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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-26 · Heft 48 (26.11.1909) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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568 weniger als 4135 NewHörk selbst als ihr Reiseziel angegeben hatten Außerdem beabsichtigten 256 Einwanderer nach dem Staate Pennsylvania zu gehen, 170 nach Illinois, 242 nach New-Jersey und der Rest nach anderen Teilen der Vereinigten Staaten. Daß sich für Ke genannte Organisation ein weites Feld der Tätigkeit bietet, geht daraus hervor, daß nicht weniger als^ 3925 Einwanderer aus Rußland stammten. . . ■ * Derartige erfreuliche Nachrichten sind allerdings höchst selten. Die Lage unserer Glaubensgenossen ist in Rußland eine trostlose. Was Wunder, daß auch ihre ökonomische Lage immer schlimmer wird, darüber berichtet die „N. I. K." aus Wilna: »Die wirtschaftliche Lage der Juden im Ansiedlungsrayon wird immer trostloser. Tie Fabriken werden den jüdischen Arbeitern immer mehr geschlossen. Der Kleinhandel, auf den die Juden zum größten Teile angewiesen sind, wird durch die großen korporativen Gesellschaften beständig verdrängt. Auch die Lage der jüdischen Handwerker gestaltet sich immer trauriger. Es fehlt an genügenden Fachschulen und Kursen zur Ausbildung von jüdischen Handwerkern, so daß diese mit den gut organisierten nichtjüdischen Handwerkern nur schwer konkurrieren können. Das Schlimmste ist die in den jüdischen Massen herrschende allgemeine Mutlosigkeit, die eine energische Aufmunterung und Zusammenfassung der Kräfte nicht aufkommen läßt. Der unerträgliche politische und rechtliche Druck in Verbindung mit dem stetig wachsenden ökonomischen Elend haben in der jüdischen Bevölkerung eine lähmende Verzweiflung und Resignation erzeugt. Um so mehr ist es zu begrüßen, daß die hiesigen jüdischen Handwerker sich zu einem Verbände unter dem Namen „Hilfe durch Arbeit" zusammengeschlossen haben, um eine Selbsthilfe zu organisieren. Der Verband entfaltet eine rege, erfolgversprechende Wirksamkeit, und er erfreut sich der 'Sympathien weitester jüdischer Kreise. Die unter den jüdischen Arbeitern herrschende große Arbeitslosigkeit hat in einigen Orten, wie Warschau und Bjalistok, zu dem Bestreben geführt, jüdische Arbeiterfabriken auf genossenschaftlicher Basis zu begründen. Bisher konnte aber dieser aussichtsreiche Plan aus Mangel an Mitteln noch nicht verwirklicht werden. Es wäre sehr zu wünschen, daß die westlichen jüdischen philanthropischen Gesellschaften diesen Bestrebungen ihre ernste Aufmerksamkeit.widmen. Es handelt sich dabei um die Existenz und das Schicksal von Zehntausenden von Juden, die sonst allmählich in Elend und Entbehrungen zugrunde gehen!" Die einzige Hoffnung des Lichterwerdens innerhalb des Judentums und in seinem Verhältnis . zum Staat ist die Stärkung der Wissenschaft und die Belebung der Freiheit. Ob die erstere durch Werner Sombarts Vorlesungen „Judaismus und Kapitalismus", deren erster die Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschaftsleben zum Gegenstände hatte, sehr gefördert werden wird? Was die ausführlichen Zeitungsberichte über den Vortrag sagen, gibt doch kein rechtes Bild. Wenn der Redner den berüchtigten Finanzmann Law zu einem Juden macht und einen Satz braucht, wie den folgenden: „Amerika ist äußerlich und innerlich von den Juden erobert worden", wenn er „alle Lieferanten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts" Juden nennt (man denke nur an die Fugger, die Welser und die großen .italienischen christlichen Geldmänner!) so möchte man kaum glauben, daß diese Vorträge wirklich der Wissenschaft dienen. Aber über Reden eines Gelehrten von Ruf soll man nicht nach Zeitungsberichten urteilen, und es ist für die Würde dieser Zeitung angemessener, den gedruckten Wortlaut der Vorträge und die etwa darin enthaltenen Beweise abzuwarten, ' die für die vorgetragenen Behauptungen gegeben werden, ehe man billigt oder verurteilt. ' t Lieber betrachtet man, wie die Wissenschaft eifrig