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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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554 lichurig unserer Gleichstellung zu arbeiten. Der österreichische Minister für Kultus und Unterricht sagte vor einigen Tagen, daß „für den österreichischen Minister ein höchstes Maß der Ethik unerläßlich sei"v Wir glauben, fürjeden Menschen^ besonders aber für die leitenden Staatsmänner aller europäischen Kulturstaaten.!; Fordern wir so in erster Linie den guten Willen der Regierung, so darf es uns und unseren Freunden an der zähen Ausdauer nicht fehlen, im gesamten öffentlichen Leben für das gegenseitige Hineinwachsen in unser Bürgerrecht zu kämpfen. Liegt denn dieser Kampf wirklich nur in unserem und nicht auch zugleich im allgemeinen Interesse? Spricht der Dahselsche Erpressungsprozeß nicht vernehmlich genug? Als. im Februar 1670 unter Kaiser Leopold I. über die Vertreibung der Juden aus Wien beraten wurde, fand Graf Sinzendorf den Mut zu den denkwürdigen Worten: „Was dann am Ende erfolgen' müsse, wenn man zugestandene und teuer erkaufte Rechte ohne Gründe mir nichts, dir nichts aufhebe; ein solches Verfahren zerstört das Vertrauen in die Regierung auch unter den Christen." Wieviel die Wiener christlich-soziale-Partei beigetragen hat zur Verrohung und moralischen Verwilderung des parlamentarischen, politischen und wirtschaftlichen Lebens in Oesterreich, wird nicht zu den Ruhmesblättern der Geschichte' dieses Staatswesens gehören. IHerings kleines Büchlein „Der Kampf ums Recht" gelesen zu haben, müßte jedem Staatsbürger zur Pflicht gemacht werden. Wie wahr sind-doch seine Worte, daß jeder einzelne bereit sein müsse, für sein Recht als sür^ das Recht und für das Recht als für sein Recht im Rechtskampf einzustehen, soll ein öffentlicher Rechtszustand überhaupt erhalten bleiben. Und auch Paulsens Worte seien unvergessen: „Wer sein Recht kränken läßt, ohne rechtlichen Widerstand zu leisten, der schwächt an seinem Teil die gegen das Unrecht errichteten Schutzwehren überhaupt. Jedes Unrecht richtet sich nicht bloß gegen den einzelnen, sondern gegen die Rechtsordnung überhaupt und vermindert, wenn es erfolgreich ist, ihre Widerstandskraft." Muß Herr v. Bethmann, der Philosoph, diesen Worten nicht beipflichten? Und müßten sie nicht eines der Leitworte sein für unser gesamtes öffentliches Leben? Wie immer jedoch, wir dürfen nicht die Flinte ins Korn werfen, wir dürfen uns nicht freiwillig ducken,-denn schweigend geduldetes Unrecht wird der Feinde Recht. Uns soll nur ein Gedanke leiten: unsere Gleichberechtigung muß eine geschichtliche innere Macht werden. Alles zu tun, was das gegenseitige Hineinwachsen in diese geschichtliche innere Macht fördern kann, sei jedes deutschen Juden, aber auch jedes ehrlich denkenden deutschen Christen vornehmste Pflicht. Hoffentlich wird auch der Reichstag diese Pflicht nicht vergessen und die Regierung an die Ausrechterhaltung der Rechtszustände oft und nachdrücklichst erinnern. m?; Bit Woche. Berlin, 16. November, ährend das sensationslüsterne Publikum mit Gier die Berichte überden Prozeß der Frau Steinheil verschlingt, die mit unglaublicher Routine ihre Rolle zu spielen versteht, haben ernstere Zeitungsleser zwei Angelegenheiten ihr Interesse zugewendet. Die erste ist der Kieler Prozeß, )die zweite, die Verhandlungen der Berliner Generalsynode. Es liegt uns fern, in die Angelegenheiten des Gerichtsverfahrens einzugehen, die sich. bei. der Aburteilung der Unterschleise bei