurigen Gassen und hat der Welt ein Heil, einen Gedanken oder ein Lied zu< künden. Es leben auch Dichter in diesen Bezirken, seltsame Denker. Tagsüber im bürgerlichen Beruf nur Handwerker oder gar nur „Schadchen", sind sie in stillen Stunden in ihrem Kämmerlein Weise und Poeten. Ich kannte so manchen. Aeußerlich, in Tracht und Manieren verkommenim Innern voll Begnadung. Aber es gibt nicht nur:Evnst und Traurigkeit im Judenviertel, sondern auch Humor und kluges Lächeln. Diese zumeist' Düsterem haben das Lachen und die Ironie nicht verlernt. In rauchigen, dunstigen Wirtshäusern, kleinen Cafes, in dumpfen ' Stuben werden die Witzworte und lustigen Anekdoten geprägt, und sie'wandern hinaus, finden ihren Weg in die humoristische Literatur. - Eine neue Stätte ist nach englischem Muster den Wiffensdurstigen in der Brigittenau begründet worden: die Toynbee-. halle. Diese Institution ist noch klein, noch nicht genügend entwickelt. In der Othmargasse hat sie sich etabliert, in einem länglichen Saal, der einem Jnnenraum eines jüdischen Bethauses gleicht. Allabendlich versammelt sich da eine kleine Gemeinde von Frauen und Männern, um mit einer förmlichen Andacht den Vorträgen zu lauschen, wissenschaftlichen, poetischen und musikalischen. Ein sehr gemischtes Publikum: Greise, die' von Kindern ausgehalten werden, Männer, deren Gesichter von Not und Sorgen erzählen, Jünglinge und alte Frauen in Tücher gehüllt. Darunter sind einige „Vornehmere" in besserer Kleidung. Da wird zuerst das mitgebrachte bescheidene Abendbrot verzehrt, geplauscht, Eindrücke und Meinungen über die letzten Genüsse in der „Toynbeehalle" ausgetauscht oder über Lektüre. Eine ärmliche Frau erzählt der anderen, daß sie einmal vor zwanzig, dreißig Jahren Bucker gelesen Habe, darunter die „Drei Musketiere" von Dumas. Das war eine herrliche, eine schöne Zeit . . . Der Saal füllt sich inzwischen, füllt sich auch mit diesem traurigen Duft der Armut, mit Armeleutegeruch. Bald wird einer zu ihnen sprechen vom Land der Zedern, von einem Zukunftsbild am Jordan . . . Lo-Suhsma. Eine Skizze van Maria Ianitfchek. II. ©ie ist wirklich wie alle," sagte Subael, „sie wird's auch bald beweisen." Sie wurde stattlich und schlug die Augen öfter auf als sonst. Im elften Monat hatte sie einen Sohn. Ihn auf dem Arm, ging sie zu den Türschwellen, aus denen die anderen Mütter saßen. Aber sie rückten unruhig zur Seite und sahen das Kind unsicher an. War es wirklich ein Kind? Sein Kind? Sie beobachteten mißtrauisch seine ersten Schritte. Ja, es war ein wirkliches Kind, aber — sie?Wie war sie? Ihr Gesicht glich einem Lilienfeld, auf das der Mond glänzt. In ihrem Haupthaar schlief Purpur. Ihre Augen hatten die Nacht in ihre Tiefen gesaugt. Ihr Nacken reckte sich auf,.wie der Nacken einer Königin. Sie setzte ihre Füße wie aus gehämmerte Göldplatten.- In ihren Mundwinkeln saß der Stolz der Pharaonen. Ihre Nüstern blähten sich wie die Nüstern der Töchter Gomorhas, mit denen ^.himmlische Geister verkehrten. Die Frauen warfen ihr Sand ins Gesicht. Sie lächelte. Sie legten ihr Unreines auf die Schwelle. Ihre feinen, schlanken Hände schafften es ruhig fort. Sie hetzten ihren Mann gegen sie auf. Er nahm sich eine wilde Katze inß Haus, eine Magd, drtz seine Gattin wurde. Lo-Ruhama wich ihr still aus.