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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 damaligen Zeit, im Rufe besonderer Sicherheit standen und daher zur Aufbewahrüng von Wertsachen benutzt wurden. Tulliäns Gefährte war der berühmte „Studentenfriedrich", ein ehemaliger Militär, der es im nordischen Kriege bis zum Adjutanten gebracht hatte; als Knabe warmer aus der hohen Schule in Ältenburg entwichen, nachdem er mit einem Buche nach dem Kantor geworfen hatte. Das gestohlene Gut würde zu den Juden gebracht, die man beim Handel zu übervorteilen suchte. So wurde einmal ein üus der Kirche in Wurzen gestohlenes silbernes Kruzifix für vierzehn Taler das Pfund an Leipziger Juden verläuft, die Studentensriedrich um vier Pfund beim Wiegen betrog. Ein anderes Mal kamen die Räuber nach Halle, um an Assur Marx Beute zu verkaufen, der schon mit Nickel List in Geschäftsverbindung gestanden hatte. Da er nicht zu Haufe war, - verkauften sie die Sächen an seine Frau und betrogen sie derartig, daß Assur Marx ihnen nachsetzte, den ehrlichen Mann spielte und sie verhaften ließ; sie entkamen aber, nachdem sie die Tortur ausgehalten hatten, aus dem Gefängnis. Jene wilden Zeiten sind lange vorüber. Richter und Gerichtete, die verwegenen Räuber und ihre jüdischen Spießgesellen deckt der Rasen. Aus dem Gedächtnis der Menschen sind sie verschwunden. Nur in den Bibliotheken bleibt wohl noch gelegentlich das Auge des Forschers an einigen vom Alter vergilbten und leicht vermoderten Büchern haften, unter deren schweinsledernen Deckeln sonderbare Kunde sich birgt. Aber es ist doch nicht alle Erinnerung an die gesetzlosen Gesellen getilgt. Mitten unter uns lebt etwas, das der friedliche Bürger nicht kennt, ein fremdes Clement, das dem Lichte feind ist, eine fremde Sprache, die aus tausend Sprachen gleichsam mosaikartig sich zusammengefunden hat. &a§ ift Kochemer Loschen, bie Gaunersprache, die in jenen Zeitew zuerst gehört wurden „Ein organisch gegliederter Bau," sägt Hans Groß, der erste praktische Kriminalist unserer Zeit, mein hochverehrter Lehrer, „ein organisch gegliederter Bau von Geheimnisvollem und Kindlich-Unentwickeltem, von Umschreibungen und Andeutungen, von Unwahrem, Falschem und Geändertem, von Spott und Ironie, von Aalglattem und Unfaßbarem; sinnlich roh, widerstrebend; kosmopolitisch und strenge sich abschließend; überall verstanden und ohne Heimat. Wer einst das Buch schreibt über die Psychologie der Sprachen, der schreibe drin auch ein großes Kapitel von der Psychopathie der Sprachen: die Gaunersprache." Schon einige der Räuber, von denen hier berichtet wurde, haben ihren Richtern erzählt,, daß die Sprache, deren sie sich untereinander und im Verkehr mit den jüdischen Hehlern zu bedienen pflegten, aus dem Hebräischen komme. Auch die heutige Gaunersprache enthält eine große Menge von Worten, die ihren Ursprung deutlich erkennen lassen. Es können hier nur einige Stichproben gegeben werden. Einzelne Worte mit derselben Bedeutung wie im Jargon — denn aus diesem als der. Umgangssprache und nicht aus dem reinen Hebräischen sind sie zu den Gaunern gelangt — sind: acheln firc. effen,-aschkenas für Deutsch, bais für Haus, bar für Sohn, chayes für Leben, dafnen für beten, emmes für Wahrheit (Geständnis), gallach für Priester, gannew für Dieb, gomol für Kamel, jom für Tag, kalle. für Braut (auch in einem anderen