Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228900--66025-3278183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
*** Berlin, 15. November. In den: Bericht über die Feier der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin ist zu berichtigen: 1. Nicht der Vizepräside des Provinzialschulkollegiums, Herr . Dr. Mager, sondern der Provinzialschulrat Herr Ullmann hat die Ansprache gehalten. 2. Der Anstalt ist nicht das Recht einer eigenen Entlassungsprüsung zuerkannt worden — das hat sie bisher schon besessen — sondern das Recht, daß die Prüfungskommission durch einen Kommissar des Königlichen Provinzialschulkollegiums als Vorsitzenden, den.Direktor und die Lehrer der Anstalt gebildet wird. — Als Abschluß der Feierlichkeiten anläßlich des 50 jährigen Bestehens der Lehrerbildungsanstalt fand am d. M. abends ein Festessen mit anschließendem Kommers statt,, .an dem sich etwa 150 Personen beteiligten. Nach Begrüßung der Erschienenen durch Sanitätsrat Dr. Stern brachte Direktor Dr. Holzmann den Kaisertoast aus. — Geheimrat Professor Geiger faßte noch einmal die Verdienste des Direktors zusammen, gratulierte der Anstalt zu einem solchen tüchtigen Pädagogen und brachte auf ihn ein Hoch aus. - Nachdem noch Dr. Engelmann auf das Vergnügungskomitee, Herr Flatauer auf die Damen getoastet hatten, ergriff Herr Becker-Wollstein das Wort, um die Glückwünsche des Verbandes der südi chcn Lehrer der Ostprovinzen zu übermitteln. Es folgte noch eine ganze Reihe von Toasten, dann trat die Fidelitas in ihr Recht. *.* Berlin, 14, November. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 11. d. M. Herr Rabbiner Dr. Grunwald aus Wien über „Juden als Erfinder und Entdecker". Auf Grund wissenschaftlichen Materials wies der Vortragende nach, daß die Juden schon in uralter Zeit auf allen Gebieten der Wissenschaft Großes und Unvergängliches geleistet haben. Mit dem Eintritt in die moderne Kultur fanden sie erst recht reichlich Gelegenheit, ihre schöpferische Kraft in den verschiedensten Wissenszweigen zu entfalten und so manche Erfindung, insbesondere auf den Gebieten der Medizin, Astronomie und Chemie, in den Dienst der fortschreitenden Menschheit zu stellen. Auch die moderne Technik verdankt so manche Entdeckung und Neugestaltung den.Söhnen des jüdischen Stammes, dem eine Zeitlang jede originelle schöpferische Kraft, jede erfinderische Begabung abgesprochen wurde. Reicher Beifall lohnte den Redner für feine lehrreichen, interessanten Ausführungen. — Aus den auswärtigen Vereinen: In Hamburg sprach Rabbiner Dr. Löwenthal über „Leben und Lehren auf den Hochschulen in Babylon"; in Düsseldorf Fräulein Käthe Rosenberg: „Rezitationen aus der Bibel"; in Gütersloh Seminarlehrer Plaut-Münster über „Die zionistische Bewegung"; in Frankfurt a. M. Rabbiner Tr. Jacob Horonitz über „Die Stellung der Propheten zum Gesetz und insbesondere zum Opfer"; in Köln a. Rh. Oberlehrer Dr. Guido Neumann: „Gibt'S eine rein jüdische Kunst"; in Bonn a. Rh. Rabbiner Dr. Kalischer: a) „Gedenkfeier auf Dr. Karpeles," b) „Die Breslauer Tagung des Verbandes der deutschen Juden"; in Geestemünde Herr Martin Wolfs: „Gedächtnisrede aus Dr. Karpeles"; Prediger Bachenheimer: „Aus dem Melodienschatze der Synagogengesänge", mit Demonstrationen auf einem Grammophon. In den Literaturvereinen des Thüringer Verbandes sprach Herr Schp',ststeller Tabins Schach und zwarinKoburg über „Moderne soziale und ethische Ausgaben im Judentum", in Eisenach über „Der Jargon und seine Literatur", in Erfurt und Gotha über „Die moderne Frauensrage und das jüdische Weib". In Lauenburg i. Pom. sprach Rabbiner Dr. Salomon über „Moses Mendelssohn"; in Könitz, Schlochau und Pr.-Friedland Kantor Meisel aus Danzig über: „Unsere synagogalen Melodien"; in Lissa i. P. Justizrat Nürnberg: „Gedächtnisrede auf Karpeles", Fräillein Landau, über „Perlen der Poesie aus der jüdischen Geschichte und Literatur". Eine erhebende Karpeles-Gedächtnisfeier veranstaltete der Verein in Kattowitz. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. Braunschweiger. Vorher sprach Fräulein Nothmann sehrwirkungsvoll einen von Rechtsanwalt Danziger -verfaßten Prolog. Eine besonders weihevolle Stimmung verliehen der Feier die von Herrn Oberkantor Singer meisterhaft vorgetragenen Gesänge. Auch in den anderen den: oberschlesischen Verbände angeschlossenen Vereinen wurde der erste Vortragsabend mit einer Gedenkrede auf Karpeles eingeleitet. In Königshütte sprach Rabbiner Dr. Gold mann-Oppeln über „Taufjuden und Judentaufen"; in Mhslowitz Rabbiner Dr. Braunschweiger-Kattowitz: „KulturhistorischeBilder aus der Geschichte der Juden Deutschlands im frühen Mittelalter"; derselbe in Gr.