Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228900--66014-3278172- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
555 der sechs Mitglieder des Hauses Cotta, die von 1659 bis 188.8 an der Spitze des berühmten Instituts standen.. Dem Katalog steht eine kurze Geschichte des Hauses voran, und ein Mhang aus dem Briefwechsel Schillers und Goethes mit I. Fr. Cotta aus den Jahren 17D4 bis 1831, eine Auswahl der reichen Korrespondenz, die dem großgesinnten, nirgends kleinlichen Verleger hohe Ehre macht. Wenn in einem jüdischen Blatte dieses Verzeichnisses gedacht wird, so darf wohl darauf hingewiesen werden, daß jüdische noch lebende Autoren: Ludwig Fulda, Fritz Mauthner, verstorbene, berühmte Schriftsteller, wie Eduard Laster und Lazarus Geiger, viele Verlagswerke beigesteuert haben. Berthold Auerbach war und bleibt eine Zierde dieses Verlages; seine Werke erschienen dort in verschiedenen Ausgaben, auch seine jüdischen Arbeiten: „Spinoza" und „Dichter und Kaufmann". Die Werke unseres unvergeßlichen K. E. Franzos sind nach dem Tode des Schriftstellers in den Cottaschen Verlag übergegangen und haben seitdem an Verbreitung unendlich viel gewonnen. Vom „Pojaz" sind seit 1905 bereits acht Auflagen veröffentlicht. An der großen Jubiläumsausgabe Goethes sind jüdische Mitarbeiter in hervorragender Weise vertreten, außer dem Schreiber dieses: Max Herrmann, R. M. Meyer, Max Morris, Otto Pniower. Man schreibt uns aus Oesterreich: Der Kaiser hat den außerordentlichen Professor der Pharmakologie an der Wiener Universität Dr. Otto Löwi zum ordentlichen Professor der Pharmakologie und Pharmakognosie an der Universität in Graz ernannt. Die Ernennung Prof. Löwis, der der jüdischen Religionsgenossenschaft heute noch angehört, ist deshalb von Bedeutung, weil in Graz, dem Sitze des erhitztesten Rassenantisemitismus, seit reichlich 20 Jahren kein Dozent jüdischer Religion oder auch nur „nichtarischer Abkunft" möglich war. Die letzten jüdischen Universitätslehrer, der bekannte pathologische Anatom Zuckerkand! (jetzt Ordinarius in Wien) urid der verdienstvolle Jurist Freiherr v, Scheh (jetzt gleichfalls Ordinarius und Mitglied des Herrenhauses in Wien) wurden etwa um diese Zeit von Graz abberufen. Löwi ist ein hervorragender Schüler und Mitarbeiter des bekannten Chemikers Hans Horst Meyer, mit dem er von Marburg nach Wien kam. An dem neugegründeten Wiener Institut für Pharmakologie bekleidete er die Stelle des ersten Assistenten. Die Grazer Lehrkanzel soll er auch für das Fach der experimentellen Pharmakologie ausgestalten. Prof. Löwis Berufung kam, wie aus bester Quelle verlautet, hauptsächlich dadurch zustande, daß das Grazer Professorenkollegium sich persönlich für ihn beim Minister" einsetzte. — Seit kurzem ist im Kultusministerium zu Wien ein Dezernent jüdischen Glaubens für die Angelegenheiten der jüdischen Religionsgenossenschaft bestellt worden. Es ist dies der bisherige Kustos (Vizedirektor) der Universitätsbibliothek Dr. Salomon Frankfurter, dem gleichzeitig der Amtstitel eines Regierungsrates (ein Rang, der in Oesterreich gleich nach den Mimfterralräten kommt) verliehen wurde. Solche Züge von Toleranz im heutigen christlich-sozial regierten Oesterreich dürften mit Befriedigung verzeichnet werden, i 4 Leider sind solche erfreulichen Züge in der Behandlung der Juden in anderen Ländern nicht eben.häufig. Ein Krawall zwischen Juden und Christen in dem russisch-polnischen Städtchen Radom entstand dadurch, daß Juden eine junge Genossin, die zum Christentum übertreten wollte, aufgriffen und fortschleppten. Der Krawall scheint glücklicherweise keine große Wirkung gehabt zu haben. Aber Rechtßberweigeruugen und Rechtskränkungen sind-in Rußland, eben an. der