Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1909)
- Date
- 1909-11-26
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. „,7 tTffiTß****'?; ' 11 v. Lrirke von Selig Mulus Csllel. Mitgeteikt von M.Zu ckermaÄn-Hann oder. Wiener ^seine Arbeiten, zu einer neuen Lextkritischen Ausgabe des Schebet Jehuda begann, wandte er sich an'die jüdischen GelehÄen des In- und AüsMd'es und erbLt von diesen Förderung und Unterstützung - seines wissen'schästlichen Unternehmens. Munk in Paris, Zedner in London- Lehrecht in Berlin / und' viele andere wurden ersucht, wissenschaftliche Beitrage und erklärende Notizen' textkritifchen und historischen Inhalts zu .liefern.. Auch mit seinem Freunde und Glogauer Landsmann, Selig Cassel, wurde in dieser Angelegenheit ein eifriger Briefwechsel geführt. Hatte sich doch letzterer, wie aus einem Briefe.an Wiener hervorgeht, selbst im Jahre -1846 mit einer neuen Herausgabe des Schebe't Jehudabeschäftigt, von dem sogar bereits ein Bogen gedruckt worden war.^ „Allerlei Umstände/'' schreibt Cassel an Wiener, „wahrscheinlich auch die Schwierigkeit des Unternehmens hielten inich'damals ab, werden mich jetzt aber nicht verhindern, dich, so gut als ich kann, zu unterstützen" (22. November 1854). Inzwischen vollzog sich der Glaubenswechsel bei Selig Cassel und es ist selbstverständlich, daß dieses Ereignis rn den Briefen nicht unberührt bleiben konnte. - Die folgenden' Briefe gewähren uns einen interessanten Einblick in die eigenartige Entwicklung und Verfassung des späteren Predigers an der Christuskirche' zu Berlin und dürsten zur Beurteilung dieser romantischen Natur manche Beiträge liefern. - Erfurt, 20. Mai 1855.: . ’ Mein lieber Wiener!; , Dein Brief war mir so angenehm, daß ich ihn umgebend beantworte, doch nur in so 'flüchtiger-Natur, wie mir der drängende Augenblick es gestattet. Laß Dir also in kurzen Strichen auf Deine von ebensoviel inniger Teilnahme als freundlicher Milde zeugende Fragen antworten. . 1. Im Augenblicke habe ich noch kein christliches Bekenntnis abgelegt, noch nicht die heilige Taufe empfangen, aber es wird dies geschehen. -- ... 2. Wenn es geschieht, so sind.es keine weltlichen Gründe, in die sich mein Entschluß kleidet. Nenne es Mystizismuswie Du willst, aber es ist Glaube und Ueberzeugung, die seit Jahren heränwuchs. Gottes Allwissenheit und die Zeit bezeugen, daß ich Dir die Wahrheit schreibe, soweit ein Mensch es kann und soweit die menschliche Natur göttliche Dinge in ihrer ursprünglichen Lauterkeit wiederzugeben imstande ist. Ich habe Dir eben der vielen und schweren Seelenkämpfe willen, in denen ich mich befand, nicht geschrieben. Nach deren Vollendung hätte ich es ohnedies getan. v; B. Mit meiner wissenschaftlichen Beschäftigung hat es ja nichts zu. tun. Ich bin, der ich war, den Juden wie den Christen im Geiste und in der Liebe. Ich werde, wie bisher — und ich glaube noch mit mehr Erfolg — dem Judentum ein Freund und Verteidiger sein, an seiner Wissenschaft Interesse nehmen mit Rat und Tat. Aus dem Judentum hinüber nehme ich mit Glauben und Begeisterung, Lehre und Forschungstrieb; wie könnte ich auch einen Lehrer, der mir soviel gab, minder lieben und ehren! Es werden die einzelnen, welche mich anfeinden. oder verdächtigen möchten, mich darin nicht stören. Nachdem ich das Urteil der Welt in mir überwunden, ist mir nichts geblieben,, als die holde Erinnerung und die treue Liebe zu all den Meinen und das sind alle, welche Juden sind. 4. Was den Schöbet Jehuda betrifft, so halte ich mein Wort. Im Augenblick uüd in den letzten Monaten war ich zur Stimmung für diese Studien nicht zu bringen. Wenn das Herz so vielen Bewegungen geöffnet ist, wenn das ganze Leben in Fluß gerät, alle Tradition mit einem neuen machtvollen Entschluß in Kampf sich verwickelt, ist man nicht aufgelegt, spezielle Untersuchungen anzustellen. Aber Du - empfängst es. Die erste Muße gehört Dir. Du sollst'darin mich durchaus nicht verkennen. 