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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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556 Während bic Mehrzahl der Juden für ihre Kinder eine gründliche und wissenschaftliche Bildung erstrebte, gab es —und gibt es auch heute — in Posen keine Universität; wer die Hochschule besuchen wollte, mußte daher die Provinz verlassen. Aehnlich war es in bezug auf die Technik und die Kunst. Nicht gering wirkten aber auch die mißlichen Erwerbsverhältnisse ein. und hier ist besonders die Ansiedlungs- Politik von Einfluß gewesen, die die wirtschaftliche Lage der Provinz in mancher Beziehung geändert hat. Der Kleinhandel nahm ab, die Vermittlungstätigkeit zwischen Stadt und Land schrumpfte zusammen; gewisse Handwerke wurden durch die ausblühende Industrie und Technik vernichtet oder wenigstens nicht mehr ausreichend ertragsfähig erhalten. Die neuen Straßen und Verkehrsmittel, die veränderte Schiffahrt und die Eisenbahnen ließen Städte veröden, die verkehrsreich gewesen waren. All das war natürlich von erheblichem Einfluß auf die Erwerbs- Verhältnisse. Mancher, der bis dahin sich und seine Familie in angemessener Weiseernährt hatte, sahplötzlich seine Einkommensverhältnisse unterbunden; seine Einnahmen gingen zurück, er mußte anderweit Quellen für seinen Unterhalt aussuchen. Sodann aber hat auch die spezielle Tätigkeit der Ansiedlungskommission zur Verschärfung der Verhältnisse noch wesentlich beigetragen, wenn man ihr auch nicht vorwerfen kann, daß sie bewußt antisemitische Maßregeln ergriffen hat- Man bediente sich der Hilfe der deutschen Juden wohl in denjenigen Städten, in denen man sich ihrer Unterstützung im Kampfe gegen die Polen bedienen konnte, aber man nahm wirtschaftlich nicht' die geringste Rücksicht auf diese deutschen Mitstreiter, von denen ein -großer Teil sich im Handel und Gewerbe ernährte. Wahllos wurden über die ganze Provinz Genossenschaften zerstreut, die dem Ansiedler alles bieten, was er braucht, und alles abnehmen, was er abzusetzen hat. Dazu kamen die polnischen Genossenschaften, die ebenfalls die jüdischen Kausleute schädigten. Aber selbst soweit die Juden nicht zum Handelsstande gehören, sondern Mitglieder der freien Berufe sind, haben sie unter dem von der Ansiedlungskommission und dem Ostmarkenverein in der Provinz zur Blüte gebrachten Geiste zu leiden; während sich die Polen ohnehin absondern herrscht auf seiten der deutschen Beamten und Offiziere ein unleidlicher Kastengeist. Aus der Tatsache der starken Abwanderung der Juden hat man Veranlassung genommen, die Juden als glicht bodenständig" Hu"bezeichnen. Dieser Vorwurf ist aber, wie die Denkschrift erklärt, völlig unberechtigt. Solange die Provinz Posen unter preußischer Herrschaft steht, waren im Gegenteil nur die Polen und die Juden „bodenständig". „Die deutsche Bevölkerung christlichen Glaubens hat, abgesehen von kleinen Gutsbesitzern, den Handwerkern und den Familien der niederen Beamten, niemals dauernd Posen zu ihrem Aufenthalt gewählt. Höhere und mittlere Beamte und Offiziere haben sich nur in Posen aufgehaUen, um möglichst bald wieder in andere Provinzen gelangen zu können. Für die tüchtigeren unter ihnen war die Arbeit in der Provinz nur die Gelegenheit, um sich auszuzeichnen und sich in höhere Stellungen außerhalb der Provinz zu schwingen. Die Söhne der größeren Gutsbesitzer kehrten wohl einmal wieder in die Provinz zurück, um auf einige Zeit einen Landratsposten zu verwalten, aber nur, um von hier aus in die höhere Karriere außerhalb der Provinz Posen zu gelangen. Schulmänner, Postbeamte. Steuerbeamte, alle strebten nach kürzerer Zeit wieder fort in eine andere Heimat." Tie Juden dagegen waren in der Provinz schon vorder preußischen Besitzergreifung vorhanden und haben sich von jeher als Pioniere des Deutschtums erwiesen. Ist doch der Westen Deutschlands ihre ursprüngliche Heimat. Wenn auch ihre Sprache mit einzelnen hebräischen, polnischen und russischen Worten und Lauten untermischt ist, so ist doch der Grundcharakter ihrer Sprache deutsch geblieben; ja, die Juden haben sich das Idiom der früheren deutschen Heimat ihrer Vorfahren so erhalten, daß