Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1909)
- Date
- 1909-11-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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leben. Der Rede folgten Gesänge mit Orchesterbegleitung. Abends fand zu Ehren des Jubilars im oberen Saale des Konzerthauses ein großes-Festbankett statt, an dem sich etwa 180 Personen beteiligten. Unter den zahlreichen Ehrengästen befanden sich Herr Oberbürgermeister Mentzel als Vertreter der Stadt, die Herren Pfarrer Jaglo von der katholischen und Pastor Schmidt von der evangelischen Gemeinde, Herr Direktor Smolka vom Königlichen katholischen Gymnasium und Herr Direktor Haußknecht von der Oberrealschule, ferner Herr Stadtrat Dr. Krug als Vertreter der Armenzperwaltung und Herr Dr. Repetzky als Vertreter der Philomatie. Erschienen - war auch eine große Anzahl von Amtsbrüdern des Jubilars aus der Umgebung sowie zahlreiche Gemeindemitglieder. Während des Banketts wurden viele schöne Reden gehalten, in denen einmütig hingewiesen wurde auf die Achtung, Liebe und Verehrung, deren sich der Jubilar als Prediger, Gelehrter und Mensch in gleich hohem Maße schon immer erfreute. Gegen 12 Uhr erreichte das Bankett sein Ende. Die Art und Weise, wie der Jubilar geehrt wurde, gereicht allen Beteiligten in gleichem Matze zum Lob. Dl. Hamburg, 2.November. HerrHermann v.Son, Inhaber des Bankhauses Sally Roßkam, ist nach kurzer Krankheit im Alter von 53 Jahren gestorben. Der Verblichene, .der auch viele Jahre dem Repräsentantenkollegium des Tempelverbandes angehörte, erfreute sich in weitesten Kreisen allgemeiner Achtung und Wertschätzung. Die Bestattung fand gestern mittag vom Sterbehause Klosterallee aus statt. Außer den Vorstehern und Repräsentanten der Tempelgemeinde, den Delegierten vieler Vereine und Institutionen hatte sich eine große Anzahl Leidtragender eingefunden. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner Dr. Leim dörfer, der, anknüpfend an die Worte aus Genesis Kap. 24, Vers 56: „Haltet mich nicht auf, da der Ewige hat gelingen lassen meinen Weg; entlasset mich, daß ich ziehe zu -meinem Herrn", ein getreues Lebensbild des Dahingeschiedenen entwickelte, der sich auf den verschiedensten Gebieten segensvoll betätigte, namentlich aber durch seinen Wohltätigkeitssinn sich große Verdienste erworben hat. Mit Trostesworten an die Hinterbliebenen schloß die wirkungsvolle Rede. Im Namen des Repräsentantenkollegiums widmete Herr Ad. Kimmelstiel dem Verblichenen ein tiefempfundenes Abschiedswort. Für die Loge „Ferdinand Caroline" hielt Herr Ad. Goldfchmidt noch einen herzlichen Nachruf. Der imposante Leichenkondukt bewegte sich nach dem Friedhof in Ohlsdorf, woselbst nach einem Segenswort des Geistlichen die Beisetzung erfolgte. 8. Münster, 25. Oktober. Die im Jahre 1825 begründete Marks-Haindorfsche Stiftung zur Bildung von Elementarlehrern und Beförderung von Handwerken und Künsten unter den Juden teilt in ihrem soeben erschienenen 44. Rechenschaftsbericht für die Zeit vom 1. April 1907 bis 1. April 1909 mit, daß die Durchschnittsziffer der Seminarklassen 19, der Elementarklafsen 37 und der Religionsklassen 27 Schüler betrug. Ostern 1908 wurden 6, Ostern 1909 3 Schüler aus der Anstalt entlassen, nachdem sie das Religionsexamen und vor der Königlichen Prüfungskommission die Volksschullehrerprüfung bestanden hatten. Als ein Beweis für die erfolgreiche und wiederholt von der staatlichen Behörde anerkannte Arbeit der Anstalt darf wohl hervorgehoben werden, daß in den letzten elf Jahren, also gerade in der Zeit der Steigerung der Ansprüche an die Ausbildung per Zöglinge, alle Zöglinge vor der Königlichen Prüfungskommission bestanden haben. In der Anstalt sind Hunderte von Lehrern bereits ausgebildet worden, beren segensreiches Wirken Tausenden zugute gekommen ist. Bei ihrer.Arbeit ist die Anstalt jedoch aus das opferwillige Wohlwollen der Gemeinden und. Personen angewiesen, die dem Wirken einer Lehrerbildungsanstalt Verständnis und Interesse entgegenbringen. Alle Zöglinge erhalten unentgeltlichen Unterricht und die meisten ffreie Verpflegung im Hause. Dabei ist es das Bestreben der Anstatt, alle zeitgemäßen Anforderungen zu erfüllen, die man. an die Ausbildung eines jüdischen Lehrers zu stellen berechtigt ist. Bei den alljährlich sich steigernden Ausgaben verdient deshalb die dringliche Bitte des Kuratoriums, zu dessen Vorsitzenden Herr Siegfried Feibes in Münster an Stelle des zum Ehrenpräses ernannten Herrn Stern gewählt worden ist, die bisherigen Zuwendungen an die Anstalt ^zu erhöhen