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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 564 (sequence 12)
Language
German
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564 Sie trocknete die Hände an ihrem Tuch und folgte ihm langsam. v . Die zwei anderen gingen, jeder für sich, trotzig hinterdrein. Erstarrte sie mit heimlichem Grauen an. Was hatte er in sein Haus gebracht? ' 7 Sie lächelte demütig. „Ich bin so wie alle. Nur ärmer, verlassener. Nicht anders, als die anderen." Er erzählte am anderen Tag: „Sie ist wie alle/' Sie glaubten ihm's nicht. Ihre langen Wimpern lagen auf den Wangen, keinen sah sie an. Sie fürchtete diese forschenden, grabenden Augen, diese stumme, tierische Wut in den Blicken der Frauen. (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. — Wölbe, „Moses Montefiore". Verlag von Louis Lamm/ Berlin 1909. (Preis 2.-50 Mark. 147 Seiten.) — Als am 27. Oktober 1884 Sir Moses Montefiore die Gnade zuteil wurde, in verhältnismäßiger Frische und.Rüstigkeit des Geistes wie des Körpers den hundertsten Geburtstag zu feiern, erschien ein in englischer Sprache geschriebenes Lebensbild von Mr. Israel Davis, das von Dr Julius Fiebermann in glattem und flüssigem Stil ins Deutsche übertragen wurde und als Separatabdruck aus der „Jüdischeil Presse" wohlverdienten Absatz fand. — Oberlehrer Dr. Wölbe, der sich durch eine Reihe rasch aufeinanderfolgender Iügendschriften sehr vorteilhaft als Schriftsteller einführte, und dessen „Major Burg" soeben bereits in zweiter Auflage erschien, hatte den guten Gedanken, diesem Helden des Menschentums ein würdiges Denkmal zu setzen in Gestalt einer flott und an«- ziehend geschriebenen Biographie aus besonderem Anlaß der Jubelfeier des 25 jährigen Bestehens der Montefiore-Loge. Wölbe zeigt sich auch hier wiederum als ein außerordentlich gewandter Stilist und belesener Historiker. Es ist nicht leicht, der Fassungskraft der Kinder gerecht zu werden und dabei auch Erwachsene nicht zu langweilen. Diese Fähigkeit besitzt der Verfasser in hohem Maße. Dazu kommt noch, daß ihn, ein warmer Herzenston, der Ton schlichter Frömmigkeit eigen ist, was sich darin zeigt, daß über das ganze Büchlein eine wohltuende religiöse Weihe ausgegossen ist. nicht frömmelnd, sondern wirklich echt empfunden. Wölbe hat selber ein Kindergemüt und kann mit seinem psychologischen Verständnis nachempfinden. Er weis; sehr wohl, daß das Rührselige, stark Moralisierende in Jugendschristcn aus der Zeit der Nieritz, Kühne, Hoffmann sich überlebt hat und vor dem Forum der heutigen Pädagogik nicht mehr bestehen kann. Er verfällt daher auch nicht in den Fehler dersichunnatürlich und gewaltsam aufdrängenden Moral und reflektiert weniger. Auch über die Kunst, aus tagebuchartigen, flüchtig hingeworsenen und nur knapp und dürftig skizzierten Aufzeichnungen ein packendes und anschauliches Gesamtbild zu konstruieren, verfügt er in meisterhafter Weise. Er hat auch hier wiederum „ausgegraben", aber außerordentlich vorsichtig und in weiser Beschränkung. Er hält sich vorzugsweise an die, einen Zeitraum von 70 Jahren umfassenden Tagebücher seines Helden, die von einem Freunde der Familie, Dr Löwe, in zwei Bänden 1890 hcrausgegeben wurden. Viel besser als bei „Major Burg" hat er diesmal für eine übersichtliche, auch rein äußerliche Gliederung des Stoffs gesorgt und sehr zweckentsprechend auf den Kern der Kapitel hinweisende Ueberschriften gefunden. Von trefflich gewählten, der Bibel wie den vaterländischen Dichtern entlehnten Zitaten, die der Situation stets entsprechen und Stimmung erzeugen, macht er gern und häufig Gebrauch. Etwas überflüssig könnte das, obwohl in sehr guter freier Uebersetzung gleichsam als „Stimmungsbild" beigegebene „Lied vom braven Weibe" (S. 14/15) erscheinen, während das Kompertsche Gedicht aufs „jüdische Herz" (S. 1/2) als Einführung wohl am Platze ist. Das.Buch füllt eine längst empfundene Lücke aus und bedeutet eine wertvolle Bereicherung . unserer Jugendliteratur. Was könnte auch wohl die Jugend gewaltiger