man an der Art ihrer Ausdrucksweise das deutsche Land und die deutsche' Landschaft erkennen kann, aus der ihre Voreltern nach Polen und Rußland gewandert waren. Es liegt daher im deutschen Interesse, die posenschen Juden ihrer Provinz zu erhalten. Man unterstütze nicht einseitig die Genossenschaften; man weise die Ansiedlungskommission an und wirke auf den Ostmarkenverein dahin ein, daß sie an geeigneter Stelle auch jüdische Ansiedler ansetzen (auch ohne Hilfe der Kommission betreiben einzelne Juden noch in manchen Landbezirken die Landwirtschaft), daß sie ihre Hilfe jüdischen Handwerkern, jüdischen Gewerbetreibenden jüdischen Aerzten. Rechtsanwälten, Apothekern, Lehrern zuteil werden lassen. .Man übertrage die schönen Worte von der Gleichberechtigung der Religionen und vor allem die verfassungsmäßigen-Rechte, die heute nur auf dem Papier stehen, auf die Wirklichkeit, anstatt den Juden ängstlich alle höheren Staatsämter zu verschließen! „Es wird," so schreibt die Denkschrift zum Schluß, „in der Provinz Posen nickt eher sich ändern, und die deutsche Bevölkerung jüdischen Glaubens wird nicht, eher der Provinz Posen zum Schutz gegen die Uebermacht des Polentums erhalten bleiben, als bis den Juden ihre verfassungsmäßigen Rechte in Wirklichkeit eingeräumt werden, und bis bei Ernennung der Offiziere, der Landräte und höheren Verwaltungsbeamten jede Unterscheidung der Religion beseitigt ist." Wir können dieser trefflichen Darstellung nur Anstimmen und ihr baldigen durchgreifenden Erfolg wünschen. ->#<- Mutrktsmentlichr Studien. Von Dr. Sch. Ochser. iederholt schon ist es als große Lücke in dem Lehrplane der Lehranstalten für jüdische Theologie bezeichnet worden, daß dort Vorlesungen zur Einführung der Hörer in die neutestamentliche und keilschriftliche Literatur fehlen. Die Behauptung, daß derartige Vorlesungen von den Hörern auch außerhalb der Seminare besucht werden könnten, sind zwar nicht zurückzuweisen, aber der Besuch solcher Vorlesungen.kann schon deswegen keine fruchtbringenden Erfolge zeitigen, weil sie zu einseitig'sind. Interessant aber können sie dann erst für den jüdischen Hörer werden, wenn sie auf Reziprozität mit denen über alttestamentliche Literatur und Bibelexegese sich aufbauen. Dadurch könnte erst das richtige Interesse geweckt und den Hörern die Handhabe gegeben werden, aus der Reserve herauszutreten und tätigen Anteil am Ausbau der modernen jüdischen Literatur und Bibelexegese zu nehmen. An dem Mangel solcher Vorlesungen allein liegt es, daß wir mit Ausnahme weniger, allerdings hervorragender Vertreter fast gar keine Bibelkritiker haben, und auch nur von annähernder Kenntnis des neuen Testamentes bei jüdischen Theologen, und wenn sie auch noch sehr von der Moderne angehaucht sein mögen, kaum die Rede sein kann. Das Fehlen dieser Disziplin hat aber zur Folge, daß die jüdische Literatur vom zweiten vor- bis zum dritten nachchristlichen Jahrhundert von der modernen Wissenschaft so ziemlich vernachlässigt ist. Schürer in seiner „Geschichte" war eigentlich der erste, der die Entstehungsgeschichte des Urchristentums aus dem Judentum heraus nach bestem Wissen und Gewissen dargestellt hat. Erst A. Büchler ist es gelungen, durch seine große Arbeit über den „am Ha’arez“ sich Gehör zu verschaffen, aber auch hier blieb der erwünschte Erfolg aus, da auch dieser Gelehrte den Bau seines. Werkes nicht ganz vollendet hatte. Nun tritt jetzt zum erstenmal D. H. Müller mit der Kritik eines Teiles des neuen Testaments auf den Plan und dazu in einer so geschickten Weise, daß wir uns eigentlich wundern müssen, daß diese Arbeiten nicht schon längst der Oeffentlichkeit übergeben worden sind. Letztere bilden nämlich gerade das Zentrum jener Arbeiten, welche Müller bereits 1896 unter dem Titel : „Die Propheten in ihrer ursprünglichen Form" veröffentlicht hat. Durch seine neuen Untersuchungen aber stellt sich dieser gerade zwischen die Arbeit Schürers einerseits und die Büchlers anderseits. Während ersterer von historischer und psychologischer Seite den Beweis zu erbringen versucht, daß das geistige Judentum in der Entstehungszeit des Christentums

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