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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-26 · Heft 48 (26.11.1909) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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AMchEZW 569 Leben froh zu begrüßen. Ein Zug nach links läßt sich in unseren öffentlichen Wahlen deutlich beobachten. Nach den Landtagswahlen in Baden und Sachsen, von denen'in unserem Blatte Notiz genommen worden ist, kamen die Stadtverordnetenwahlen in Berlin und den Vororten. Das Resultat dieser Wahlen in der II. und I. Klasse ist die Wahrung des Besitzstandes der Liberalen, in der lll. Klaffe, wenigstens in Berlin ein starkes Anwachsen der Sozialdemokratie. Letzteres mag man. vom liberalen Standpunkte aus bedauern; es bedeutet aber sicherlich eine größere Verschiebung nach, links. Noch bemerkenswerter find die Berliner Kirchenwahlen in der vergangenen Woche. „Sie brachten, wie das „Berliner Tageblatt" meldet, der liberalen Richtung einen großen Erfolg. Die Liberalen verdrängten die Positiven in fünf Kirchengemeinden, erzielten außerdem in fünf anderen Gemeinden, in denen früher Kompromißlisten vorhanden waren, für die diesmaligen rein liberalen Listen einen Sieg und brachten außerdem in einer Gemeinde, in der die ausscheidenden Kirchenvertreter nur aus Positiven bestanden, eine Kompromißliste durch. Dagegen verloren sie nur eine Kirche an die Positiven." Ein solcher Sieg ist ein gutes Omen für unsere Wahlen im nächsten Jahr. Nur gilt es, zu wachen und zu arbeiten und den Boden zu ebnen für künftige Siege. * Und auch das frühlingsmäßige Regen im Judentum mag willkommen geheißen werden. Darum freuen wir uns der folgenden Notiz, die der „Voffischen Zeitung" aus Hamburg zugeht. Während sich in Preußen mit der Regierung auch der größte Teil der Kultusgemeinden nach wie vor ablehnend zur allgemeinen Einführung der Feuerbestattung verhält, hat der Vorstand des Israelitischen Tempelverbandes seinen Predigern neuerdings gestattet, bei Einäscherung jüdischer Leichen im Ohlsdorfer Krematorium amtlich mitzuwirken. * Das ist immerhin ein Fortschritt, und ein Fortschritt ist es auch, wenn der sächsische Minister Otto nach Aufforderung das Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die neulich hervorgehobene antisemitische Aeußerung eines sächsischen Richters rügt, wenn er auch keinen Grund zum Einschreiten findet; ein Fortschritt, wenn sich in Berlin eine Burschenschaft „Prusfia" gebildet, die auch jüdische Studierende als Mitglieder aufnimmt; ein Fortschritt endlich, wenn der Verband der Vereine studierender Frauen in Deutschland sein Bedauern ausspricht über das Vorgehen des deutschen akademischen Frauenvereins in Berlin, der jüdische Frauen auszuschließen sich berufen fühlte. Es sind nur kleine Schritte zur Besserung, aber allmählich gelangt man hoffentlich an das ersehnte Ziel. fr. Gernsheim: Mirjam." Zwar während meiner Studienzeit am Leipziger Konservatorium — ich mochte etwa 14 Jahre alt gewesen sein, als ich zum erstenmal Händels gewaltigstes Oratorium „Israel in Aegypten'' hörte. Noch kann ich mich genau des Eindruckes erinnern, den ich damals empfing. Von Nummer zu Nummer ward ich immer mehr in den Bann dieser großartigen Tonschöpfung gezogen, und als das letzte Rezitativ erklang: „und Mirjam die Prophetin, die Schwester Aarons, nahm eine Chmbel in ihre Hand", und ein mächtiger Sopran den Hymnus in C-dur — ohne jede harmonische Unterlage, frei in die Lüfte anstimmte, auf den sich der herrliche Schlußchor aufbaut, da stand die Gestalt der Mirjam vor mir, so deutlich wie etwa einer der Engel von Mellozzo da Forli in der Sakristei der Peterskirche in Nom. Und die Gestalt verließ mich nicht mehr. Jahrzehnte hindurch ' sah ich sie neben mir mit der Cymbel in der Hand und hörte den Siegesgesang, der ihrem Munde ent- - quoll, als ihr Volk aus. der Knechtschaft erlöst war. Und „Mirjams Siegesgesang" bildete den Ausgangspunkt meiner 6-moll-Symphonie. Ich habe sie im Jahre 1887 geschrieben. Aber auch Mirjams bezw. ihres Volkes Leiden bewegte mich bei der Konzeption des Werkes, und so entstand der erste Satz — keine Progrämmusik, was ich ausdrücklich betone — aber ein Stimmungsbild der Bedrückung, der Knechtschaft mit einzelnen Licht- und Hoffnungsblicken. In seiner Gesamthaltung düster, leidenschaftlich. „Das Volk bäumt sich auf in seiner Wut" (!) las ich einmal in einer Besprechung des -Werkes. Ter zweite Satz (Adagio) ift Mirjam selbst. In herrlicher Sommernacht, an den Ufern des Nils etwa, bekümmert vom Leiden ihres Volkes, vertraut sie ihren Schmerz, aber auch ihr Hoffen den Sternen an. Der dritte Satz: Die Flucht. In aller Stille und Eile folgen sich die Massen in dunkler Nacht, um dem Morgen der Befreiung entgegenzueilen. Im vierten Satz endlich die Freiheit. Sieges- und Freudengesänge durchbrausen die Luft. Wohl tauchen für Augenblicke Erinnerungen auf an die schwere Zeit, doch rasch werden sie verscheucht durch die Freude der Gegenwart und mit jubelnden Klängen endet die Sinfonie. Berlin, 14.' November 1909. Friedrich Gernsheim. i) Am 5. November wurde ein Sinfoniekonzert der Königlichen Kapelle Fr. Gernsheims, des bewährten Meisters, Symphonia „Mirjam" zur Aufführung gebracht. Das schöne, stimmungsvolle Werk erlangte wohlverdienten Erfolg. Ich wandte mich an den Komponisten mit der Bitte, mir einige Worte über die Entstehung seines Werkes und dessen Tendenz zu schreiben, soweit man bei künstlerischen Arbeiten von Tendenz sprechen kann, und freue mich, den Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" die obige Auseinandersetzung bieten zu können. Die Leser werden, gleich mir. Dank für den verehrten Mann empfinden, daß er meinem Wunsch so schnell entsprach. Wir geben in dieser Nummer sein Bild und eröffnen damit eine Reihe von Illustrationen, die wir möglichst regelmäßig fortzusetzen gedenken. L,. 6. Prof. Fr. Gernsheim» mm.

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