Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Jene Mauern sind längst gefallen, fast ganz verflüchtigt hat sich auch all die Romantik. Es gibt nur noch Judenviertel in London, -Paris, New Jork, in allen europäischen und außereuropäischen Weltstädten, und sie sind bewohnt von jüdischen Proletariern, von Arbeitssklaven und sogenannten „Luftmenschen", die ihre Sache täglich auf den Zufall und die kümmerliche Gelegenheit des Erwerbes stellen. In New Jork und London haben die Judenviertel bei all ihrem Elend auch ihre Großartigkeit. Da sind die Gassen der Heimarbeiter, der Arbeitshäuser, wo die Menschen langsam zerstampft werden und dem ehernen Gesetz von Nachfrage und Angebot zum Opfer fallen. Da geht, durch einen immerwährenden Zuzug von neuem Arbeitermaterial hervorgerufen, die große Verelendung vor sich, voll starker sozialer Tragik. Darunter aber gibt es auch jäh emporsteigende Existenzen, gibt es eine Industrie der Presse, in einer Sprache, die keine Anerkennung findet, im „Jiddisch", und diese Journale, Bücher und Broschüren gleichen in ihrem Charakter, ihrer Technik und ihrer Verbreitung fast genau denjenigen, die das nichtjüdische New Dork besitzt. Es gibt da ferner Theater und Lesehallen und die vielen Toynbee-Jnstitute. Die Juden Londons und New Hc>rks, die armen, proletaristerten natürlich, sie besitzen ihre Philosophen und Poeten, die ihr Leid, ihre Mühen, ihre Sehnsucht und ihre Lebensanschauung künden, und diese.kleinen, im Elend lebenden Sänger haben bereits europäischen Namen. Diese Gassen sind eine Heimat von Exilierten, von Ausgeschalteten, Verfolgten, von Juden der Pogroms und aller Pein, die innerhalb der „modernen Zivilisation" Menschen noch zuteil werden kann. Da gedeihen die Dichter und Lieder, die echtesten und schmerzvollsten. Wien hat kein Judenviertel, wie etwa das Londoner Whitechapel. Hier fehlt es an Einheitlichkeit; das Wiener Ghetto, wenn das alte Wort noch angewendet werden soll, ist von Proletariern anderer Herkunft stark durchsetzt. Es erstreckt sich vom XX. bis zum II. Bezirk. Jüdische Einwohner gibt es ja wohl in der ganzen Stadt, aber diese sind mit dem Ganzen verschmolzen, sind ein Teil der Metropole, assimilieren sich und bilden mit der noch zurückgebliebenen Sonderart eine Note in einem Konzert. Nicht diesen gilt unsere Betrachtung, sondern jenen Eingewanderten aus dem Osten unseres Reiches, aus Galizien, der Bukowina, aus Rußland und Rumänien, die eine Menschenwelt für sich bilden, die man nicht kennt, und an der nur das Vorurteil seine Maßstäbe anlegt. Es sind Entwurzelte, die' gleichsam ihre Heimat in der Seele mittragen, eine Tragik der Bodenständigkeit. Sie sind hier wie in einem jäh unterbrochenen Flug ins Weite stecken geblieben. Von ihrem Heim hat sie wirtschaftliche oder andere Judennot vertrieben, und sie haben sich mit den letzten Habseligkeiten nach erträumten Goldländern aufgemacht, nach Amerika oder noch weiterhin, und nun ist ihnen hier der Mut oder das Geld ausgegangen, und sie sind hier im neuen Elend geblieben. Die Juden sind kein eigentliches Wandervolk, nur die Not treibt sie von der Scholle. Oft bleiben sie schon am Wege sitzen, kommen nicht fort und klammern sich fest, welch bitteres Schicksal über sie auch hier hereinbrechen mag. Das ist ein Volk der Beharrlichen, ewig Wartenden. Gib, daß wir im kommenden Jahre im Lande der Väter sind, das ist ihr Gebet seit nahezu zwei Jahrtausenden. . . So weilen sie hier, bunt zusammengewürfelt in Nuancen und heimatlichem Wesen, in Abweichungen der Sprache und heimatlichem Brauch, und sie siedeln sich" in diesen Bezirken an, weil