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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
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Besuche nicht. Wiederholt bin ich. bei meinen Besuchen Roms, trotz der Verwendung des berühmten Orientalisten^ Professor Guidi, vom Besitzer der Vigna abgewiesen worden. Als ich das letztemal, gelegentlich des historischen Kongresses (1903), in Rom war, erfuhr ich, daß diese.Katakomben wieder zugänglich seien. Erst nach Schluß des Kongresses, kurz vor meiner Abreise, konnte ich sie besuchen. Aber es war an dem Tage gerade Kutscherstreik, und ich mußte den weiten Weg über die Via Appia, an den christlichen Kalixt-Katakomben vorbei, bei drohendem Regen zu Fuß machen; hin und zurück drei Stunden. Diesmal fand ich gegen Bezahlung von einer Lire eine alte christliche Frau (auch der Besitzer ist Christ), welche mich mit zwei Kerzen in den unterirdischen Gangen herumführte. Die Grabschriften sind fast nur lateinisch oder griechisch, die Abbildungen selten und roh. Rur zwei Familiengrüfte fand ich schön ausgemalt knit Tierfiguren (darunter ein geflügeltes Pferd) und zwei menschlichen Figuren. Einige Inschriften sind von Garrucci im „Corpus Inscr. graec.“ unb in den oben erwähnten Schriften publiziert worden. Die jüdischen Katakomben vor der Porta Portese sind schon 1602 von Bosio entdeckt, und einige Inschriften sind publiziert worden. Dann sind sie, wie es scheint, wieder verschüttet worden, und die Kenntnis der Lokalität verloren gegangen. Es ist daher erfreulich, daß sie jetzt wieder zum Vorschein gekommen sind, da sie wohl zur Kenntnis der uralten römischen Judengemeinde beitragen werden. Diese Katakomben sind, wie die christlichen Roms, unverletzt geblieben bis auf einige Jnschriftensteine, die man in Museen untergebracht hat. Dagegen sind in Deutschland manche Judenfriedhöfe entweiht, die Grabsteine zerstört oder zu profanen Zwecken verwendet worden. So wurde in Regensburg 1520 gelegentlich der Einführung der Wallfahrt „zur schönen Maria" die Synagoge eingerissen und an ihrer Stelle eine katholische Kirche erbaut, zu deren Bau jüdische Grabsteine verwendet wurden. Die Kirche ist dort zwanzig Jahre später in eine protestantische .umgewandelt worden. Am Charfreitag 1615? wurden in Worms die jüdischen Grabsteine umgestürzt und zerbrochen mit der Motivierung: „Sintemahl es kein christlicher Kirchhof, sondern ein Blutacker, so sind die Menschen, die darunter liegen, nicht wert, daß sie solche stattliche und ewige Gedächtnis haben sollten, und sollte alles Judentum aus der Stadt ausgerottet^ werden." .. Zu Vrivatbauten verwendete jüdische Grabsteine sind vor kurzem in Ofen aufgefunden worden. Sie rühren wahrscheinlich von dem bei der Eroberung durch das christliche Heer 1686 zerstörten Friedhof her. Die römischen jüdischen Grabsteine sind die ältesten im Abendlande, wie ja auch in Rom, wenn nicht die älteste, doch jedenfalls eine der ältesten Judengemeinden bestand. Wenn wir aber alten österreichischen Chronisten glauben sollen, besitzt Wien noch viel ältere jüdische Grabsteine, ja, die allerältesten der Welt. Wie diese Chronisten nämlich erzählen, gab es schon im 19. Jahrhundert vor Christi Geburt Juden in Oesterreich. Nicht etwa gemeine Juden, die mit alten Kleidern handelten oder die Börse besuchten, sondern jüdische Fürsten und Herzoge, die über einen großen Teil des Herzogtums Oesterreich' herrschten und sich mit den benachbarten Herrschern von Böhmen und Ungarn verschwägerten. Anlaß zu diesen Fabeln, an die noch Wiener phantasiebegabte Historiker am Anfang des 17. Jahrhunderts geglaubt haben, gab die Auffindung einiger jüdischer Grabsteine aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, deren Inschriften Von den christlichen Findern mißverstanden wurden. Man las. auf ihnen, wie Bormastier in seiner 1715 erschienenen „Historischen Erzählung von der Kayserlichen Residentzstadt Wien" gläubig berichtet, „klar mit hebräischen Buchstaben" die Jahreszahlen „2560, 3899. und 4016 von Erschaffung der Welt." Diese Grabsteine rührten wahrscheinlich von der bei Austreibung der Juden aus Niederösterreich im Jahre 1420 erfolgten Zerstörung ihres Friedhofs her. Es war in der guten alten Zeit üblich, bei Vertreibung der lebenden Juden auch die Toten zu verfolgen, ihre Friedhöfe zu entweihen, die Grabsteine zu zerstören oder zu profanen Bauten zu verwenden. Und mitunter wendete sich der Vandalismus nur ' gegen die Friedhöfe und Synagogen. Als die Juden im 16. Jahrhundert nach Wien zurückkehrten' richteten sie sich einen neuen Friedhof ein, und dieser hat sich, trotzdem sie 1670 wieder vertrieben wurden, mit allen seinen Grabsteinen bis jetzt unversehrt erhalten. Die Synagogen wurden zerstört oder zu profanen Zwecken verwendet, nur die Ruhestätte der Toten blieb unangetastet. — Nicht durch ein Wunder sondern durch die Pietät und Freigebigkeit der zwei Brüder, der Söhne des Koppel Fränkel. Sie zahlten der Stadtgemeinde Wien die für jene Zeit bedeutende Summe von 4000 Gulden, wogegen diese sich verpflichtete, den Friedhof unter ihre Obhut zu nehmen und ihn stets unversehrt zu erhalten. Nur müßte, da alle Juden abzogen, ein Christ zum Wächter bestellt werden. Und die Stadt Wien hat den Vertrag bis heute treu gehalten trotz aller Stürme, die in diesen dritthalb Jahrhunderten über sie vorübergegangen sind. Bald nach der Vertreibung der Juden wütete die Pest furchtbar in Wien, und man fand auf den Kirchhöfen kaum Platz für die vielen Toten, aber den Judenfriedhof nahm man nicht in Anspruch. Dann kam die Belagerung durch die Türken, die Truppen Kara Mustaphas lagerten -in der Nähe des Friedhofs, der sich' damals außerhalb der befestigten Stadt befand, aber sie ließen den Toten ihre Ruhe. f Als mit Beginn des 18. Jahrhunderts Juden nach und nach sich wieder in Wien ansässig machten) errichteten sie an anderer Stelle einen neuen Friedhof, der bis zur Errichtung des Zentralfriedhofs, weit draußen in Simmering) benützt wurde. So hat der alte, 1671 geschlossene Friedhof den jüngeren, wenn der Ausdruck hier erlaubt wäre, überlebt. Merkwürdigerweise wußten viele Wiener, selbst Juden, bis jetzt nichts von seiner Existenz. Er befindet sich zwar in der ziemlich belebten Seegasse des IX. Bezirks, aber er ist von außen nicht sichtbar. Tritt man aber in das stattliche Greisenasyl der israelitischen Gemeinde ein, so gelangt man bald über Stiegen und dunkle Korridore auf einen großen grasbewachsenen, von Bäumen beschatteten Platz, auf dem mehrere hundert, größtenteils gut erhaltene Grabsteine aufrecht stehen, zwischen denen sich auch einige eigentümlich geformte Sarkophage befinden. Es ist ein stiller Platz von eigentümlicher melancholischer Schönheit, wenn auch nicht so romantisch wie der sogenannte -Judenkirchhöf Ruisdaels in der Dresdener Galerie. Nur hier und da schreitet, die Stille nicht unterbrechend, ein greiser Bewohner des Asyls durch dieses „Haus des Lebens", wie die Juden einen Friedhof nennen. Kunstwerke der Bildhauerei sind die Grabsteine, auf denen hier und da ein Tier, ein Becher oder zwei segnende Hände eingemeißelt sind, nicht. Aber die Inschriften bieten ein reiches Material für die Geschichte der Juden in Wien. Freilich; lesen muß man sie können, und das machen die halb verwischten hebräischen Buchstaben nicht leicht. Und mit dem Lesen allein

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