Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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572 Kabbalist im schlechtesten resp. im besten Sinne des Wortes. Von seinen vielen Werken seien nur erwähnt:. „Ern lamicrä", „Storia degli Esseni", „Le fonti del diritto ebraico", „Morale juive et morale chretienne", „Israel et Humanite", „Ginqne discorsi"p „Jaanfc baesch". Das in Rede stehende Thema behandelt er in seinem Werke „Em lamicrä'V Einleitung zum III. Buche Moses. Der Verfasser macht die heftigsten Ausfälle gegen die Moralisten, die den. Opferdienst nur als Konzession an die heidnischen Sitten erklären wollen. Am unsanftesten wird S. D. Luzzatto angefaßt, dem er geradezu blindes Nachäffen der Maimonidischen Ansichten vorwirft, und ihn des Einver^ ständnisses. mit dem „Gottesleugner" Spinoza zeiht. Man sieht, die Orthodoxen sind in allen Landen aus demselben Holz geschnitzt. Sobald man einer anderen Ansicht als der ihrigen ist, darf man nach ihrer „rigorosen Vorschrift" nicht mehr zu den treuen Söhnen des - Judentums gezählt werden, und dieser Vorwurf wird einem so verdienstvollen und so gesetztreuen Manne wie S. D. Luzzatto gemacht, den das italienische Judentum (insbesondere unsere Gemeind^ Trieft) zu den besten seiner Söhne zählt, und mit Recht zählen darf. So ungerecht wollen wir Benamosegh gegenüber nicht sein. Wir erkennen seine Bedeutung an, doch wo er geirrt, darf man ihm seinen Irrtum — ohne dem Andenken dieses großen Mannes auch nur im geringsten nahe treten zu wollen, — Vorhalten. Der Tenor seiner Ausführungen gipfelt nun in folgenden Beweisen. — „Welcher Unsinn, dem großen Gesetzgeber die Schwäche zuschreiben zu wollen, er habe den Zeiten Rechnung tragen wollen und sich gescheut, die Opfer abzuschaffen! Hat doch Moses viel mehr eingewurzelte Vorurteile, die dem reinen Glauben irgendwie' schädlich sein konnten, geradezu ausgewurzelt und das Gegenteil davon gelehrt, was bei den benachbarten Völkern heilig war! Also Nachgiebigkeit oder Schwäche von Moses war es doch nichtz zumal die Gesetzgebung des ganzen Opferdienstes sich in so ausführlicher Weise annimmt." — Die Propheten — meint Benamosegh — haben wohl dagegen gesprochen — aber nur deshalb — weil die damalige Weltanschauung die falsche Meinung hatte, so wie ein Stein infolge seiner Schwere von der Höhe in die Tiefe fallen müsse, so müßten auch die Opfer den Zweck erreichen — wenngleich die sittliche und moralische Lebensweise viel zu wünschen übrig ließe. Als Stütze und Säule in.seinen Ansichten führt er die Meinung des Cusari Pars II. Kap. X. VUl. Seite 114 (Buxtorfius), wo ebenfalls der Verfasser Jehuda Halevi in langen Ausführungen den Beweis erbringen will, daß. das Darbringen der Opfer, eine besondere Auszeichnung für Israel bedeute, denn eine gewisse moralische Gesittung und Sittlichkeit ist ja auch das Fundament und die ' Basis bei den heidnischen Völkern! Wenn sich also die Propheten gegen die Opfer wenden, so sei es nur so aufzufassen, daß sie dem Volke zeigen wollten: „Ihr seid des Vorzuges der Opserdarbringung nicht würdig, Ihr seid schlimmer als die anderen Völker, die auf der untersten Stufe der Entwicklung stehen — bei Euch will sich Gott schon mit dem wenigsten — Minimum, begnügen und dieses Minimum ist eben Sittlichkeit, Moral! S. D. Luzzatto sucht die Mittelstraße — er steht auf dem Boden der Entwicklungsgeschichte der Religion im