-Strehi'tz über „M. E Kuh/ ein schlesischer Satyriker". In Königsberg i. Pr. sprach Rabbiner Dr. Silberstein-Elbing über „Denkmäler ältester Zeit zur Geschichte Israels"; in Nordhausen Dr. H. Loewe über „Kulturelle Streifzüge im jüdischen Orient"; in Ludwigshafen a. Rh. Rabbiner Dr. T an z e r - Göppingen über „Arbeit und Arbeiter im Judentum"; in Neustettin Kaufmann M. Wolffberg: Gedächtnisrede auf Karpeles; Kantor Boß über „Frauenemanzipation und Ehe im Judentum". Ein neuer Verein ist in Herford i. W. begründet worden. — Berlin, 15. November. Vom Berliner Komitee zur Vorbereitung eines Kongresses für hebräische Sprache und Kultur erhalten wir folgende Mitteilung: Mit Rücksicht auf die großen Ziele, die der angekündigte Kongreß für -hebräische Sprache und Kultur zu erreichen strebt, hat das vorbereitende Komitee in einer besonderen Beratung auf Grund eigener Erfahrungen und verschiedener Zuschriften den einstimmigen Beschluß gefaßt. . für die Tagung des Kongresses statt des Dezembers den Sommer 1910 zu wählen und vorläufig für den 19. Dezember d. I. und die folgenden Tage eine große Konferenz in Berlin einzuberufen, die nicht nuv die Durchführung des Kongresses, sondern auch bereits alle Organisationsarbeiten in die Hand nehmen soll.. Wenn es uns anfangs schien, als ob sich die Zeit kurz vor oder-nach dem Zionistenkongreß für den hebräischen besonders eigne, da. ein erheblicher Teil der zionistischen Delegierten an ihm teilzunehmen beabsichtigt, so haben wir uns bald von den schweren Bedenken überzeugen müssen, die der praktischen Verwirklichung unserer Absicht gerade zu dieser Zeit im Wege stehen. . Mit unserem Beschluß glauben wir darum die Ansichten der Majorität derer, welche für unsere Bestrebungen wirken wollen, getroffen zu haben, und eine Rundfrage bei den Unterzeichneten des ersten Appells hat unsere Voraussetzung . bestätigt. Die Konferenz jedoch, die in etwa einem Monat vom 19. bis 21. Dezember (in den Sophiensälen in Berlin, Sophienstr. 17/18) stattfindet, wird die Aufgabe haben, bereits in diesem Winter zu einer großangelegten, organisatorischen Arbeit . überzugehen, um. dem .Sommerkongresse mehrere wichtige Unternehmungen zur Sanktionierung.vorzulegen. Alle diejenigen, die mit! uns in Verbindung getreten sind, werden wir von Zeit zu Zeit durch spezielle Mitteilungen vom weiteren Gang unserer Arbeit auf dem laufenden halten. 8. Berlin, 13. November. Zu dem vom „Verein zur Bekleidung armer jüdischer Kinder" (E. V.) veranstalteten Wohltätigkeitsfest hatte sich ein außerordentlich zahlreiches Publikum eingefunden, welches heute abend den großen Saal dev Philharmonie fast bi§ auf den letzten Platz füllte. Das vorangehende Künstlerkonzert bot ein Programm von auserlesenen Genüssen. Den instrumentellen Teil füllten die Herren Eisenberger, Professor Dessau und Professor Grünfeld mit dem Walzermärchen (op. 54) von Schütt und der Straußschen Suite in Tanzform aus; beide Darbietungen brachten ihnen eine reiche Beifallsernte. Dann folgte der gesangliche Teil. Herr Hofsmaun sang in vollendeter Weise den Prolog aus „Bajazzi", Frau D en era die Arie der Elisabeth aus „Tannhäuser" („Dich, teure Halle, grüß ich wieder") und Herr Rudolf Berger die Grals-Erzählung aus „Lohengrin". Frau Jenny Heß- Alexander brachte mit großer Wirkung das Siegeslied Judiths von Heinrich van Ehken, das Brahmsscke Lied „Von ewiger Liebe" und Tom der Reimer von Carl Löwe zur Ausführung; besonders das letzte Lied gelang ihr vorzüglich. Geradezu jubelnden Beifall des begeisterten Auditoriums löste dann noch der Schlußakt aus „Margarethe" von Gounod aus, der von Frau Denera, Herrn Berger (Faust) und Herrn Ploth ow (Mephisto) in wunderbarer Präzision und Klangschönheit gesungen wurde. Eine große Tombola, welche von den ersten hiesigen Firmen und Theatern auf das reichste in liebenswürdiger Weise ausgestattetworden war, hielt die angeregten Gemüter in Spannung. Nach dem Konzert kam auch die tanzfrohe Jugend zu ihrem Recht, welches sie reichlich lange ausnutzte. Um 1 Uhr wurde ein für den Verein in liebenswürdiger Weise vom Marinemaler C. Schön gestiftetes Original-Oelgemälde im Oberlichtsaale zur Versteigerung gebracht. Hoffentlich hat der Erfolg den Erwartungen des Vorstandes entsprochen, und kann ein recht reichlicher Ueberschuß den Zwecken des segensreichen Werkes zugesührt werden.