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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-26 · Heft 48 (26.11.1909) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 48 (26.11.1909)
Date
1909-11-26
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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besitzen, Privatstudien zeitlebens zu treiben) im Grunde nichts weiter sind, als Trägerinnen eines Titels, die sich durch nichts anderes als durch, die leere Bezeichnung voH ihren Schwestern unterscheiden. Ein materielles Proletariat, denn die Damen aus ärmeren Ständen -werdM, wenn nicht unsere Gesetzgebungeine ganz andere wird, schließlich fast noch hilfloser sein, als viele Männer. Nicht alle können Aerztinnen werden, nicht alle Lehrerinnen — wo sollen z. B. jüdische Oberlehrerinnen hin? — der Richter- und Verwaltungsdienst bleibt ihnen für absehbare Zeit verschloffen, und es dürfte über kurz oder lang gerade für diese Damen, die etwas gelernt haben und es betätigen wollen, ein viel schlimmeres Elend heranziehen, als für die, die sich bisher mit einer geringeren Bildung begnügten und doch nicht vorwärts kamen. Eine andere Tätigkeit jüdischer Frauen wird von vielen Männern geduldet, ja gefördert: der freiwillige Dienst in Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsvereinen. Man kann, hierfür auf leuchtende Vorbilder Hinweisen: auf Henriette Goldschmidt in Leipzig, eine der ersten Vorkämpferinnen der Bildungsbestrebungen, aus Frau Lina Morgenstern in Berlin, die Begründerin der Volksküchen und des Hausfrauenvereins, rund auf viele andere ausgezeichnete Frauen, die nicht nur mit Feder und Wort ungemein tätig waren und sind, sondern ihre gesamte Arbeitskraft den von ihnen gegründeten Institutionen jahrzehntelang gewidmet haben. Es gibt — glücklicherweise — in Berlin noch viele allgemeine Wohlfahrts- und Ünterstützungsvereine; Hauspflege, Letteverein, Unterrichts¬ und Erziehungsanstalten, wohltätige Gesellschaften, in denen jüdische Damen mit christlichen Zusammenwirken, es gibt gar manche unverheiratete, viele verheiratete Frauen, die ohne ihre Pflichten als Töchter oder als Gattinen und Mütter zu vernachlässigen, allgemeinen Angelegenheiten sich widmen. Und neben solchen nichtjüdischen Institutionen, in denen jüdische Damen mittätig sind, gibt es in den meisten kleinen Städten, um wieviel mehr in dem großen Berlin, zahlreiche rein jüdische Frauen- und Jungsrauenvereine zur Belehrung, Unterhaltung, Armenunterstützung, Kindergärten und ähnliche Anstalten. Eine solche Einrichtung braucht nicht empfohlen zuwerden, da sie schon segensreich besteht. Eher wäre ihre Beschränkung anzuraten, als ihre Vermehrung, denn ich für meine Person gestehe offen, daß ich solche Sonderung nach Konfessionen in Wohltätigkeitsdingen nicht liebe. So sehr ich die Chanukabescherung für empfehlenswert halte, so betrachte ich jüdische Kindergärten, Ferienkolonien eher für ein Uebel, als für einen Vorteil, weil durch solche Einrichtungen eine Trennung nach Konfessionen schon in einem Lebensalter hervorgerufen wird, dem sie besser noch erspart, bliebe. Woraus aber hingewiesen, was durchaus gefordert werden muß: das ist die Betätigung der Frauen in der Gemeinde. Ein kleiner Anfang dazu ist gemacht: im Armenwesen ist den Frauen eine kleine Rolle zugebilligt worden; auch in der Fürsorge sind Damen eifrig und erfolgreich tätig. Sonst aber stehen die Frauen noch vollkommen abseits. In dieser Beziehung ist die Stadt Berlin weiter, als die jüdische Gemeinde Berlin. Die „Vosstsche Zeitung" vom 5. November abends meldete, von einer Fürsorgedame im Berliner Polizeipräsidium, die bei dem Jugendgericht, bei den Vereinen von Amtswegen zu tun hat und die für die Vermittlung zwischen