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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
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561 Stadt Lüneburg. Ihr Raub war Nickel Lifts größte Heldentat, gab aber zugleich Anlaß, daß die unerhörtesten Anstrengungen gemacht wurden, die Bande auszuheben. Im. Jahre 1702 endeten der Hauptmann und fast alle seine Genossen, die man ergriffen hatte, in Celle auf dem Nichtplatze. Die Geschichte der Bande ist ausführlich beschrieben von dem fanatischen Sigismund Hosmann, Stadtprediger in Celle; der Beschreibung ist ein Werkchen angehängt, dessen Titel „Das schwer zu bekehrende Judenherz" den Grimm des braven Pastors gegen die Juden genügend erklärt. Der Jude, dessen Herz so schwer zu erweichen war, war Jonas Meyer aus Wunstorf, eines der gefährlichsten Mitglieder der Bande. Er war mehrmals wegen Diebstahls und Hehlerei in Untersuchung gewesen, galt für einen geschworenen Christenfeind und tat vor Gericht, als wäre er der unschuldigste Mensch von der Welt. Als er zur Hinrichtung gefahren wurde, erhob er ein so furchtbares Geschrei, daß er einen neben ihm sitzenden Delinquenten in seinen bußfertigen Gedanken störte und auf einen anderen Wagen gesetzt werden mußte, wo er die lästerlichsten Dinge gegen die christliche Religion ausrief. Er war zwar solcher Verbrechen geständig, auf die nach den grausamen Strafgesetzen jener Zeit der Tod stand, aber er wollte von der christlichen Obrigkeit weder Ermahnung noch Strafe hinnehmen, sondern er fügte sich nur der Gewalt. Seiner Bitte, einen Rabbiner behufs seiner Vorbereitung zum Tode zu ihm zu lassen, wurde von den Richtern abgeschlagen, „denn," schreibt Hosmann, „ein wilder Eber kann eines verirrten Schäfleins Wegweiser nicht sein, und in einem von Unkraut häßlich zugerichteten Garten wird Sau und Bock wenig Gutes stiften. Ungereimt ist^s, einen wollen zum Freunde Christi bekehren und des Herrn Christi abgesagten Feind und Lästerer ihm zum Lehrer zu geben." Die letzten Augenblicke des großen Verbrechers schildert Hosmann folgendermaßen: „Ich redete ihn mit ganz gelinden Worten -nochmals an, um ihn nicht zu reizen, und sagte: „Jonas, Ihr seid nun in dem letzten Augenblick, daran Himmel und Hölle hanget. Wir bitten Euch nochmals, um Eurer Seligkeit willen, gläubet doch an den Messiam, der Euren Vätern verheißen ist. Wogegen er aber antwortete, er wüßte es wohl, was ich meinte, er hätte mit demselben nichts zu tun. Er glaubte an Gott. Woraus ihm geantwortet wurde, er müßte glauben an Gott, wie er sich in seinem Worte geoffenbaret hätte. Wer das nicht täte, der hätte keinen Gott. Indem wurde alles zu seinem Hinaufzuge bereitet. Wie er nun aber hinaufgewunden ward und nunmehr meinte, er wäre aller Gefahr und absonderlichen Bestrafung, in die ihn seine lästernde Zunge stürzen könnte, entnommen, fing er dasjenige an wirklich zu vollenden, was er auf dem Wege etlichemal wollen anheben, aber bei dem ersten Worte verbissen — aus Furcht einer empfindlichen Strafe. Nun also rief er überlaut: Ich lebe ein Jude, und ich sterbe ein Jude! — Und da er so (!) mit der erschrecklichen Lästerung unserem Heilande geflucht und sich dem Querbalken des Gerichts näherte, vollendete er seine Lästerung mit diesem gräulichen Fluche: Verflucht seien alle die, in deren Herzen eine Ader ist, die an Jesum gläubet! Darauf ries er dem Nachrichter zu, er möge eilen, wol berechnend, daß die Lästerung, wenn er noch lebte, noch Schmerzliches ihm zuziehen müsse." So starb Jonas Meyer. Die über eine so maßlose Frechheit empörten Richter ließen am folgenden Tage den Leichnam vom Galgen nehmen und in die Stadt vor das peinliche Halsgericht schleifen. Dort wurde ein