Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 557

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 557 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228900--66016-3278174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

557 immer mehr zurückging, und letzterer in seinem schwer zu verdauenden Akte „Na^re2-Etudien" den Gegenbeweis aus dem damaligen Judentum heraus zu erbringen versucht, stellt sich Müller ganz neutral zwischen beide, und auf sein Recht pochend, das er sich durch seine erste obengenannte Arbeit erworben, geht er gleich in medias res, d. h. auf die Evangelien selbst ein. Wie er erklärt, handelt es sich ihm darumden Nachweis zu erbringen, daß die in den Evangelien enthaltenen Reden und Ansprachen, ihrer Form nach denselben Gesetzen unterliegen wie die Reden der israelitischen Propheten in früherer und die des Korans in späterer Zeit. Daß aber auch hier und da eine eingehende Textkritik nötig war, bemerkt der Verfasser nur in Parenthese. Diese beiden Arbeiten „Die Bergpredigt im Lichte der Strophentheorie" in „Biblische Studien", Wien 1908, und „Das Johannes- Evangelium im Lichte der Strophentheorie" in den „Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien", Wien 1909, bilden zusammen ein Ganzes, jedoch nicht Vollendetes, da, wie vorauszusehen ist, noch weitere Abhandlungen folgen dürften. Sie bilden eine Filigranarbeit, für die man erst größeres Interesse gewinnt, je eingehender man sie liest, und je aufmerksamer man jene kleinen Interpretationen, welche scheinbar außerhalb der Arbeit stehen, durchstudiert hat. „Ich habe mich," sagt der Verfasser in seinem Vorworte zur Bergpredigt, „bei dieser Untersuchung von den Fragen der „höheren Kritik" nach Tunlichkeit ferngehalten und mich darauf beschränkt, die poetische Kunstform zu ermitteln und die strophische Gliederung auszudecken." Sehr angenehm wird man auch von den einleitenden Worten des Verfassers berührt, er habe sich vor gewaltsamen Eingriffen in den Text möglichst gehütet, unangenehmer aber, wenn er gleich darauf behauptet, daß er sich nur mit schwerem Herzen an die Arbeit gemacht und als „Outsider" sie auch durchgeführt habe, da auf jeder Seite zu ersehen ist, mit welcher Vertiefung und Sachkenntnis das Ganze durchgeführt wurde. Alle Stücke, welche in den vorliegenden Abhandlungen behandelt werden, sind in gebundener Form, bestehen aus einzelnen Strophen und bilden die Responsion. Jede Strophe besteht aus einzelnen Zeilen (Versen), und jede Zeile schließt einen einheitlichen Gedanken in sich, welche sich dann im ganzen Strophengebilde zu einer Einheit verbinden. Entsprechen sich die einzelnen Gedanken derselben Zeilen in den verschiedenen Strophen, so erhalten wir dieResponsion im engeren Sinne. Entspricht der Gedanke der letzten Zeile einer Strophe der ersten der darausfolgenden, so entsteht die „Concatenatio" oder die Verkettung. Sind die Gedanken der ersten Zeilen einer Strophe in den letzten Zeilen derselben Strophe enthalten, so nennen wir es „Inclosio", Einschließung. Nach einer einleitenden Besprechung des 6. Kapitels Matth. Vers 1 — 13, welche im sogenannten originalen griechischen Text und der deutschen Uebersetzung in gebundener Form dargestellt sind, und einer eingehenden Apologie über die Auffassung des Wortes „Zedokah" geht der Verfasser zur eigentlichen Bergpredigt über. Ihr Aufbau ist folgender: Sie beginnt mit den sogenannten Makarismen, d. h. mit den Sprüchen, die mit den Worten: „Selig sind, welche" (Matth. 5, 3—12 und Luk. 6, 20—26) beginnen Und eine Einleitung bilden für die folgende Polemik gegen das alte Gesetz, in der Christus nicht etwa auflösen, sondern nur erfüllen will. Die Polemik selbst besteht aus fünf Antithesen, von denen die ersten drei dem Dekalog entnommen sind, und zwar betrifft die erste (Matth. 