Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228901--66035-3278194- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Daß es Juden gibt, die' mich verfolgen, weiß ich und freue mich. Weil ich ein Christ worden bin, erwarte ich auch Christi Spruch an mir erfüllt zu sehen (Matth. 5, 11). Co prüfe denn mein weiteres Tun und schaue, ob es von Gott getragen ist. Siehe auch, ob ich nicht bin der Freund Israels. Die Gläubigen allein können den Glauben verstehen. Bis auf weiteres Dein getreuer ' ' ,h Selig Cassel. , Erfurt, 3. September 1855. Ich komme erst heute, und zwar flüchtig dazu. Dein liebes Schreiben zu beantworten und kann darum auch Leine darin gemachten Bemerkungen über heilige Tinge nicht durch ähnliche erwidern. Nur das eine wollte ich Dir geschrieben haben, daß ich Dir bereits in meinem, vorigen Briefe angezeigt habe, ich würde sobald ich wieder in die Stadt gezogen sein'werde, dem Schadet Jehuda meine Aufmerksamkeit widmen. Ich wohne im Sommer auf dem Lande, habe meine Bücher, namentlich meine Judaica nicht zur Hand und bin auch nicht gesammelt genug dazu. Mitte September verlasse ich sie und nach einer kleinen Reise hoffe ich dann, dieses Thema — deo volente — aufnehmen zu können. Es ist Deine Vermutung, als scheine ich mich der jüdischen Wissenschaft noch ferner mit Fleiß zu widmen, um so komischer, als ich noch gar nicht aufgehört habe, von ihr zu lassen. Aber die Welt ist eben sehr kleinlich, und Du hast, mein Freund, in diesem Moment wie die Welt vermutet. Hättest Du eine Vorstellung von meinem Leben und meinem geistigen Sein innerhalb desselben, oder Liebe genug, um in Geduld und Freundschaft den Freund zu seinem Vorteile zu denken, so würden solche Vermutungen Deine Seele nicht verunzieren. Mich treibt mein neues Bekenntnis nicht minder wie das alte an, in liebevoller Haft zu arbeiten und den Freunden, die es sein wollen und nicht sein wollen, nahe zu bleiben. Die jüdische Literatur hat bereits sehr innige christliche Freunde gehabt; ich glaube, ihr eben so treu wie Wolf u. a. bleiben zu können-.' Lieber Freund! Keine Kunst ist leichter als das Verdächtigen. Nichts aber ist es, was ein gläubig Herz lieber erträgt. Und was mich betrifft, sind Wissenschaft und Glaube mir treue Genossen genug, um sämtliches-Geschwätz einer kühlen Zeitgenossenschaft verlachen zu können. Willst Du daher meine Hilfe zum Schebet Jehuda noch ferner; sie wird Dir werden, so bald ich kann. Ich habe die Zögerung nicht gemacht. Ich habe die Hilfe nie verweigert. Ich bin derselbe gewesen voriges Jahr! Die Liebe zur Wissenschaft ist ein und dieselbe, alle Tage wird sie neu und frisch, denn: '1 n^rv nbsn nwi Dein C assel. Erfurt, 23. November 1855. Du bist sehr im Rechte, daß Du von mir einen Brief zu erwarten hattest; aber ich war vor vielen Störungen, Reisen und Geschäften nicht imstande, Dir etwas Befriedigendes zu antworten. Und auch jetzt kann .ich es nicht. Es ist nämlich leicht möglich, daß ich mit Neujahr die Redaktion der Zeitung hier aufgebe und mich ganz den Studien und meinen Arbeiten auf der hiesigen Bibliothek in meinem Amte als Sekretär der hiesigen Akademie widme. Das ist/mit manchen Uebergangsschwierigkeiten verknüpft. Außerdem befinde ich mich durch mein neues Glaubensleben in eine Menge neuer Verbindungen, Beziehungen und Aufgaben gebracht, die wie teuer sie mir auch sind, doch: viele Zeit kosten. Ich kann Dir daher, . bis sich das Verhältnis entschieden, einen Zeitpunkt der Vollendung meiner Arbeit nicht genau sagen. Dafür nehme ich Deine Verzeihung in Anspruch. Wie ich