anzichen, was mächtiger aus sie cinwirken, als das Bild eines Mannes, dessen ganzes Leben ein Einsetzen seiner Person für die allgemeinen Menschenrechte und besonders für die seiner unterdrückten Glaubensgenossen auf dem weiten Erdenrund bedeutet; eines Mannes, der seinen durch Werke der Liebe und Barmherzigkeiten mit: der Zeit gewonnenen Einfluß dazu benutzte, Bittsteller und Mittler vor hohen und allerhöchsten Personen zu sein für die in ihren Rechten Gekränkten und Unterdrückten; eines Mannes endlich, der seinen Reichtum dazu verwandte, die Not und das Elend seiner Mitmenschen ohne Unterschied des Glaubens zu lindern und dabei für seine eigene Person ein Muster von Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit war. Sein Bild zeichnen — heißt das Bild eines wahrhaft Gerechten zeichnen und im gewissen Sinne einen befruchtenden Religionsunterricht erteilen. Abgesehen von Dr. M. Lewin, der in gerechter Würdigung in seinem Lehrbuch der jüdischen Geschichte in älterer Auflage ihn auf zehn. Seiten — in der neueren, gekürzten, auch noch auf sechs Seiten — also recht ausführlich behandelt, kommt er bei den anderen Darstellern, so z. B. bei Bäck, Braun, Cassel, selbst bei Graetz, viel zu kurz. Erst Philippson im zweiten Bande seiner neuesten Geschichte hat für ihn bei Gelegenheit der Damaskus-Ausschreitungen mehr Raum. Daher ist diese neueste Gabe Wolbes mit um so größerer Freude zu begrüßen; sie wird sicherlich der jüdischen Jugend eine sehr willkommene Schulprämie sein. Das Buch repräsentiert sich sehr vornehm. Auf holzfreiem Papier in großen Typen sorgfältig gedruckt, vereinigt es Solidität und Eleganz des Einbandes und ist mit 2.50 Mark in dieser vorzüglichen Ausstattung als nicht unangemessen im Preise anznseljeu. Wir können nur empfehlend für das Buch eintreten und ihm segensreichen Erfolg wünschen. Ter Verfasser hatte es bereits vor Jahresfrist fertiggestellt, wartete jedoch mit der Veröffentlichung desselben, auf Wunsch der Loge, bis zum Jubiläum derselben. Bei einer Neuauflage wäre eine größere Berücksichtigung Cremieux', des späteren Staatsministers jüdischen Glaubens, erwünscht. Beide Männer gehören aufs engste zusammen, und Gelegenheit wäre geboten, ihn im XI. Kapitel etwas mehr hcrvortreten zu lassen. Doch auch Munk, der bedeutende jüdische Gelehrte und hervorragende Arabist/ der zu den Reisebegleitern Montefiores nach Damaskus gehörte, ist erwähnenswert. Sehr ungern vermisse ich eine Wiedergabe des Bildnisses der Lady Judith Montefiore wie des so charakteristischen Wappens und Namenszuges, wie es sich selbst im vorerwähnten sehr wohlfeilen Büchlein von Fiebermann findet und einen sehr hübschen Buchschmuck abgeben würde. A. Auerbach. — Eine Arbeit über Syna gogalwusik von William Wolf. Herr Prof. William Wolf hat im Lause der letzten Jahre eine größere Arbeit über unsere religiöse Musik vollendet, welche eine außerordentlich wertvolle Forschung auf diesem Gebiete darstellt. Er nennt sie: „Grundzüge einer Geschichte der Synagogalmusik nebst Hypothesen über älteste Musiksysteme". Durch seine lauggepflegte, intime Bekanntschaft mit den traditionellen Synagogalgesängen, im Bunde mit seinen musikgeschichtlichen Kenntnissen, hat sich ihm allmählich ein deutliches und abgerundetes Bild von der Herkunft dieser alten Tonweisen und von den mannigfaltigen alten und uralten Tonsystemen, auf denen diese Melodien gegründet sind, gestaltet. Er hat seine Untersuchungen zunächst in die Form eines Vortrages gekleidet, welchen er am 23. Oktober vor einer Versammlung der „Internationalen. Musikgesellschaft" vorlas, indem er zugleich von allem Bezüglichen klingende Demonstrationen gab und auch durch gedruckte Beispielblätter-das Gesagte anschaulich machte. Wolfs Arbeit wird durch den Druck veröffentlicht werden, und wird dann die Gelegenheit geboten sein, auf seine interessanten Ausführungen im einzelnen einzugehen. A. Friedmann-Berlin. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwiv >n Berlin

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