Tagesordnung. ^Namentlich.in Russisch-Polen wird von Russen und Polen den Inden'jeder Anteilen der jüdischen Selbstverwaltung versagt. In G r o dno und Irkutsk wurden jüdische Lehrer bestraft, weit sie ihren Schülern außer Hebräisch, auch Russisch beigebracht hatten! Juden mit amerikanischen Pässen sollen zwar, wie die „N. I. K." berichtet, in Rußland geduldet werden, wenn sie Nachweisen, daß sie nicht in Rußland geboren oder, wenn dort geboren, vor dem 14. Jahre ausgewandert.sind, .und. daß sie nur kurze Zeit in Rußland zu bleiben gedenken; aber, sie sollen, sobald sie sich in politische Angelegenheiten mischen, gleich Russen behandelt werden. Mit derartigen Zugeständnissen ist jedoch die amerikanische Regierung nicht zufrieden, sondern besteht auf''der absolut gleichmäßigen Behandlung aller ihrer Angehörigen. Dasselbe Blatt, die „N. J.K.", berichtet über ju den feindliche Ausschreitungen in Kanada folgendes: In Kanada breitet sich der Antisemitismus immer mehr aus. Vor kurzem ereignete sich in Montreal ein Vorfall, der an russische Zustände gemahnt. -Im jüdischen Viertel kehrte ein Jude in einem Gasthause ein und wurde dort ahne Ursache von zwei französischen Rowdies plötzlich überfallen und niedergeschlagen. Als ihm einige Juden.beistehen wollten, kamen wie auf Verabredung mehrere Franzosen herbeigeeilt, und es entstand ein förmlicher Straßenkampf, nn dem sich gegen 4000. Menschen beteiligt haben sollen. Die Polizei schritt während der Exzesse nicht ein und trat erst nach .deren Beendigung in Aktion. Ihre Tätigkeit bestand dann darin, daß sie die französischen Exzedenten unter sicherer Bewachung nach Hause, .geleitete, dafür aber mehrere schwerverletzte Juden in Hast nahm und eine gerichtliche Klage gegen sie erhob.. * Vor einigen Tagen wurde die von Justiz rat B. Breslauer auf . dem letzten,Judeutag vorgetragene Denkschrift üher die Abwanderung, des jüdischen Bürgertums aus der Provinz Posen durch den Druck verbreitet mit sehr lehrreichen Tabellen, die die raschere Abnahme namentlich seit 1884 veranschaulichen. Zur Ergänzung unseres früheren Berichts sei hier einiges nach einem sehr sympathischen Artikel der „Freisinnigen Zeitung" mitgeteilt: „Es ergibt sich daraus, daß das Kulminationsjahr — d. h. dasjenige Jahr, in dem in den bisherigen 131 Städten der Provinz die jüdische Einwohnerschaft ihre größte.Zahl erreicht hat — längst hinter uns liegt, und daß insbesondere von 1885 an, also etwa seit Beginn der Tätigkeit der Ansiedlungskommission, keine Stadt in der Provinz Posen die Zahl ihrer jüdischen Einwohner vermehrt hat. Im Jahre 1885 gab es nur noch zehn und 1905 nur noch drei Städte mit mehr als tausend jüdischen Seelen, während es früher deren 27 gegeben hatte. Auch die Zahl der außerhalb der Städte der Provinz Posen wohnenden Juden hat sich auffallend vermindert. Sie betrug 1846 noch.3783, sank dann. 1887 ans 2356 und bis 1905 sogar auf 1389.. Im einzelnen ist die Bevölkerungsbewegung recht ungleichartig.^ Es .zeigt sich.aber das interessante Moment, das; überall in der Provinz Posen, wo eine stärkere Mischung der deutschen und der polnischen Bevölkerung vorhanden ist, die Juden zu einer Abwanderung in minder starkem Grade Veranlassung hgpen. Natürlich, hier kann man sie in dem Natioualitätenkampf gegen die Polen gebrauchen, und hier entsinnt man sich' infolgedessen ihres deutschen Charakters und behandelt sie demgemäß. Von den Gründen, die die Juden zur Abwanderung veranlassen, nennt die Denkschrift zunächst den. länge und vergeblich geführten Kamps um die Gleichberechtigung. Sodann war es insbesondere die für die Provinz Posen angewandte Schulpolitik, die gar manchen und besonders viele jüngere Juden aus der Heimat verdrängte.