Judentum, er. meint, sicherlich stamme das Anordnen der Opfer-; darbringung nicht von Gott, da jedoch das Opferbringen an sich nichts Schlechtes fei, weshalb sollte man da einschreiten, in unnützer Weiseetwas verbieten, was naturgemäß — wie. Maimonides richtig hervorhebt, sich nur so und nicht anders entwickeln konnte. Wie sollte sich der Mensch der damalig en Zeit sein Verhältnis und seine Verbindung zu und mit Gott anders veranschaulichen und versinnlichen, wenn nicht durch die Opfer, die verbrannt wurden und deren Dunst zum Himmel emporstieg. Deshalb seien eingerichtet die Dankopfer, die Sühnopfer usw., sonst müßte ja ein Mensch, der aus Unvorsichtigkeit eine Sünde begangen, sein ganzes Leben. der Sünde verfallen sein. Bei dieser'Gelegenheit wird auch eine geistreiche Erklärung des Wortes „Kodesch" gegeben „jkod baesch". Und gerade Luzzatto wendet sich gegen Maimonides Auffassung, die Opfer seien deshalb an einem bestimmten Orte darzubringen, damit die Leute mit der Zeit durch die Unbequemlichkeit eine Erschwerung empfinden und auf diese Weise sich ja so viele Schwierigkeiten in den Weg stellen, daß dadurch dem „Opserbringen" Einhalt getan wird und diese von alleine dem Verfall entgegengehen. Luzzatto meint aber, diese Einschränkung, nur an der heiligen Stätte die Opfer darzubringen war wohl reiflich überlegt, schon deshalb heilbringend, damit die Leute, so sie an verschiedenen Orten die Opfer darbringen, sie diese verschieden handhaben würden und auf diese Weise dem Götzendienste anheimfallen könnten. Eine überaus interessante und richtige Bewertung wird auch da gemacht gegen die Erklärung Rambams und Raschis des Satzes 4 B. Moses C. XV. V. 15. Luzzatto ist ferner der Ansicht, daß das Opferdarbringen an geheiligter Stätte aus sozialpolitischen und ökonomischen Gründen anbefohlen ward. Erstens sind alle Stämme nach Jerusalem gekommen, hier war der Sammelpunkt, das Zentrum — wohin aller Winke gerichtet waren, wodurch eilt Zusammenhalten beabsichtigt war. Zweitens mußten die Leute an Ort und Stelle alles verzehren, dadurch hatten die Armen eine Unterstützung in natura, dadurch wurde die Freundschaft, Brüderlichkeit gepflegt. Die Hauptsache aber bestand darin, daß ein Band der Zusammengehörigkeit alle Stämme umschlingen sollte. Soviel von Luzzatto. In kurzen, knappen Sätzen spricht auch Jsaaco Reggio gegen die Opfer — als solche, meint ebenfalls, es sei nur eine Konzession gewesen. Ich meine diese logischen Auseinandersetzungen von so bekannten und anerkannten Männern und Führern des Judentums müßten. zur Genüge gezeigt haben, daß die heilige Schrift es wohl verträgt und daß es zulässig ist, in diesem Sinne den Opferdienst zu erklären — wobei man noch das Recht besitzt, sich zu den gesetzestreuen Söhnen des Judentums zählen zu dürfen. Den Opferdienst als Konzession an die heidnischen Sitten nimmt als etwas Selbstverständliches auch an Ackermann. „Archeologia Bibliea" S. 414 Origo Sacrificiorum. Ms dem Wiener Ghetto. Von Hermann Menkes. hetto, das ist ein Wort, das einen mittelalterlichen Beiklang hat. Man denkt an Abgeschlossenheit und Enge, an dunkle Gassen und Not. Legenden werden wach, voll Schrecken, Schönheit und Traurigkeit; Legenden von Helden und Märtyrern, von Weisen und Asketen. Rom besaß ein solches, Prag und Amsterdam. -Dahin ist Rembrandt gegangen und hat eine eigene und seltsame Menschen- und Lebensschönheit gesucht und gefunden.