und die Zahl der Förderer der Anstalt zu vergrößern, nachdrüÄiche Unterstützung. V Frankfurt a. M., 3. November. Die Beerdigung des Gründers der „Frankfurter Zeitung", Leopold Sonnemann, die heute vormittag 9 Uhr auf dem israelitischen Friedhof in Frankfurt stattsand, gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung, an der viele Hunderte von Leidtragenden, darunter Vertreter der Regierung, des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung, hervorragende Persönlichkeiten der Frankfurter politischen, Handels-, Finanz- Industrie-, Kunst- und Theaterkreise teilnahmen. Die Gedächtnisrede am Grabe des Verstorbenen hielt der Reichstags- und Landtagsabgeordnete v. Payer, der das Leben und Wirken des verdienstvollen Parteiführers in ausführlicher Rede würdigte und dem unermüdlichen Verfechter des Fortschritts und der Freiheit, dem teueren Freund herzlichsten Dank zollte. Dann sprachen noch Vertreter des Verlages der „Frankfurter Zeitung", des Stadtverordnetenkollegiums, der Deutschen Volkspartei, der badischen Parteigenossen, des Demokratischen Vereins, der Bayerischen Volkspartei, der Freisinnigen Volkspartei, des Berliner und Frankfurter nationalsozialen Wahlvereins, der neuen Demokratischen Vereinigung, der Stadt Höchberg, vieler Landesvereine, des städtischen Museums usw. Leopold Sonnemann, der aus kleinen Verhältnissen entstammte, hat seiner jüdi. schen Abstammung stets Ehre gemacht, und als Zug seines Edelmuts möge hier erwähnt werden, daß er in seinen gesunden Tagen es nicht vergaß, das Grab seiner Eltern auf dem kleinen Friedhof in Höchberg bei Würzburg, wo seine Wiege stand, von Zeit zu Zeit aufzusuchen. Bei dieser Gelegenheit bekundete er auch stets Interesse für die dort bestehende jüdische Präparandenschule, und als man dort den Musikunterricht vor 20 Jahren einführte, schenkte er die hierzu benötigten Klaviere der Anstalt. Alljährlich ließ er seinen Beitrag dieser Anstalt überweisen und zeigte so ein Interesse für die Fortbildung der jungen Lehrerkandidaten und für die Entwicklung seines Geburtsortes. Leopold Sonnemann war in religiöser Beziehung freier Gesinnung wie auch in seiner politischen Denkungsart, doch ein guter Jude ist er in seinem Herzen stets geblieben. Die „Frankfurter Zeitung" führt deshalb auch heute noch den Schimpfnamen „Judenblatt", was für sie gewiß nur ein Ehrentitel sein kann. Am Grabe des bedeutenden Politikers, der auch mit dem ersten Reichskanzler manchen Strauß im Reichstage sowohl als in seinem Organe ausgefochten, gedenken wir aller seiner Leistungen für die jüdische Gleichberechtigung in allen Ländern und möchten nur hoffen, daß viele Jünger seinen Fußtapfen folgen möchten. Sein Andenken bleibt uns alle Zeit gesegnet, und seine vielen gemeinnützigen und wohltätigen Unterstützungen für alle Bedrückten und Leidenden der Menschheit werden unvergessen sein. OesterreLch-Nnsarn. *** Wien, 2. November. Für das gute und friedliche Zusammenleben der serbischen und jüdischen Bevölkerung in Kroatien lieferte uns ein schönes Beispiel die zweitägige Anwesenheit des Oberhauptes der serbischorthodoxen Kirche, des Patriarchen und Erzbischofs Lucian Bogdanowitsch in Zemun. Eingeladen von der serbischen Kirchengemeinde, beteiligten sich sämtliche dortigen jüdischen Körperschaften an den Festlichkeiten zu Ehren deS Patriarchen, von dem sie auch in besonderer Audienz empfangen wurden. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der Patriarch über die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung und erklärte mit Nachdruck, daß sich seine Beziehungen zu den Juden allezeit sehr freundschaftlich gestaltet haben. Beim Bankett hat die Begrüßungsansprache des Rabbiners im Aufträge des Patriarchen dessen Sekretär Prof. Dr. Zirtsch mit einer formvollendeten hebräischen Rede beantwortet. Vor seiner Abreise hat der Patriarch den Rabbinern der aschkenasischen und sephardischen Gemeinden Besuche abgestattet. — Aus Tarnopol wird folgender interessante Vorfall berichtet: Die Enkelin des frommen Juden Blei in Rzymatow bei Tarnopol war von einigen Personen überredet worden, sich im Nazarethkloster in Lemberg taufen zu lassen. Alle Bemühungen der Juden, das Mädchen aus dem Kloster zu bringen, blieben erfolglos. Nun erschien dieser Tage im Kloster ein Polizeikommissar mit einem Gerichtsdiener und einem Detektiv, die nach einem Verhör mit der Oberin erklärten, das noch ungetaufte Mädchen zu Gericht bringen zu müssen. Vor dem Kloster wartete ein Wagen, in dem das Mädchen zu ihrem Großvater gebracht wurde. Die Kommission bestand, wie