Behörde, und Vereinen im Polizeipräsidium täglich zwei Stunden lang Sprechstunde hält.! Kann; bjte Gemeinde nicht dieses löbliche Beispiel nachahmen? Wir besaßen und besitzen wohl noch Ehre'ndamen in unseren Waisenhäusern und in der Mädchenschule- (bei der Neueinrichtung unseres Krankenhauses soll diese Einrichtung leider abgeschafft werden), diese Damen haben über ausschließlich eine private, keine öffentliche Stellung: ich persönlich habe, obwohl ich bald zwei Jahrzehnte Mitglied des Schulvorstandes bin, noch nieckals eine dieser Ehrendamen amtieren gesehen; mit der Verwaltung der Schule baben sie nichts zu tun, an Beratungen über irgendwelche von der Gemeinde abhängigen Einrichtungen nehmen sie keinen Teil. Muß dies so bleiben? Wir haben an der Mädchenschule eine Anzahl festangestellter Lehrerinnen, manche Hilfskräfte, viele Hospitantinnen, wir besitzen einen Vorbereitungskursus für junge Damen, die sich dem Berus als Religionslehrerin widmen wollen, wir haben an unseren Gemeindereligionsschulen schon . manche junge Mädchen angestellt, teils solche, die in dieser Vorbereitungsanstalt ausgebildet sind, teils solche, die ihre Bildung anderwärts gewonnen haben. (Ich sage absichtlich ,Mädchen", denn bei der Verheiratung solcher Lehrerinnen hört die Anstellung im allgemeinen auf, Ausnahmen, die man von dieser Regel macht, haben keinen glänzenden Erfolg.) Wäre es für alle diese Lehrerinnen und Anwärterinnen nicht äußerst vorteilhaft, wenn sie. die sich gewiß weder über den Direktor noch über die Mitglieder des Schulvorstandes irgendwie zu beklagen haben, sondern allen Grund besitzen, die treue Sorge des einen und die rastlose Arbeit der anderen anzuerkennen, wenn sie sich gelegentlich an eine Dame als Vorgesetzte wenden könnten? Es kommen gewiß Fälle vor, wo Geschlechtsgenossinnen eher in der Lage sind, einen Rat zu erteilen oder durch Zuspruch einen augenblicklichen Trost zu gewähren. Ich würde es daher nicht nur für kein Unglück, sondern geradezu für ein Glück halten, wenn eine feinsinnige, edel-, denkende, gebildete, vielleicht: sogar studierte Dame — obgleich auf das letztere das Hauptgewicht nicht zu legen ist -- Mitglied des Schulvorstandes würde. Sie würde nicht nur bei persönlichen Angelegenheiten der Lehrerinnen.^ sondern auch bei technischen und pädagogischen Fragen reichen Anlaß zur Betätigung ihrer Kraft finden. Auch im Armen- und Fürsorgedienst könnte den Frauen ein weit größerer Wirkungskreis zugewiesen werden. Wie bei der Zentrale für soziale Fürsorge (der ehemaligen Auskunftsstelle für ethische Kultur) gar manche jüdische Frauen und Mädchen — deren Tätigkeit ich in keiner Weife beschränken will, sondern wie oben ausgeführt, als Zeugnis gemeinsamen Wirkens beider Konfessionen für höchst ersprießlich, ja notwendig halte — in die Häuser selbst entlegener Stadtteile gehen, um Recherchen zu machen, so könnte eine ähnliche Einrichtung gerade im jüdischen Armendienst von außerordentlichstem Nutzen sein. Schriftliche Bittgesuche, persönliche Vorstellungen, namentlich verschämter Armen, bei den überlasteten Mitgliedern, hauptsächlich der Großgemeinden, haben nicht immer den Nutzen, den sie haben sollen. Wenn Frauen dagegen selbst in die Häuser gingen, Frauen, die in diesen Dingen viel schärfer sehen als Männer, und denen, namentlich von feiten der armen Frauen viel mehr anvertraut, weit eher das richtige offenbart, wird, als den Männern, wenn sie sich überzeugen könnten, ob die schriftlichen Angaben zutreffend sind, wenn sie zu untersuchen vermöchten, auf welche Weise geholfen werden kann, so würden sie vielleicht imstande seineine rationellere Verteilung der Almosen vorzunehmen, so würden sie vermutlich

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