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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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Die Nacht machte gut, was der Tag an ihr verschuldete. Die Nachtdie Königin der Geächteten, legte ihr heimliche Diademe aufs Kissen. : Eines Abends mußte sie vor einem Mahl den Gästen die Füße , waschen. Ein Fürstensohn, der an der Tafel lagerte, verschüttete bei ihrem Nahen den Inhalt des Kelches, aus deiner dem Sabbat Willkommen trinken wollte. : . . Sie neigte sich demütig auf die Füße des Gastes. Die Herrin winkte erzürnt, daß sie hinausgehe. „Sie ist wie der Abendstern," stammelte er. „Woher hast Du sie?" „Mein Bruder hat sie vom Weg aufgqlesen." Thirzas Augen funkelten vor Zorn. „Sie ist häßlich wie eine Kröte. Hager und knochig." Die Männer nickten mechanisch. „Hager und knochig." Sie waren auf einmal versonnen geworden. Draußen erklang e§ wie; von hundert Glöckchen.. Eine Karawane zog vorüber. Der junge Fürst sprang auf,, um hinauszusehen. Einer, auf dem Thirzas blaue Augen befehlend geruht hatten, ging ihm nach. Der Fürst kam nicht wieder. Auch Lo-Ruhama nicht. Des Fürsten.Haupt fand man hundert Schritte unterhalb des Brunnens. Der, auf dem die blauen Augen geruht hatten> hatte Lo- Ruhama hart an der Hand gefaßt. Er fah sie an. Er hatte sie noch nie angesehen. Seine Brauen rückten näher zusammen. Etwas Kaltes strich über seinen Rücken hin. Dann stieß 'w sie von sich. . Er hatte einmal in Aegypten drüben, in einem Tempel gebetet. Sie trug das Antlitz der Göttin dort. Feierlich, hehr, fremd, ein sonderbares Glänzen auf der niederen Stirn. Er ging zu der Blauäugigen hinein und sagte trotzig: „Die nicht. Sie hat einen mächtigen Geist in sich.' Entlasse sie gütlich. Verdirb Dir's nicht mit ihr." Thirza sagte rauh: „Dann wenigstens nicht zu meinem Schaden. Ich habe viel in sie hineingefüttert. Suck/ sie mir zu verkaufen." Er Preßte die Lippen aufeinander. . Er schlief die ganze Nacht nicht. Wenn ich wüßte, wer sie ist, woher sie kommt. In jenem Stamm nämlich fragte man nicht nach dem Menschen selbst, sondern nach dem, was sein Vater gewesen war. Da aber Lo-Nuhamas Herkunft in Dunkel gehüllt war, kamen nur Gedanken des Mißtrauens gegen sie auf. Sie muß fort, dachte er, sie macht mich unruhig, aber töten will ich sie nicht. Er schickte sie zu seiner Muhme, drei Meilen weit von hier. Die Muhme litt am Aussatz. Lo-Ruhama sollte sie pflegen. Als die Muhme Lo-Ruhamas Augen auf sich ruhen fühlte, brüllte sie vor Zorn und befahl ihr, sofort zu gehen. Doch fand sie ein anderes Unterkommen im Ort. Eine blinde Frau nahm sie auf. Lo-Ruhama tat still alles, was man verlangte. Sie kochte, wusch und scheuerte und badete, tyw Herrin. „Bist Du wirklich so häßlich?" fragte einmal; die Frau. „Mein Mann erzählt mir. Du seiest das häßlichste Geschöpf, das er je gesehen habe." „Ich weiß es nicht." Die weiche Stimme der Magd klang traurig. „Ick, bin eine heimatlose Waise. Niemand hat mir noch ein gutes Wort gesagt, deshalb bin. ich wohl so häßlich." : Die an der Blauäugigen Gastmahl sie „hager und knochig" gefunden hatten, kamen herüber und suchten ihr zu begegnen, wenn sie aüsgiug: Und sie vergaßen, das Wort auf den Lippen auszusprecheri. wenn Lo-Ruhama an ihnen vörbeischritt.- Nicht daß sie'ihnen gefallen hätte, sie glotzten sie nur an und ließen sich von fremden Schauern durchrütteln. ' Wenn man wüßte, wer ihr Väter war. Einer aus einem anderen Stamm zuckte die Schultern. Bei ihm fragte man nicht, wer ist der Vater, sondern wieviele hundert Hammel hat der Vater, um jemandes Wert danach zu bemessen? Hatte sie einen Vater? Wo warer? Wieviel Hammel hatte er? ' Lo-Ruhama senkte kindlich die Augen vor den forschenden Blicken der Männer. Sie zog das Tuch tiefer ins Gesicht. Sie hatte langes, dichtes Haupthaar, aus dessen Schwarz Purpur glomm. Sie schämte sich seiner Fülle, seiner Farbe und verbarg es. Aber einer, der durch die Luke ihres Kämmerleins lugte, sah es einmal in seiner Schönheit prangen und erzählte es den anderen. Aehnliches sah ich nie, , fügte er hinzu. Er lauerte ihr auf und umklammerte ihre Hände. - „Ich kann Dich zertreten, wenn ich will, kein Hündlein wird nach Dir rufen." „Gewiß kannst Du das," ihre Stimme klang unendlich sanft, „kein Hündlein wird nach mir rufen." Sie richtete die Augen ruhig aus ihn. „Wie viele hast Du schon gehabt?" zischte er, „gefteiy es." „Du sagst ja selbst, daß kein Hündlein nach mir ruft," erwiderte,sie mild. , — ’;j Ihm war es, als ob die Lust ringsum weinte. „Wer bist Du denn nur, weißt Du nichts über Deine Herkunft?" „Nichts." Am Brunnen riß einer ihr das Tuch vom Kopfe. So also sah ihr Haar aus. „Du gleichst einer Besessenen." Sie zog ihr Tuch wieder hoch. „Ich lege niemand etwas in. den Weg und tue meinen Dienst." . „Weshalb bist Du anders als alle anderen Weiber," herrscht sie einer an. Sie erhebt die Augen nicht vom Boden und schweigt. Schnee, vom Libanon ist heiß im Vergleich zu ihr; Tauben gleichen zornigen Schlangen neben ihr; Geheimnisse verblassen vor dem Geheimnis, das sie selbst ist. „Töten wir sie," sagten die Männer des Ortes, „sie macht uns unruhig." Etwa drei folgten ihr, als sie an den Bach ging um zu waschen. Der eine sah sie anund begann zu weinen. Der Zweite umfaßte sein Amulett und überlegte die Rede, die er an sie richten wollte. Der Dritte zögerte, unschlüssig, was er tun sollte. Dann trat er zu ihr und warf einen Strick um sie. ~ „Ich hübe mit Deiner Herrin geredet, folge mir in mein Haus." , Es war der, der ihr früher das Leben geschenkt hatte. Sie richtete sich aus ihrer gebückten Stellung auf. „Soll ich die Wäsche noch fertig machen?" . . Er wehrte: „Laß sie stehen."

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