bemüht ist, das Dunkel vergangener Zeiten aufzuhellen. Sehr interessant ist daher folgende, der „Frankfurter Zeitung" entlehnte Notiz: „Zum erstenmal ist jetzt ein jüdischer Gelehrter an die Spitze einer großen westlichen wissenschaftlichen Institution in Jerusalem getreten. Professor P. Gottheit von der Columbia-Universität leitet in diesem Jahre die Amerikanische archäologische Schule in Jerusalem, wo er die amerikanische archäologische Tätigkeit zu dirigieren und zu gleicher Zeit amerikanische junge Archäologen in semitischen Literaturen, Sprachen und Folklore zu instruieren hat. - Das tzuarterl^ Statement be§ Palestine Exploration Fund hofft, daß durch diese Tätigkeit eines hervorragenden jüdischen Gelehrten das Interesse jüdischer Mäzene für das heilige Land auch in der Beziehung erweckt wird, daß sie auch die historische und archäologische Tätigkeit dort unterstützen und nicht allein humanitäre Zwecke in Kolonisations-, Kranken» und Armenunterstützung dort verfolgen. — Weiter sei aus diesem Heft noch' eine kurze Zusammenstellung erwähnt, die einen Zusammenhang der Philister mit Kreta durchaus zurückweist. Sie verdient Beachtung, namentlich in dem Augenblick, da Eduard Meyer die zu Phaistos gefundene Tonscheibe mit eingepreßten Schriftzeichen als von den Philistern herrührend bezeichnet hat und Kreta und Kaphtor identifiziert. Die in der Bibel mit den Philistern in Zusammenhang gebrachten Kaphtorim kommen nach dem Gewährsmann des kalestine Exploration Fund aus Kappadozien, wo eine semitische Bevölkerung neben den Hettitern, deren Abstammung noch bestritten ist, wohnte. Die mit beweglichen Typen beschriebene Tonplatte von Phaistos ist im letzten „Archäologischen, Anzeiger" abgebildet. Evans hält sie für nach Kreta importiert. Eines der Zeichen gibt einen eigenartig gewölbten Bau auf Stützen wieder, der Aehnlichkeit mit lhkischen Häusern und Gräbern hat. Das ließe doch auch auf kleinasiatische Herkunft der Phaistosplatte schließen. Der Kriegerkops mit der Federkrone, wie ihn die Pulesatha (Philister) und Shardana der Reliefs von Medinet Haber tragen, weist gewiß auf Philister, beweist aber nicht, daß Kaphtor und Kreta identisch sind, wenn auch der Tondiskus in Kreta gefunden wurde, dem übrigens von Karo religiöse Bedeutung zugeschrieben wird. £ Noch größeres Aufsehen erregt der folgende Bericht über die letzten Sitzungen der Aeademie des inscriptions in Paris: „Herr Navitte aus Genf hielt feine zweite Vorlesung über die Auffindung des Gesetzes unter Josias. Daran schloß sich eine lebhafte Erörterung, an der sich Philippe Berger und Theodor Reinach beteiligten. Jener bezweifelt die Richtigkeit einiger literarischer Folgerungen, erklärt aber gleichwohl, daß ihm die Navillesche Ansicht, das Gesetz sei in archaischer Schrift geschrieben gewesen, sehr gefallen habe. Der Vergleich mit Aegypten, wo später neben der alten Kirchenschrift des Hieroglyphischen die Volksschrift des Demotischen im Gebrauch war, sei schlagend. Dennoch müsse man erst neue Tatsachen abwarten, ehe man sich mit Schlüssen und Erwägungen weiter vorwage. Dieser bespricht besonders die Art der Auffindung des im Jahre 621 v. Chr. ans Licht getretenen Textes und meint, man solle nicht annehmen, die Schrift sei bei Wiederherstellungsarbeiten des Tempels in den Fundamenten gefunden worden. Näher liege es, an den Tempelschatz zu denken, der lange Zeit hindurch uneröffnet gelegen hat, sich immer mehr durch die Gaben der Gläubigen erweiternd. bis endlich der König seine Erbrechung befahl, damit Mittel zu den neuen Bauten geschafft würden. Dann spricht er noch über die Verlesung des Textes vor dem Könige." * Außer der Wissenschaft kann uns nur die Freiheit helfen. In liberal regierten Staaten — man sehe nur auf England, Nordamerika und trotz allem auch auf Frankreich — ergeht es den Juden unendlich viel besser als in den Staaten, die noch am starren System der Unfreiheit hängen. Darum ist in Deutschland jede freie Regung im politischen und kirchlichen

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