höre, hat in der Judenzeitung ein Artikel über mich gestanden, der von Deiner Hand fein soll und freundlicher Natur ist./ Was mich betrifft so. habe ich an Liebe weder für meine Freunde noch für das Studium und die Gedanken des Judentums verloren. Facta loquentur. : Deine Rezension über Rappäport werde ich zurückstellen. Somit denn Gott zum Grüß. - Dein Paulus Cassel. > Gerechterweise mußman dem Prediger und eifrigen Missionär an der Christuskirche das Zeugnis ausstellen, daß er sein gegebenes Wort „auch ferner ein Freund der Juden und der jüdischen Literatur zu bleiben" gehalten hat. Als die Hochflut des Antisemitismus in Berlin das deutsche Volk durch Hetzreden und Schmähschriften zu vergiften suchte, ergriff auch. Paulus Cassel das Wort als Verteidiger der Juden und des, Judentums. Wir erinnern aus den vielen Schriften über diesen Gegenstand hier nur an seine Schrift: „Wider Heinrich v. Treitschke, Für * die Juden" (Berlin 1880) und an seine 5 Jahre später erschienene Arbeit: „Ahaswerus. Mit einem kritischen Protest wider Eduard v. Hartmann und Adolf Stößer" (Berlin 1885). Um so berechtigter konnte Wiener seinem Freunde schreiben: „Wunderlich bleibt es, wie ein Mann mit diesen historischen Studien ein überzeugungstreuer' Christ werden konnte." Lu dem Npferdikult in Ilrarl. Von U. .Brettholz. . , u den überaus sympathischen, klaren und ehrlichen Aus-- führungen des Herrn Professor Dr. Klein, Stockholm, in seinem Artikel „Liberal oder orthodox", sowie zu dem Leitartikel/ „Der Liberalismus im Judentum der Gegenwart" (II.) erlaube ich mir einige Bemerkungen hinzuzufügen, die den Zweck haben// so manchen Forscher auf diesem Gebiete auf einige Ab-» Handlungen über diesen Gegenstand aufmerksam zu machen, die ihn sicherlich interessieren werden. . Diese Abhandlungen sind nicht neu, stammen sie doch aus dem vorigen Jahrhundert; sie dürften aber dennoch nicht all-: gemein bekannt sein, und so will ich versuchen, den Inhalt derselben in gedrängter Kürze wiederzugeben. Ein großer Verfechter der Unantastbarkeit und der Heiligkeit der Opfer als eines integrierenden Teiles des Judentums ist Elia Benamosegh, geboren in Livornos am 24. April 1823, gestorben daselbst als Oberrabbiner 1900. Er ist sicherlich einer der bedeutendsten Männer Italiens/ der seinem Vaterlande, insbesondere feiner Vaterstadt Livorno zur besonderen Ehre gereicht, die nun übrigens dem großen Meister ihre unvergängliche Dankbarkeit zu bezeugen, unlängst eine Marmortafel im großen Tempel angebracht hat. Dieser Mann ist trotz seines hohen und tiefen Wissens, seiner philosophischen Ausbildung und seiner allgemeinen Bildung ein' i) Livorno, eine altehrwürdige Gemeinde, ist vielleicht eine der reichsten, die wir in Europa kennen. Nebst vielen Institutionen, die sich selbst erhalten, besitzt die Gemeinde an Legaten fast sechs Millionen Lire, die mit 40/g angelegt sind. Die Gemeinde könnte also eventuell ohne die Gemeindemitglieder in Anspruch zu nehmen, sich von allein erhalten. An der Spitze der Gemeinde resp. des Rabbinats steht jetzt ein junger tüchtiger Gelehrte, Dr. S. Colombo, der, so er nicht in Italien „wirken" würde, heute sicherlich sich eines klangvollen Namens erfreuen würde. Es ist daher mit großes Genugtuung der Gedanke begrüßt worden, daß das Lrvornoer und Florenzer Seminar vereinigt werden zu einem einzigen Seminar, an dessen Spitze die Herren Dr. Colombo und Dr. Margulies stehen, von deren Wirken mit vereinten Kräften man Bedeutendes zu erwarten berechtigt ist, zumal ja auch die materielle Unabhängigkeit gesichert ist.