der Kieler Reichswerft ergeben; für uns ist allein däe Tatsache ebenso erwähnenswert wie betrübend, daß die Allgeklagten meistens Juden sind; einigermaßen erheiternd wirkt dieArt, wie sie ihre Helfershelfer oder die Beamten, mit denen sie zu tun hatten. Mit hebräischen der Diebessprache - entlehnten Ausdrücken: Rabbi I und ll, Balboß und Meschores bezeichneten. Wir sind weit entfernt: davon, für die Angeschuldigten ein Gefühl der Solidarität zu empfinden; so wenig die christliche Gemeinschaft sich verantwortlich fühlt für christliche Mörder und Verbrecher, so wenig dulden wir, daß, wenn ein paar jüdische Diebe und Hehler entlarvt und bestraft werden, man sie und ihr Tun dem Judentum zuschiebt. Nur das eine beklagen wir lebhaft, daß es unter den tausenden redlicher jüdischer Händler auch unredliche und entartete gibt. Von besonderer Bedeutung waren die Verhandlungen der Generalsynode über die Irrlehre und deren Bestrafung. Das Gesetz ist nach langen allgemeinen und speziellen Beratungen einstimmig angenommen worden. Eine Einmischung in protestantische Angelegenheiten ist nicht unseres Amtes, wohl aber dürsten wir bei diesen Debatten, wobei nur einzelne mannhafte Worte über die Lehrfreiheit Freude erregten, in uns begnügt sein, daß es bei den Juden keine General - synode und keine Prüfung von Irrlehren gibt, daß der Geistliche nur seinem Gewissen verantwortlich ist, und daß er für seine religiöse Ueberzeugung und deren Verkündung keine Richter hat als seine eigene Gemeinde. Gerade diesen Standpunkt vertrat in einer liberalen Versammlung (10. November) ein Redner, iudem er das Gesetz über die Irrlehre' einen Rückschritt nannte, „insofern es die Beurteilung außerhalb der Gemeinde setzt und einen bedauerlichen Gegensatz zwischen Klerus und Gemeinde schafft". * Literarische Erscheinungen und politische Ereignisse fesselten die Aufmerksamkeit. . A. Ruppin veröffentlicht in der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" (September) eine höchst unterrichtende Statistik der jüdischen Schulkinder in preußischen Schulen. Daraus ergibt sich, daß auch hier direkt und indirekt die Folgen der verminderten Geburtshäufigkeit bei den Juden hervortreten. Außerdem zeigt sie im einzelneil aufs neue die bekannte Tatsache, daß Juden in unverhältnismäßig größerer Zahl Ms Christen die höheren Schulen besuchen. Während 1870 von 100 Kindern 93,67 o/g christliche Volksschulen besuchten, geschah dies nur von 53,49 jüdischen; 1906 war das Verhältnis 92,7 zu 41,9. In den gleichen Jahren wurden Mittelschulen und höhere Mädchenschulen nur von 3,60 (4,59) Christen,'dagegen von 24,74 (32,24) jüdischen Kindern besucht. Bei den höheren Lehranstalten ist der Prozentsatz in denselben Jahren 2,73 (3,34) Christen, 72,77 (26,67) Juden. Man sieht, daß der kleinen Vermehrung christlicher Besucher mittlerer und höherer Lehranstalten ein stetes und bedeutendes Anwachsen der jüdischen entgegensteht. Gewiß ist dies ein höchst erfreuliches Zeugnis für das Bildungsbedürfnis bei unseren Glaubensgenossen, doch läßt sich nicht leugnen, daß in dieser Tatsache, angesichts der wenigen Berufe, die unserer Jugend erschlossen sind, eine sehr große Gefahr für die Vermehrung des geistigen Proletariats für die Zukunft liegt. * Die I. G. Cottasche Buchhandlung, die in diesem Jahre das Jubiläum ihres 250 jährigen Bestehens gefeiert hat, veröffentlicht zur Erinnerung an diesen Tag einen wundervoll ausgestätteten Jubiläumskatalog, geschmückt mit den Bildern

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