Urteil (!!) gefällt des Inhalts: „daß dem Körper des gestorbenen Jonas Meyer wegen der gotteslästerlichen und schändlichen Reden gegen unseren Heiland, so er gestern zum größten Aergernis der Umstehenden und aller Christen gehalten, die Zunge, mit welcher er sie gesprochen, aus dem Halse gerissen und öffentlich verbrannt, der Körper darauf aber tvieder nach der Gerichtsstätte geschleift und dann, und zwar nebst einem Hunde, bei den Füßen von neuem aufgehängt werden sollte." Das Urteil gegen den Toten wurde sofort in Gegenwart einer großen Menschenmenge vollzogen — ein trauriges Stück Justiz aus der Zeit unmittelbar vor dem Jahrhundert des Naturrechts und der Aufklärung Le ssings und der französischen Revolution. Die Räuber wurden gruppenweise vom Leben zum Tode gebracht. Bei der nächsten Exekution 'wurden unter anderem ein Hamburger Jude- Moses Orsennink, genannt Hoscheneck, und Samuel Löbel hingerichtet. Vorher ermahnte man sie, wenn sie trotz der ihnen gebotenen Mittel zur Seligkeit in der Finsternis beharren wollten, so sollten sie sich hüten, den christlichen Namen und Glauben zu lästern und ein Exempel an Jonas Meyer nehmen. Verfiele einer in dies Verbrechen, so würde dasjenige an ihm im Leben ausgeführt werden, was an jenem im Tode exekutiert worden sei. Den Christen wurde gedroht, wenn sie die Obrigkeit schmähten, würden sie noch vor der Hinrichtung mit glühenden Zangen zerrissen werden. Die Wirkung dieser Drohungen war, daß alle armen Sünder sich still und behutsam benahmen. Hoscheneck und Löbel starben ungetanst. Zuletzt wurden die Juden Salomon David, genannt der Rotkopf, und Alexander Saladin, mit Spitznamen „der kleine David", gehängt; nicht ohne einigen Neid erzählt Hosmann, daß es einem katholischen Geistlichen gelungen sei, den Saladin vor seinem Tode zu bekehren. — Nicht uninteressant ist auch, daß die Geliebte Nickel Lifts eine getaufte Jüdin aus Hamburg war, Anna von Sien oder die Sinche. Sie war ihrem Manne, einem Weinhändler, entlaufen und spielte die Rolle der „schönen Jüdin" mit Glück zu Ende; denn von allen Mitgliedern der Bande war sie das einzige, das sich herauszulügen wußte. „Ein Hauptdieb tritt allhier in seinen Banden auf, Lips Tullian, ein Schalck von Nicol-Listens Geiste, Der Mord und Kirchen-Raub vors beste Handwerk preiste, Drum folgte böser Lohn auf bösen Lebens-Lauff: Der Diebes-Nacken ward durch Henckers Schwert gebrochen. Und seine Missethat durch die Justiz gerochen." „In diesen Versen offenbahrete jemand, dessen Namen die Geschichte der deutschen Litteratur leider vergessen hat, seine absonderlichen Speculationes, so er bei der Justifizierung des großen Räubers hatte." Lips Tullian, dessen wahrer Name Erasmus Schönknecht gewesen sein soll, raubte zuerst mit einer Bande in Böhmen, die unter dem sogenannten kleinen Fourier stand; dieser gab sich für einen Hauptmann aus, sollte in Venedig einen Oberstleutnant erstochen haben und wurde später enthauptet. Als Lips seine Lehrzeit beendet hatte, ging er nach Sachsen, wo er Genossen fand. Auch hier waren Juden beteiligt, viele als Hehler, einige auch als Räuber. Namentlich die Juden in Halle hatten den Ruf, geriebene Hehler zu sein. Von den anderen werden Joel Barg und der getaufte Jude Moses Jonas Hersch Hebstein, mit Beinamen Rabbi Jonas, genannt. Der Hauptmann regierte seine Schar mit einem Brecheisen, das er anstatt eines Kommandostabes führte. Als bei dem Ueberfall eines Pfarrhauses ein Jude den ihm angewiesenen Platz verließ, um zu plündern, wurde er von dem Anführer mit der Brechstange „gar erbärmlich abgeschlagen". Kirchen wurden häufig beraubt, weil sie, nach der frommen Sitte der

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