sie hier Genossen im Leidim Erwerb finden oder Verbilligung der Lebensmittel und Wohnungen. Sie bleiben hier ewig fremd, deklassiert, fremd auch den eigenen Glaubensgenossen, die in besseren Verhältnissen ausgewachsen, unter modernen Kulturen. Sie aber bleiben hier, was sie gewesen, ein Volk des Unsteten Wesens, der wechselnden Berufe, der bodenlosen Existenz: Luftmenschen. Kommt man in die Brigittenau oder in die Gassen hart an der Donaulände, so merkt man, wie von Fremdlingen ihnen etwas von der eigenen Physiognomie aufgedrückt wurde, eine Physiognomie des Elends, des Leids und der Verdüsterung. Wie fern ist man hier dem fröhlichen, lachenden, dem eigentlichen Wien! Es sind die engsten Gassen, die sie zu Wohnorten wählen, alte Häuser oder solche, die, man kann es sagen, rasch gealtert sind. Meine Geschäfte dicht nebeneinander, kleine Wirtshäuser und Branntweinschänken. Die Höfe düster und lichtlos, die Gassen in den Abendstunden dürftig beleuchtet. Die Menschen gehen beladen, still und düster einher. Hie und da ein Lastfuhrwerk oder das Signal und Pfauchen der Dampftramway. Frauen in Tücher gehüllt, blasse Kinder, die vor den Haustoren spielen. Ein Dust von Elend überall, von schlechten Speisen. Und doch gibt es auch hier Leben, wie es nur eine Großstadt besitzen kann. Das ist ein Leben, - das in der Gasse verbracht wird. In Frühlings- und Sommerzeit, aber auch an den mildesten Wintertagen, da sieht man sie in Gruppen stehen, sieht sie auf den Bänken eines Beserlparks, im Augarten oder an der Donaulände sitzen, hier oft ihre Mahlzeiten verzehrend, Tagesneuigkeiten oder Lebenssorgen besprechend. Sie finden sich rasch zusammen in Freundschaften, in Gemeinsamkeiten der Not oder durch die Sprache. Kleinstadtgewohnheiten sind rasch hierher verpflanzt. Man plauscht voll Fenster zu Fenster, von Tür zu Tür, int kleinen Laden, wie daheim, wie im fernen Städtchen. Die Stube wird gern verlassen, die Enge oder der Beruf erfordert dies. Wenn der Morgen dämmert, da beginnt mit schwerem Pack oder mit geringer Ware von den Männern und auch von vielen Frauen, die im Erwerb mithelfen, der weite Weg durch Nebel, Kälte, Regen oder dlirch anbrechende Hitze, dem trügerischen Zufall, einem kleinen Glück entgegen, auch der tiefen Demütigung. Ihre Wohnungen. Sie liegen zunleist hoch oben, im letzten Stockwerke, im Hinterhause. Da sind die kleinen Stuben dicht nebeneinander gesetzt in peinlicher Raumausnutzung. Da sind Wohnungen für kinderreiche Familien, noch enger gemacht durch Aftermieter, Bettgeher oder durch solche, die hier ihre Schlafstätte nur noch auf dem Fußboden finden. Ost wohnen zwei oder drei Familien miteinander in einer mühsam geteilten Wohnung oder in demselben Zimmer. Und diese bilden in vielen Fällen noch Werkstätten, find gefüllt mit allem Kram, aus dem einstigen fernen Heim mitgeschleppt. Hoch oben liegen'diese Wohnungen. Aber höher als diese Menschen steigen, erheben sich die Pläne und Hoffnungen, die hier gehegt werden. Sie knüpfen sich an die Kinder oder an ein Wunder, einen Zufall. Da wird ewig geplant und mutig von Enttäuschung zu Enttäuschung geschritten. Gott wird helfen, das ist das Wort, das sie in einer nie sinkenden Zuversicht sich gegenseitig zurufen. Dazwischen wird gearbeitet und schwer um das Leben gekämpft. Die Alten lehrt die Not täglich neue Praktiken, manchmal verwerfliche, genau wie sie in den Verhältnissen eben liegen. Sie können nichts, als auf die Gasse gehen. „Ich handle mit Verstand!" hatte Moses Mendelssohn einst einem fürwitzigen Leutnant zugerufen. Hier wird der Verstand in Schlauheit umgemünzt, oder es wird