5, 21—26) den Mord und besteht aus drei Strophen, zwei Sechszeilern dazwischen ein Fünfzeiler. Die zweite Antithese bezieht sich auf den Ehebruch (Matth. 5, 27—31) und besteht aus vier Strophen, zwei Fünfzeilern, dazwischen zwei Vierzeiler. Die dritte Antithese hat das Schwören zur Grundlage (Matth. 5, 33—37), die vierte umfaßt die Talio der Tat „Auge um Auge", wodurch das Prinzip der Vergeltung eingeschränkt werden soll (Matth. 5, 38—42), die fünfte endlich bildet den Gegensatz zur vierten, durch deren Umprägung das berühmte „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" entsteht (Matth. 5, 43—48). Die letzten drei Antithesen bestehen aus je einer Strophe zu elf Zeilen. Daran schließt sich das Stück von den Splitterrichtern (Matth. 7, 1—9) „Was siehst du den Splitter in des Bruders Auge" und besteht aus zwei Siebenzeilern. Den Gegensatz dazu bildet die Frömmigkeit (Matth. 6, 2—6 und 16—18), die im Almosengeben, Beten und Fasten besteht, eine vollständig durchgeführte Responsion von drei Strophen zu je acht Zeilen. An die erste Strophe nun vom Almosengeben knüpft hier das folgende Stück vom Schatz an, da doch das Geben von Almosen den Schätzen des Himmels gleichkommt (Matth. 6, 19—24). Zwei Siebenzeiler mit folgendem und abschließendem Vierzeiler. Unser ganzes Vertrauen müssen wir vielmehr auf Gott setzen, der „die Vögel des Himmels Und die Lilien des Feldes" versorgt, ein siebenstrophiges in Mattheus und Lukas fast gleichlautendes Gedicht (Matth. 6, 25-34, Luk. 12, 22—32). Es seien hier diezweite und vierte Strophe nach Lukas wiedergegeben: 2. Achtet auf die Raben Sie säen nicht, sie ernten nicht, Sie haben nicht Speicher noch Scheunen, Und Gott ernährt, sie. Wieviel mehr wert seid ihr als die Vögel. 4. Achtet auf die Lilien, Wie sie weder spinnen noch weben, Und doch sage ich euch: War auch Salomo in all seiner Herrlichkeit Nicht so angetan wie eine von ihnen. Zurückgreifend nun zu dem Stück über die Frömmigkeit folgt jetzt ein ganzes Strophengebilde über das Beten (Matth. 7, 6—12 — ßuf. 11, 9—13), ein Sechszeiler, zwei Fünfzeiler und ein Dreizeiter. „Bittet, so wird euch, gegeben, Suchet, so werdet ihr finden, Klopfet an. so wird euch ausgetan." Durch das Almosengeben und das Gebet wird der Weg in den Himmel frei; hinein geht's aber nur durch ein enges Tor (Matth. 7, 13—14 und 21—23). Drei Strophen, zwei Vierzeiler und ein Achtzeiler. Keirien Zutritt haben die falschen Propheten (Matth. 7, 15-20, Luk. 6, 43-46, ein Dreizeiler, zwei Fünfzeiler) worunter die Schriftgelehrten und Pharisäer nach manchen Kommentatoren verstanden werden können. Den Abschluß der Predigt bildet ein zweistrophiges sechszeiliges Gedicht (Matth. 7. 24—27) mit einem Appell, auf die Worte dieser Rede zu hören. — Mit der Bergpredigt schließt aber das Buch noch nicht ab; es folgen noch die Instruktion an die Apostel (Matth. 10, 5—42), eine Rede aus acht Strophen, Achtzeiler, bestehend, die Rede über die Austreibung der Teufel (Matth. 12, 25-32 -- Luk. 11, 17-22 und Mark. 3, 23—29) und zum Schluffe eine eingehende Studie über die Rede gegen die Pharisäer. Die ersten vier Strophen (Matth. 23, 1—12), Fünfzeiler, bilden die Einleitung, enthalten eine Charakteristik der Pharisäer und eine Warnung, ihr Tun. nachzuahmen. Es folgen die sieben Wehe OL-l (Matth. 23, 13—28), zwei Vierzeiler und fünf Fünfzeiler, und laufen durch die letzten zwei siebenzeiligen Strophen in eine Drohung an das lebende Geschlecht aus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.