5. Was, meine jüdischen Freunde dazu sagen werden, daß ich ein Christ geworden bin? Schwerlich werden sie es, würdigen, wie ich es zu verdienen glaube- Aber in allen Fällen werde ich meine, Sympathien und Empfindungen, meine Mäßstäbeund Erinnerungen nicht verlöschen. Ich habe nie viel von meinen Freunden empfangen. Oft sagte ich mit dem Psälmisten: ' - ' wm nns ma V? .; 6. Ich will Dir nichts weiter über die geistigen und gläubigen Motive meines Uebertritts entwickeln. Meine nächsten wissenschaftlichen Arbeiten werden indirekt davon zeugen. Was soll zwischen uns ein n'D'l! Menschen überzeugen nicht. Es istdie göttliche Vorsehung, welche ihre vsstiM den Menschen verkündet und sie führt. Dein Selig Cassel/ Erfurt, 10. August 1855. Dein Schreiben, das ich gestern vorfand, hat mir wahrlich eine innige Freude bereitet. Diese Freude ehrt Dich mehr, als ich es mit meinen geschriebenen Zeilen kann. Tu suchst Deinen alten Freund, Tu hattest ihn gar nicht verloren. Es hat mich niemand verloren, der mich lieb hatte. Ich habe niemanden weggeworfen, dem ich ergeben war. Ich habe Liebe und Versöhnung im Herzen. Zum Groll war'ich nie angetan. Ich habe auch niemandem etwas genommen und hoffe vielmehr noch, si 6eus vult, zu bringen. Mein lieber Freund! Es ist traurig, daß die Juden glauben, man müsse sie verfolgen, wenn man einen Schritt weiter geht, als sie. Aber dieser weitere Schritt schließt doch die früheren ein. Ich bin der Alte, sonst wäre ich nicht der Neue. Eben weil mich der Christ drängte, deshalb bin ich der Alte noch immer, liebe ich die Alten noch immer. Ich würde mich selbst verfolgen, würde ich die. aus denen ich schritt, als feindliche Brüder ansehen. Auch dann werde ich sie lieben — wenn sie mich weiter verdächtigten und verleumdeten. Auch dann werde ich Judentum und jüdische Literatur wissenschaftlich ehren, wenn ihre Träger mich perhorreszieren werden. Lieber Wiener! Es zeugt von Deinem freien Gemüte, daß Du, wie Du geschrieben hast, fühlest. Du irrest freilich, wenn Du wunderbar (?) findest, es könne ein Mann von meinen'historischen Studien ein Christ aus Ueberzeugung werden. . Ich stelle den Satz umgekehrt; Euch ist nicht das Christentum, was es wirklich ist, auch vielen Christen ist es nicht, was es ist. Vorurteil und Mißwollen sind die dicksten Mauern. Aber alle Trennung bewältigt ein liebevolles Herz. Die Ausgleichung zwischen Judentum und Christentum wird allmählich von der Wissenschaft angebahnt werden, wenn die Wissenschaft wieder '"7 niO’’ geworden sein wird. Mir ist das'Christentum das zu sich kommende befreiende und befreite Judentum. Christus der Gott der Väter, den sie gewollt» und aus den die Welt geharrt hat. Doch lassen wir diese heiligen Dinge für eine minder flüchtige Unterhaltung. Glaube mir wie-einem Freunde, wie einem gläubigen Jünger Pauli; ich sage Dir, es hat nie einen tieferen jüdischen Denker gegeben, als diesen Paulus. Es verlohnt sich wahrlich, in ihm sich zu heiligen. Ich'lege Dir ein kleines Schriftchen bei, dus ich zum Pfingstfest publiziert h und Dir hoffentlich bezeugen wird, paß ich Judentum und Juden ferner lieben werde. Im übrigen danke ich Dir, daß Du Dich meines Namens hinter meinem Rücken annimmst. Den schönen jüdischen Grundsatz zu üben, auch den Sünder wie einen Bruder zu lieben akzeptiere ich. Freudig — wenn aucb nicht.in Deinem Sinne, werde ich Dich und.die Deinigen im Namen des Herrn lieben und schätzen — soweit ich kann. .. *) Es war dies „der Mittler (Nesitss)". Ein exegetischer Versuch zu Galater 3, 19. 20. Erfurt 1855. Das Vorwort begiMt mit Galater V 15. 16. und schließt mit dem rabbinischen Spruch: •owb -d^oi tD^öian' “inki nrn^nim ' ......fr' jgfoga&ifefc