weniger legitimen Sinne), makkes für Hiebe, lewone für Mond. Andere Worte haben eine andere Bedeutung. So ist scbadcbeu für Kuppler, scbmuesgeld für Kuppellohn, miscbpocbs für Diebesban.de, Polizei und. die Gesamtheit der Insassen einer Strafanstalt im Gebrauch; aebiob heißt „leider" und. bezeichnet als Substantiv einen Gimpel oder Tölpel, der beim Stehlen nur zu minderwertigen Leistungen verwendbar ist' Uebmdsebe ist eine große Eisenstange zum Einbrechen, rebtauweie obes rebbe loweie eine große Brechstange. Ferner sind Wortverbindungen in großer Zahl nachzuweisen. Treefe fallen heißt auf frischer Tat ertappt werden, Ie>vone machen ein rundes. Loch in eine Tür machen; aschkenas loseben heißt deutsch sprechen, sebippermalke (von malke, Königin) ist eine Zierpuppe, serakbajes eine Branntweinschenke. Diese Proben, welche sich leicht vermehren lassen, dürften eine Uebersicht über den ungeheuren Umfang geben, den seinerzeit das jüdische Gaunertum in Deutschland gehabt hat. LoMuhams. Eine Skizze von Maria Janitschek. Unter den Besiegten, die Kedor-Laomors Krieger nach Elam schleppten, befand sich auch die Frau eines Fellhändlers. Ein Kind im Arm, brach sie unterwegs zusammen und starb. Niemand wußte, ob dieses Kind ihr Kind war oder einer Schwester oder Freundin gehörte, die es ihr zur Obhut übergeben hatte. Ein Walker nahm sich des Kindes an und gab es seiner Frau. Die liebte es, fo lange es klein und zierlich und ein Spielkind war. Als es aber zu erwachsen begann, und die Nacht, seiner Augen feierlich und rätselhaft wurde, stieß sie es hinaus. Andere Hände langten nach ihm, behielten es eine Zeitlang und wiesen ihm dann die Tür. Es trieb sich mit einer zerstreuten Herde draußen auf der braunen Steppe umher. Durchziehende Händler sahen es, einer hob es zu sich aufs Kamel und nahm es mit in die Ferne. „Wer bist Du?" fragte er unterwegs. Da sah das Kind, mit den wundersamen Nachtaugen ihn an und-schüttelte den Kops. Und er nannte es Lo-Ruhama, die Gnadenlose, und brachte es seiner Schwester. Die galt als die schönste Frau des Stammes. Sie war klein und hell und fett. In ihrem Haus roch es nach Salben und Kräutern. Fünf hohe Palmen wuchsen dävor. Es war das reichste Haus im Ort. Der Brüder zog weiter. , Das Kind hatte eine neue Herrin erhalten. Es mußte scheuern und waschen, kochen und die Gänse rupfen, wenn Thirza ein Gastmahl gab. Es wurde geschlagen und gestoßen, hin- und hergeschickt. Galt es, ein widerwärtiges oder gefährliches Geschäft auszuführen, so bediente man sich seiner. Lo-Ruhama tat alles stumm, was man von ihr verlangte. Widerstand? Die Peitsche hätte ihn gebrochen. Trotz? Sie besaß jetzt den Wert einer Leibeigenen und gehörte nicht mehr sich selbst Lo-Ruhama tat alles stumm, was man von ihr verlangte, nur ihre Augen wurden nächtiger Und größer. In ihrer Gasse, die aus einigen Dutzenden würfelförmiger Hütten bestand, aus denen beißender Rauch und seltsame Gerüche drangen, sah man sie häufig am Tage hingehen. Ob sie Lasten trug oder die Enten zum Tümpel trieb, immer ging sie langsam, gemessenen Schritts. Immer war das schmale, bräune Gesicht zur Erde gesenkt, als sänne es über etwas nach. Die Palmen waren schlank, Lo-Ruhama war noch schlanker; die Palmen wuchsen, Lo-Ruhama wuchs noch schneller. - Jemehr sie getreten wurde, um so höher wuchs sie.

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